Über die Freiheit, künstlerisch tätig zu sein, die Lücken der Gleichberechtigung und
die Frage nach Aufklärung bei einer Abtreibung sprach Daisy Schengen mit der
in Luxemburg praktizierenden Frauenärztin Dr. Hilly Kessler.

Tageblatt: Dr. Kessler, Sie sagen, nach Ihrem Umzug nach Luxemburg habe Ihr Alltag als niedergelassene Frauenärztin es endlich erlaubt, „der Kunst mehr Zeit einzuräumen“. Schon während Ihrer Studienzeit haben Sie Ihre Bilder bei kleinen Ausstellungen und Kunstmärkten gezeigt, 2007 fand Ihre erste große Ausstellung in Luxemburg statt. Wie würden Sie Ihre Kunst und Ihren Stil beschreiben?
Dr. Hilly Kessler: Ich war erstaunt, wie positiv meine Bilder damals bewertet wurden. Zumal ich meine eigene Richtung male, nicht wie es modern oder konform ist. Ich bin froh, dass ich nicht von der Kunst leben muss, weil ich dann malen kann, was ich möchte. Das nimmt einen gewissen Druck ab, dem aktuellen Geschmack der Zeit zu entsprechen.

Meistens sind meine Bilder figurativ. Ich probiere gerne Techniken aus, das hängt auch mit meiner „technischen“ Vergangenheit zusammen, mit Farben, mit Craquelé (kleinen Rissen auf der Farboberfläche, Anm. der Red.), mit Materialien, um unterschiedliche Zeitalter zu suggerieren.

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Ein bisschen erinnert mich meine Kunst an mein Leben, keinesfalls geradlinig, sondern eine Mischung aus vielem. Art déco, Kleidung, Schmuck, Design – da darf alles darin vorkommen.

Am 8. März war Internationaler Frauentag. In Ihrem Beruf betreuen Sie täglich viele weibliche Patientinnen. Was ist Ihr Eindruck: Ist die Gleichberechtigung heute in unserem Alltag fest verankert? Welche Sorgen treiben die Frauen um?
Ich habe das Gefühl, dass Frauen immer noch viel mehr leisten und präsent sein müssen. Viele tragen außerdem die Doppelbelastung, haben Kinder, sind voll berufstätig und sagen dann: „Mein Mann hilft mir im Haushalt.“ Dass Frauen diese kleine Beteiligung der Männer am Familienalltag so sehr anerkennen, regt mich immer wieder auf.

Mein Wunsch wäre es, dass die Belastung mehr aufgeteilt ist und dass man der Frau kein schlechtes Gewissen dafür macht, dass sie berufstätig ist. Eine Frau, die studiert hat, will in der Gesellschaft etwas bewirken, bekommt aber immer wieder Druck, indem man ihr beispielsweise sagt, sie wäre eine „Rabenmutter“. Ein Mann hingegen, der Karriere macht, wird selten als „Rabenvater“ bezeichnet.

Außerdem bekommen Frauen mit Kinderwunsch oder Mütter durch die Auszeit für die Kinderbetreuung ganz oft einen Karriereknick. Die Gesellschaft mag Kinder, Nachwuchs zu haben wird politisch gefördert, aber am Ende werden die Frauen benachteiligt, wenn ein Paar Kinder in die Welt setzt.

Denken Sie an kranke Kinder: Im Büro des Vaters hat meistens keiner Verständnis dafür, wenn dieser sich deshalb einen Tag freinehmen soll. Es wird als eine Art Selbstverständlichkeit hingenommen, dass die Mutter nach Hause fahren und sich um das Kind kümmern muss. Und solange Frauen weniger verdienen als Männer, wird sich nur langsam etwas an der Situation ändern.

Obwohl es im Zusammenhang mit Elternurlaub in Luxemburg in den Familien meiner Patientinnen viele positive Beispiele gibt. Früher wäre es undenkbar gewesen, sich als Mann in einer leitenden Position Elternzeit zu nehmen. Mir ist ein Fall aus einer Bankfiliale bekannt, in der mehrere junge Männer Vaterschaftsurlaub nehmen. Möglicherweise hat die Filialleitung erkannt, dass der Laden dabei nicht zusammenbricht, wenn man sich gut zu organisieren weiß.

Ich denke, Kinder brauchen beide Elternteile. Das ist nicht immer möglich, aber es wäre toll für die Familie, wenn die Väter mehr in die Erziehung einbezogen würden.

Veränderungen brauchen Zeit. Es hat sich aber auch auf der Seite der Väter einiges geändert. Die Väter aus meiner Generation trauen ihren Töchtern heute mehr zu, unterstützen sie tatkräftig bei ihrer Ausbildung. Das ist insofern anders als früher, da damals nur der Sohn studieren durfte und für die Tochter nur die Lehre zur Verkäuferin übrig blieb.

