Für Muriel Sarkany scheint die Schwerkraft eher eine grobe Richtlinie als ein physikalisches Gesetz zu sein. Die Belgierin hat mit fünf Weltmeistertiteln im Klettern mehr als alle anderen erringen können. Wohin richtet sich der Blick einer Person, die die Spitze erreicht hat? Ganz klar: nach oben.

Von Misch Pautsch

Muriel Sarkany ist eine der besten Sportkletterinnen der Welt. Im Jahr 2013 hat sie mit „Punt X“ eine Route der Schwierigkeitsstufe „9a“ bezwungen. Sie ist damit erst die fünfte Frau, der ein solches Unterfangen gelungen ist. 2017 hat die nun 44-Jährige eine weitere 9a-Route auf der Liste der schwierigsten Kletterrouten überhaupt abhaken können. Einzig Margo Hayes hat die nächste Stufe, „9a+“, erreicht. Eine Leistung, die den Maßstab für Sportkletterinnen in den kommenden Jahren setzt.

Am Sonntag hat Muriel Sarkany das Red Rock Climbing Center in Sanem besucht. Wir haben uns mit der Ausnahmesportlerin unterhalten.

Tageblatt: Frau Sarkany, Sie haben in Ihrer Kategorie fast alles erreicht, was es zu erreichen gilt. Aber Luft nach oben gibt es beim Klettern immer. Was sind Ihre Ziele für die Zukunft?
Muriel Sarkany: Seit ich vor etwa zehn Jahren mit dem kompetitiven Klettern aufgehört habe, konzentriere ich mich auf Routen draußen im Fels. Zurzeit bin ich vor allem in Falaise, in Frankreich, unterwegs. Nachdem ich im vergangenen Jahr meine zweite 9a-Route, „Era Vella“ in Margalef, geschafft habe, ist das nächste Ziel natürlich die „9a+“.

Wissen Sie schon, welche?
Ich habe einige Ideen, aber weil ich noch nie an einem solch harten Projekt gearbeitet habe, bin ich noch hier und da am ausprobieren. Das letzte Jahr stand also vor allem im Zeichen des regelmäßigen Trainings. Derartige Projekte nehmen sehr viel Zeit in Anspruch. Ab Frühling will ich dann die unterschiedlichen Kandidaten genauer unter die Lupe nehmen. Fest steht also noch nichts.

Sie haben gesagt, dass Sie seit zehn Jahren nicht mehr an Wettbewerben teilnehmen. Es besteht also keine Chance, Sie irgendwann wieder bei einem zu sehen?
Ich werde jedes Jahr wieder gefragt, bei Wettbewerben mit zukletten, aber die Antwort ist leider „Nein“. Mitte Juni wird es in Italien einen Wettbewerb für ehemalige Weltmeisterschafts-Teilnehmer geben, da werde ich eventuell ausnahmsweise dabei sein, aber ich kann nichts versprechen.

In Interviews werden Sie immer wieder nach Ihrer Größe gefragt – 153 Zentimeter „und ein halber“, wie Sie selbst sagen. Ist dies etwas, mit dem Sie beim Klettern zu kämpfen haben?
Ich mache mir wenig Gedanken darum, einen Einfluss hat es jedoch schon. Tatsächlich ist es einer der Gründe, weshalb ich nicht mehr bei Wettbewerben mitmache. Während der letzten zehn Jahre sind die Routen bei den Meisterschaften immer ungünstiger für mich geworden. Bei Wettbewerben diktieren die Routenplaner, wie eine Route gelöst werden kann. Sie setzen viel längere, „offenere“ Bewegungen voraus, sind athletischer, dynamischer. Selbst große Kletterinnen müssen oft an der Wand nach oben springen. Diese spektakuläre Art des Kletterns ist für Zuschauer super, für mich jedoch nicht. Ursprünglich hat mir das sehr zugesetzt, weil ich in Topform war und dennoch nicht meine beste Leistung bringen konnte. Seit ich jedoch begonnen habe, vor allem draußen zu klettern, sehe ich das gelassener. Hier stehen einem mehr Lösungswege offen. Wenn an einer Route die Bewegungen zu „groß“ sind, gehe ich eben zur nächsten über.

