Drei Viertel allen Internetverkehrs, den die Luxemburger generieren, läuft über einen einzigen Netzwerkknoten: Der Datenring von LU-CIX transportiert Filme, Bilder, Webseiten, Nachrichten, Programme und Facebook-Kommentare mit atemberaubender Geschwindigkeit durch das Land. Und das „interne“ Luxemburger Netzwerk ist auch ein Faktor für die nationale Sicherheit.

Wer das Herz des Internets in Luxemburg schlagen sehen will, muss nach Bettemburg kommen. In einem Industriegebiet zwischen Autobahn und Containerbahnhof ragt dort ein grauer Gebäudekomplex in den noch graueren Himmel.

Drei Schleusen muss der Besucher passieren, um in die Tiefen des Datenzentrums vorzudringen. Dort steht ein Serverschrank, in den drei flache Ethernet-Switches hineinmontiert sind. Grün und gelb blinkend verrichten sie ihren Dienst. Aus dem oberen ragen drei schmale blaue Kabel. „Das ist der Backbone“, sagt Claude Demuth. Das ist das Herz des Luxemburger Internets.

 

Claude Demuth ist 48 Jahre alt. Er trägt einen Anzug, aber keine Krawatte. Er ist Netzwerkingenieur, Telekommunikationsexperte, Manager – und der Chef des nationalen Internetknotens LU-CIX. „Drei Viertel des Internettraffics, den die Menschen in Luxemburg generieren, bleibt in Luxemburg“, sagt er und fasst mit der Hand zärtlich an eines der blauen Kabel. „Und dieser Traffic geht über LU-CIX.“

Datenring durch Luxemburg 

Jeder der Cisco-Nexus-Glasfaser-Switches, über die LU-CIX seine Daten schickt, hat einen maximalen Datendurchsatz von 7,2 Terabit pro Sekunde. Unternehmen und Serviceanbieter sind in Bettemburg, Windhof, Bissen, Kirchberg, Betzdorf und der Cloche d’Or an die Geräte angeschlossen. Der Backbone ist der Hochgeschwindigkeits-Daten-Ring, der die Maschinen untereinander verbindet. Jedes der drei kleinen blauen Kabel sendet mit bis zu 100 Gigabit pro Sekunde Bilder, Videos, Kommentare und Likes durch das Land. Um den Inhalt einer guten alten DVD zu übermitteln, bräuchte der LU-CIX-Backbone nicht einmal eine Sekunde.

30 Jahre WWW: Das Netz und Luxemburg

„Klick!“ Am 12. März 1989 schlug der Brite Tim Berners-Lee im Forschungszentrum CERN ein System vor, mit dem sich Wissenschaftler einfacher über das Internet austauschen können: Das WWW war geboren.

Die Redakteure des Tageblatt-Webdesks berichten in den folgenden Wochen, wie WWW und Internet in Luxemburg Einzug gehalten haben – und wie das Netz von heute funktioniert.

Alle Artikel unserer WWW-Serie finden Sie hier.

Vor zehn Jahren hätten die drei flachen Geräte in Bettemburg drei komplette Serverschränke eingenommen, sagt Demuth. Die Nexus-Switches sind nur viereinhalb Zentimeter hoch. Aber jeder von ihnen kostet so viel wie ein gut ausgestatteter Kleinwagen.

An den Nutzungsstatistiken des Netzes kann man sogar ablesen, wann die Luxemburger schlafen, wann sie arbeiten, wann sie Feierabend haben und wann sie im Urlaub sind. In den Karnevalsferien arbeitete der Backbone mit maximal 120 Gigabit pro Sekunde. Als alle wieder zu Hause waren und ihre Urlaubsfotos teilten, ging es bis auf 160 Gigabit pro Sekunde hinauf. Hochbetrieb herrscht vor allem zwischen 20 und 22 Uhr, wenn die Luxemburger den Smart-TV anwerfen. Insider schätzen, dass Netflix alleine für ein Drittel des kompletten Traffics im Land verantwortlich ist.

Facebook, Google, Netflix und Co. 

Die Liste der Luxemburger Unternehmen, die eine Glasfaserleitung zu einem LU-CIX-Switch gelegt haben, ist lang: Die großen Player der hiesigen Kommunikationsindustrie tauschen hier Daten. Facebook speist von hier die Partyfotos und Katzenbilder ins Netz. Die Cache-Server von Google liefern von hier ihre YouTube-Videos aus. Und Netflix streamt von hier die neueste Staffel von Star Trek. Auch der Staat hängt dran, die « Chambre des députés » genauso wie Guichet.lu, das IT-Sicherheitszentrum CIRCL, der Stromanbieter Creos oder die Spuerkeess. Für den Weg in den Rest des Internets haben die Anbieter eigene Leitungen.

2009 wurde LU-CIX geschaffen. Nach der Wirtschaftskrise im Jahr zuvor versuchte der Staat, stärkere Pfeiler in der Informationsindustrie zu setzen. Es wurden Datenzentren aufgebaut und Service Provider angezogen. „Aber dem Ganzen fehlte etwas“, sagt Claude Demuth. Nämlich ein kommerzieller Internetknoten, der sich die Mission gab, groß zu werden. Ein Internetknoten sei ein Schlüsselfaktor, sagt Demuth. « Dort, wo ein Knoten viel Traffic hat, ist etwas los. » Deshalb ist LU-CIX auch ein Marketing-Instrument – und kein rein technischer Dienst wie sein Vorgänger LIX. « Unsere Mission war es, die Skypes und Amazons der Welt anzuziehen », erklärt Demuth.