Außerdem sind die Frauen heute den Männern oft weit voraus. An den Unis erzielen sie häufig die besseren Abschlüsse, weil sie es gewohnt sind, sich immer mehr anzustrengen. Ihre höhere Bildung und die sich dadurch ergebenden Chancen betrachte ich als sehr positiv.

Diese hochgebildeten, tollen, schönen, starken Frauen sind sehr zielstrebig und bleiben trotzdem sehr nett, sind liebevolle Mütter und schaffen es, eine hohe soziale Intelligenz zu bewahren. Die „Blaustrumpf“- oder „Harte Karriere“-Frauen, wie sie früher betitelt wurden, treffe ich in der heutigen Frauengeneration kaum mehr an.

Ende Februar wurde der „Nationale Aktionsplan zur Förderung sexueller und affektiver Gesundheit“ vorgestellt. Ausgearbeitet wurde er durch die Ministerien für Gesundheit, Familie, Bildung und Gleichstellung. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger will sich der neue Aktionsplan an die gesamte Bevölkerung richten und verstärkt auf Aufklärung, Sensibilisierung und Prävention setzen. Wie schätzen Sie das Programm als Frauenärztin ein?

In meiner Praxis erlebe ich oft junge Frauen zwischen 16 und 25, die im Zusammenhang mit Sexualität und Selbstbestimmung sehr selbstbewusst sind, sich in ihrer Einstellung dazu nicht beirren lassen.

In solchen Momenten denke ich, wie sehr es sich gelohnt hat, für Feminismus, oft Schulter an Schulter mit Alice Schwarzer, auf die Straße zu gehen oder sich seit nun mehr 20 Jahren beim „Planning familial“ zu engagieren.

Nichtsdestotrotz geht die Unterdrückung der Frau mit einer sexuellen Unterdrückung einher. Selbstbestimmung sollte meiner Meinung nach für Frauen und Männer gleichermaßen gelten. Denn dieses Recht auf sexuelle Selbstbestimmung schützt auch unsere Kinder.

Es geht aber auch um die jungen Männer, um die Generation der künftigen Väter. Viele von ihnen werden durch frei zugängliche pornografische Inhalte im Netz „aufgeklärt“. Unsere Aufgabe als Gesellschaft ist es, den Jungen und Mädchen die Grundlagen von Liebe und sexueller Partnerschaft zu vermitteln, sie zu ermutigen, über ihre Emotionen und Ängste zu sprechen.

Im Februar stimmte der Deutsche Bundestag über eine Regelung (Paragraf 2019a) ab, die Ärzten Werbung über Abtreibungen verbietet, fachliche Informationen aber zulässt. Eine Frauenärztin aus Gießen hatte die Debatte ausgelöst, als sie entsprechende Inhalte auf ihrer Webseite veröffentlichte. Inzwischen ist sie dafür rechtskräftig verurteilt worden. Wäre ein solcher Fall in Luxemburg möglich? Was ist hierzulande anders im Bezug auf das Thema Schwangerschaftsabbruch?

Der Fall beunruhigt mich sehr. Die Kollegin warb nicht für Abtreibungen, sie informierte vielmehr darüber. Jeder Mensch hat ein Recht auf Aufklärung. Ob es sich dabei um einen Schwangerschaftsabbruch oder eine Blinddarmoperation handelt, spielt keine Rolle. Eine Abtreibung ist nichts, was einem Arzt besonders Spaß macht – das muss man ganz klar sagen. Es ist aber eine Situation, die vor allem für die betroffene Frau am schwierigsten ist. Wir als Ärzte begleiten sie in dieser Lage, daher finde ich es wichtig, dass sie Zugang zu entsprechenden Informationen bekommt, auch über die Webseiten von Ärzten.

Das oberste Ziel ist für mich eine gute Empfängnisverhütung. Hier haben wir in Luxemburg große Fortschritte gemacht, als entschieden wurde, die Kosten für Verhütungsmittel für Frauen bis 30 zu 80 Prozent rückzuerstatten. Das ist ein guter Weg, ebenso wie die Verhütungsmittel für Teenager, die sie beim „Planning familial“ auch ohne die Erlaubnis der Eltern bekommen dürfen.

In Luxemburg haben wir beim „Planning familial“ in den letzten 20 Jahren, in denen ich dabei bin, viel Unterstützung aus der Politik bekommen. Der niedrigere Mehrwertsteuersatz auf Binden und Tampons, den die Regierung jetzt im Budget fest verankert hat, war längst überfällig. Für Männerhygiene-Produkte – zum Beispiel jene fürs Rasieren – galten die drei Prozent schon immer …

Und „last but not least“: Menschen- und Frauenrechte gehen für mich Hand in Hand. Wie es um die Menschenrechte in einem Land bestellt ist, lässt sich sehr gut an der Situation der Frauen ablesen und umgekehrt.

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