Tausende Schüler weltweit schwänzen am morgigen Freitag die Schule, um sich für das Klima einzusetzen – auch in Luxemburg. Sie folgen dem Aufruf der jungen Schwedin Greta Thunberg und fordern eine konsequente Klimapolitik. Dr. Helmut Willems ist Jugendforscher an der Uni Luxemburg. Er glaubt, hinter dem Streik für das Klima steckt mehr als nur ein vorübergehender Trend.

Tageblatt: Ist der Klimastreik bei den Jugendlichen nur ein Trend oder hat die Bewegung Potenzial, etwas zu verändern?

Prof. Dr. Helmut Willems: Jeder Trend hat ein Potenzial in sich – nur deshalb ist er zum Trend geworden. Die junge Schwedin Greta Thunberg hat es mit ihrer Idee und deren Vermarktung über die sozialen Medien geschafft, weltweit Aufmerksamkeit zu erregen. Ihre Botschaft ist keineswegs harmonisch. Es ist eine Kampfansage an die älteren Generationen. Sie sagt, ich will nicht eure Zustimmung, sondern ich will eure Panik erzeugen. Dahinter steckt die Dringlichkeit des Themas, auf das sie hinweisen will: die Gefährdung unserer Lebensgrundlagen durch die Klimakatastrophe. Es ist also mehr als nur ein billiger Trend. Die Bewegung geht mit einer gewissen Ernsthaftigkeit einher. Das spricht offensichtlich viele junge Menschen weltweit an.

Wie kommt es, dass eine 16-Jährige so viele Menschen anspricht?

Die Aktion, freitags nicht zur Schule zu gehen, ist eine sehr findige Marketingstrategie. Sie ist über die sozialen Medien und auch alle anderen Medien weltweit getragen worden. Der Schulstreik ist mit einem ernsten Thema verbunden, über das weltweit gestritten wird. Die Menschheit stellt gerade fest, dass die Spuren einer Klimakatastrophe immer deutlicher werden. Gleichzeitig gibt es weltweit immer mehr führende Politiker, die leugnen, dass das etwas mit unserem Lebensstil zu tun hat. Dann kommt Greta Thunberg mit ihrer Idee. Sie ist für jeden Schüler praktikabel. Es verlangt nicht zu viel. Es ist ein Stück soziales, politisches Engagement, das wir alle von Jugendlichen erwarten. Zugleich ist es etwas, das leicht umsetzbar und nicht zu radikal ist. Insofern ist der Schulstreik perfekt geeignet, um möglichst viele junge Leute zu finden, die sich der Bewegung anschließen.

Welche Generation ist am Protest beteiligt?

Das ist zunächst einmal die jetzige Schülergeneration – junge Menschen, die mit den sozialen Medien groß geworden sind. Der weltweite Trend konnte nur ausgelöst werden, weil diese Generation im Internet lebt und aktiv ist. Zugleich ist dies auch die Generation, die sagt: « Wir sind unmittelbar betroffen von dem, was ihr als Erwachsenengesellschaft jetzt nicht hinbekommt. Ihr macht keine politischen Entscheidungen und verabschiedet keine greifbaren Politiken, die wirklich etwas an der Klimasituation ändern würden. »
Die, die jetzt auf die Straße gehen, sind zu einem Großteil noch unter dem Wahlalter. Sie haben noch nicht das volle politische Mitspracherecht. Das Betroffensein durch das gesellschaftliche Handeln und Nichthandeln kommt zusammen mit der Tatsache, politisch nicht repräsentiert zu sein – eine Kombination, die eine bestimmte Dynamik erzeugen kann.

Stimmt es, dass es die erste Generation seit Langem ist, die sich wieder politisch engagiert?

Im Wechsel der Generationen gibt es immer Konjunkturen, in denen sich mal mehr, mal weniger politisch engagiert wird. Es ist sehr spannend zu sehen, ob sich vor dem Hintergrund der Klimakatastrophe eine neue soziale Jugendbewegung entwickelt. Der Trend ist da, aber es gehört mehr dazu, um so etwas dauerhaft am Laufen zu halten. Soziale Bewegungen brauchen klare Ziele und ein bestimmtes Maß an Institutionalisierung. Junge Menschen dieser Generation haben dieses weltweit große Thema aufgegriffen und zur Grundlage ihres politischen Handelns gemacht – das ist sicherlich neu.

Ist es neu, dass es eine globale Bewegung ist?

Das ist nicht so neu. Wir nehmen es nur so wahr, weil es in dieser Schnelligkeit passiert. Für uns ist es überraschend, dass eine junge Schwedin Solidaritätsbekundungen aus der ganzen Welt erhält. Das ist der Schnelligkeit und Dynamik der jetzigen Zeit und ihren Kommunikationstechnologien geschuldet. Aber die sozialen Bewegungen und auch die Jugendbewegungen hatten immer schon etwas Grenzüberschreitendes. Die Generation der 1968er war eine weltweite Bewegung von Studenten. Auch die große Revolution der 1980er-Jahre, die Ökologie- und Friedensbewegungen, waren nicht national begrenzt, sondern hier waren junge Menschen aus sehr vielen Ländern durch dieses Thema motiviert, auf die Straße zu gehen.

Kann es gefährlich sein, dass politische Parteien diese Bewegung nutzen, um Jugendliche zu rekrutieren?