Ihr Niveau erreicht man nur, wenn es etwas gibt, was einen antreibt. Was ist das bei Ihnen?
Beim Klettern kämpft man vor allem mit und gegen sich selbst. Und gegen die Route. Dieser nach innen gerichtete Wettbewerb hat mich begeistert. Es ist ein Sport, der es einem ermöglicht, sich auszudrücken, sei es im direkten Wettkampf oder an der Felswand, in Fontainebleau oder Verdun. Alle unterschiedlichen Orte setzen unterschiedliche Herangehensweisen voraus. Diese Freiheit innerhalb des Sports befeuert meine Motivation noch weiter! Gleichzeitig ist es eine Sportart, die den gesamten Körper beansprucht und somit perfekt ist, um auch mit meinen mittlerweile 44 Jahren in Form zu bleiben.

Für viele Kletterer ist der Kontakt mit der Natur ein wichtiger Aspekt des Sports. Empfinden Sie das auch so?
Vor einigen Jahren war Klettern in der Natur fast eine meditative Erfahrung. Als der Kreis der Anhänger dieses Sport noch deutlich kleiner war, waren die Kletterwände ruhige, abgelegene Ort … Heute macht man diese Erfahrung immer weniger. Damals war es möglich, sich zu konzentrieren, die Natur zu erleben, in sich zu gehen. Es waren besondere Momente, wirklich! Da der Sport allerdings in letzter Zeit sehr schnell gewachsen ist, fühlt sich das Klettern draußen mittlerweile fast wie in einer Halle an, nur halt an der frischen Luft.

Viele Kletterer beobachten diesen Trend mit Vorbehalt. Wie sehen Sie das?
Ich glaube, dass ich eher eine optimistische Person bin. Wie in jeder Sportart entwickelt sich die Szene weiter, mit positiven und negativen Seiten. Da wir hier über die freie Natur reden, ist es allerdings wichtig, dass erfahrene Leute den Neuankömmlingen nicht nur beibringen, den Sport sicher auszuüben, sondern auch die Umwelt zu respektieren.

In der Natur sein bedeutet auch, die Welt zu sehen. Wo haben Sie mittlerweile alles Felswände bezwungen?
Spanien, Portugal, Italien, Österreich, Schweiz, in Europa war ich mittlerweile fast überall. Aber auch außerhalb des Kontinentes: Neuseeland, den USA, Australien.
Céüse, in der Nähe von Gap in Frankreich, ist einer meiner rezenten Favoriten, ein fantastisch gelegener Ort mit einer unglaublichen Aussicht. Ich liebe auch Saint-Léger-du-Ventoux, wo ich eine kleine Ferienwohnung habe. Margalef in Spanien, die Blue Mountains bei Sydney … Aber man muss nicht weit reisen, um fantastische Orte zu sehen: Hier in Europa sind wir, was die Auswahl angeht, wirklich verwöhnt.

Der Oscar für den besten Dokumentationsfilm ging vor Kurzem an „Free Solo“, der Alex Honnold begleitet, wie er „El Capitan“ in den USA besteigt. Honnold klettert ungesichert etwa einen Kilometer in die Höhe. Dies ist unter Kletterern stark umstritten. Was ist Ihre Meinung dazu?
Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber ich stehe „free soloing“ – alleine, ungesichert klettern – kritisch gegenüber. Es ist kein gutes Beispiel. Ich liebe den Sport für den Sport selbst, nicht das Spektakel drumherum. Das Leben aufs Spiel zu setzen, ist es nicht wert. So viele Leute haben gesundheitliche Probleme oder Unfälle, da finde ich es ein bisschen komisch, derartig mit der eigenen Gesundheit zu spielen.

Überzeugen Sie unsere Leserinnen und Leser, das Klettern auch auszuprobieren!
Das ist einfach! Es ist ein super ausgewogener, diverser Sport, bei dem man Körper und Geist anstrengen muss. Die unterschiedlichen Disziplinen, Bouldern, Lead Climbing oder Schwierigkeitsklettern), Speedklettern, drinnen oder draußen, bieten jedem etwas. Es wird nie langweilig und es gibt immer Luft nach oben. Obwohl man alleine an der Wand ist und mit sich selbst wittert, ist der Sport sehr gesellig, da man entweder gesichert werden muss oder Routen mit anderen Leuten bespricht. Es ist ein fast taktischer Sport, bei dem man seine Bewegungen genau planen muss und sie danach präzise ausführt.

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