Das hat sich 2015 schlagartig geändert.

Da kam ans Licht, dass der deutsche Auslandsgeheimdienst zehn Jahre zuvor im Auftrag der USA Luxemburgs Leitungen abgehört hat. Jene Wege, die der luxemburgische Traffic nehmen musste, als der nationale Internetknoten noch nicht so viel benutzt wurde. Sogar Homebanking ging über Leitungen und Server außerhalb des Landes – selbst wenn das Konto bei einer luxemburgischen Bank war. Wie 2015 bekannt wurde, nutzten ausländische Nachrichtendienste dieses Vertrauen aus. « Da hat es bei Staat und Internetanbietern Klick gemacht », sagt Demuth.

Traffic bleibt im Land

2016 wurde ein neuer Backbone aufgebaut. « Größer, stärker, schneller, stabiler und sicherer », wie Demuth sagt. Das Geld für diese Infrastruktur kam von den Aktionären, den großen Luxemburger Internetunternehmen, und vom Staat. « LU-CIX ist heute Teil der nationalen Sicherheit », sagt Demuth. Jetzt verlässt der Traffic von Luxemburg nach Luxemburg immer weniger das Land. « Jetzt haben wir es in der Hand, unsere Systeme nach unseren Standards abzusichern. »

Die Diskussion um die Netzwerkgeräte des chinesischen Anbieters Huawei behagt Demuth nicht. Als Netzwerkknoten oder Internet-Anbieter hat man keine große Wahl, sagt er bedauernd. Es gebe nicht viele europäische Hersteller für Hochgeschwindigkeits-Switches. Und keinen Luxemburger. Auch bei Switches anderer Hersteller aus anderen Ländern sollen die Nachrichtendienste früher Backdoors eingebaut haben – Hintertürchen, die es den Agenten ermöglichten, vom einzelnen User bis hin zu kompletten Netzwerken alles zu überwachen.

« Als Endkonsument gibt es keine Garantie, dass keine Backdoors drin sind. Egal woher das Equipment kommt, egal aus welchem Land », sagt Demuth. Die einzige Lösung sei, seine Daten komplett zu verschlüsseln – von Anfang an. « Man könnte den gesamten Internetverkehr chiffrieren. Das geht technisch auch. Aber die Leute müssen es auch tun », betont er. LU-CIX baue nur die Straße. Die Anbieter und Internetnutzer müssten selbst entscheiden, wie sie darauf fahren wollen.

Experten prognostizieren, dass der Konsum von Video-Streaming-Diensten noch weiter ansteigen wird. Und sie erwarten, dass der LU-CIX-Backbone noch in diesem Jahr die 200-Gigabit-Marke knackt. Upgraden muss Claude Demuth sein 300-Gigabit-System also erst einmal nicht. Und wenn doch? « Dann stecken wir einfach noch eine Netzwerk-Karte dazu – und verbinden die mit einem zusätzlichen kleinen blauen Glasfaser-Kabel. »

 

 

 

Terabit, Gigabit, Megabit:                               So schnell fließen die Daten durchs Netz

Die Geschwindigkeiten, mit der Daten im Netz übertragen werden, werden in Bit pro Sekunde (bit/s) angegeben. Ein Bit ist die kleinste digitale Dateneinheit – also 0 oder 1. Je mehr ein Gerät davon innerhalb einer Sekunde transportieren kann, desto schneller kommen Filme, Bilder oder Websites da an, wo sie sollen.

Ein Beispiel: Akustikkoppler – also die legendären Modems, in die Telefonhörer gesteckt wurden – schafften Ende der 1980er-Jahre bis zu 2.400 bit/s. Ein paar Jahre später erreichten Computermodems 28.800 bit/s. Diese Geräte nutzten noch die normale, analoge Telefonleitung. Erst mit der Einführung von ISDN wurde die Datenübertragung komplett digital – und bis zu 128.000 bit/s schnell. Die ersten DSL-Anschlüsse zogen Daten schon mit 1.000.000 bit/s aus dem Netz. Die meisten der heutigen Hausanschlüsse in Luxemburg schaffen laut dem „Institut luxembourgeois de régulation“ (ILR) bis zu 100.000.000 bit/s.

Übertragungsgeschwindigkeiten haben die gleichen Präfixe wie Speicherplatz auf der Festplatte. 1.000 Bit sind 1 Kilobit. 1.000 Kilobit sind 1 Megabit. Es folgen Gigabit und Terabit. 100.000.000 bit/s sind also 100 Megabit pro Sekunde – oder 0,1 Gigabit.

Der Backbone von LU-CIX schafft 300 Gigabit pro Sekunde. Und die Switches, an denen Luxemburgs Internetfirmen an den Netzwerkknoten angeschlossen sind, können die Daten sogar mit 7,2 Terabit pro Sekunde hin- und herschicken – also 7.200.000.000.000 bit pro Sekunde. Ein Netflix-Film in Ultra-HD benötigt übrigens eine Übertragungsrate von bis zu 16 Megabit pro Sekunde. Für einen Full-HD-Film reicht theoretisch eine Sechs-Megabit-Leitung.

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