Ja und nein. Die Instrumentalisierung von Ideen oder auch der Versuch, diese jungen Menschen zu den jeweiligen Parteien zu locken, kann – wenn es ernst gemeint ist – eine Unterstützung der Sache sein. Parteien sind viel stärker in der Lage, solche Themen in die politischen Entscheidungsprozesse mit einzubringen, als eine Jugendbewegung das ist. Auf der anderen Seite wird das natürlich jede Jugendbewegung selbst immer als Gefahr ansehen, dass bereits etablierte Institutionen sich ihrer Ideen und Thematiken bemächtigen.

Greta Thunberg und die Jugendbewegung sind gerade mit viel Hass im Netz konfrontiert. Wie sehen Sie das?

Dass man den jungen Menschen, die jetzt auf die Straße gehen, ihren Lebensstil vorwirft und so versucht, die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens zu diskreditieren, das halte ich für unangemessen. Wir alle können nicht von einem Tag auf den anderen unseren Lebensstil so ändern, dass wir uns als echte Ökos und Umweltaktivisten darstellen können. Ich weiß sehr wohl, dass das Bewusstsein über gewisse Widersprüchlichkeiten bei vielen jungen Menschen präsent ist.

Wie sehen Sie die Generation, die jetzt auf die Straße geht, im Erwachsenenalter?

Im Jugendalter wird viel ausprobiert, was später wieder vergessen wird. Viele identitätsrelevante Entwicklungen im Jugendalter haben einen Versuch-und-Irrtum-Charakter. In dieser jungen Generation, die für die Klimapolitik auf die Straßen geht, findet eine aktive Selbstreflektion und Selbstbefragung statt. Diese jungen Menschen denken darüber nach, wie sie ihren Lebensalltag gestalten. Plastik, Reisen und Ernährung sind riesige Themen. Ich glaube, dass diejenigen, die über diese neuen Lebens-, Ernährungs- und Konsumgewohnheiten ernsthaft nachdenken, in der Gesellschaft etwas bewegen. Sie beeinflussen ihre Nachbarn, ihre Freunde, ihre Eltern, ihre Mitschüler. Ob sie das ein Leben lang so durchhalten und wie sich das einpendelt, darüber kann man wenig sagen. Aber dass es diese Veränderungsbereitschaft und das ernsthafte Nachdenken darüber jetzt in der jungen Generation gibt, darauf sollte unsere Gesellschaft stolz sein.

Wieso dauert es immer etwas länger, bis Trends bei uns in Luxemburg ankommen?

Um auf Anstöße von außen zu reagieren, braucht es eine kritische Masse. Diese kritische Masse von Gleichgesinnten ist in anderen Ländern, wo es viel mehr Jugendliche gibt, ganz einfach eher erreicht. In Luxemburg haben wir dadurch oft das Phänomen, dass einzelne Jugendliche zwar eine Affinität zu solchen Trends und Bewegungen entwickeln, aber es dauert dann, bis sie genügend Gleichgesinnte finden, um etwas daraus zu machen. Es mag auch etwas damit zu tun haben, dass viele Jugendliche und generell viele Menschen in Luxemburg sehr wohl wissen, in welcher Art von Wohlstandsgesellschaft sie hier leben. Sie vergleichen dies natürlich mit Nachbarländern. Niemand verlässt das Paradies freiwillig – in reichen Wohlstandsgesellschaften steht für den Einzelnen viel auf dem Spiel.

Ist es ein Privileg, zu streiken?

Die Schüler tun das, was sie tun, weil es ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erzeugt. Sie gehen ein relativ geringes Risiko für sich selbst ein. Die Schulen weltweit werden nicht bereit sein, die Schulpflicht einzufordern. Sie werden die Jugendlichen sicherlich nicht dafür bestrafen, dass sie gestreikt haben. Insofern nutzen die Schüler eine Waffe, die eigentlich aus dem Arbeiterkampf kommt, haben aber bei Weitem nicht die gleichen Konsequenzen zu tragen. Ich nehme diesen Schülern die Betroffenheit ab, in Angesicht einer sich zuspitzenden Umweltkatastrophe einerseits und einer Weltgemeinschaft, die nicht in der Lage ist, zu reagieren, andererseits.

Ein gängiger Vorwurf ist, die Schüler gingen am Freitag nur streiken, um schulfrei zu haben.

Die ganze Generation ist in einem Schulsystem aufgewachsen, das die Bedrohung des Klimas immer schon gelehrt hat. Die Jugendlichen kennen nichts anderes als ein bedrohtes Klima und die Angst um eine Verschlimmerung. Es ist für sie ein greifbares Thema, das leicht kommunizierbar ist. Ich glaube schon, dass sie sich damit identifizieren und hinter diesem Thema stehen. Genauso stehen sie hinter der Forderung, dass endlich greifbare politische Entscheidungen getroffen werden müssen. Natürlich ist es immer so: Wenn zum Streik aufgerufen wird, kommen viele, weil sie von der Sache überzeugt sind, aber es kommen auch andere, die weniger überzeugt sind oder vielleicht gar nicht richtig wissen, worum es geht. Und bei gutem Wetter kommen noch mehr. Das sind aber keine Kontextfaktoren, die die Ernsthaftigkeit der Protestaktion infrage stellen.

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