Der Tod jedes Menschen bedeutet eine Zäsur. Großherzog Jean herrschte 36 lange Jahre. Es war eine eher glückliche Zeit. Die Lasten von Weltkrieg II waren überwunden. Das moderne Luxemburg konnte sich ohne Zukunftsängste entwickeln.

Ich diente von 1984 bis 1999 in drei großherzoglichen Regierungen. In einer konstitutionellen Monarchie vertritt der Staatschef das Land. Die Politik wird von den Regierungsbündnissen gestaltet. Da der Staatschef die Gesetze mit seiner Unterschrift sanktioniert, werden die Minister regelmäßig zu „Rapport“ über ihre laufende Arbeit einbestellt.

Solche Treffen waren sehr angenehm. Jean hatte eine liebenswürdige Art, mit den Menschen umzugehen. Er war durch und durch Staatschef, gleichzeitig ein „feiner Kerl“. Immer sehr besorgt um „sein Land“ versuchte er sich über alle Regierungsgeschäfte auf dem Laufenden zu halten. Als Moritz Molitor mich am frühen Dienstagmorgen telefonisch aus dem Bett holte für eine Stellungnahme über das Ableben von Großherzog Jean, zuckten mir Dutzende von angenehmen Erinnerungen durch den Kopf.

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Ein Empfang mit „Großherzlichkeit“

Meine Vereidigung als Staatssekretär von Jacques Poos im Außen- und Wirtschaftsministerium im Juli 1984 war nicht jedermanns Geschmack. Ich galt als zu polemischer Journalist und bärtiger Krawatten-Muffel, der gar zum Empfang von Königin Elisabeth in der hauptstädtischen Gemeinde im Rollkragen-Pulli erschien. Keine Ahnung, was Jean damals über mich dachte, doch er empfing mich mit „Großherzlichkeit“. Immerhin hatte Marcel Schlechter mir vorher eine Krawatte umgebunden.

Schnell gewann ich den Eindruck, dass der Großherzog einigen Gefallen an mir fand. Nachdem ich mehrere wirtschaftliche Prospektionsreisen in die USA oder Japan in Begleitung von Prinz Henri absolviert hatte, eröffnete er mir bei einer Audienz seine Freude darüber, wie gut ich mit seinem „Sonn“ harmoniere!

Als zuständiger Staatssekretär für Handel und Handwerk ergriff ich einige Initiativen, um diese ewigen Standbeine unserer Wirtschaft zu modernisieren. Bei einer Audienz fragte mich Jean urplötzlich: „Mossieur Goebbels, Dir hutt ee Problem mat de grousse Saachen?“ Ich war verdutzt, überlegte krampfhaft. Bis der Groschen fiel. „Monseigneur, Dir mengt wuel d’Grandes Surfaces?“ – „Dat ass et!“

Positive Erinnerungen

Der Schausteller-Verband bedrängte mich, nach dem Vorbild vieler Städte einen Weihnachtsmarkt einzuführen. Das Parlament bewilligte meinen Gesetzesvorschlag, solche Märkte für die Hauptstadt und Esch zu schaffen. Bei meiner nächsten Audienz fragte ich den Großherzog, ob er sich bewusst sei, dass unter seiner Herrschaft zum ersten Mal seit Johann dem Blinden eine neue Kirmes, nein, gleich zwei gestiftet wurden! Jean war sehr glücklich.

Einen seltenen Einfluss auf die Politik nahm der Großherzog, nachdem einer seiner Mitarbeiter bei einer Kollision mit einer landwirtschaftlichen Maschine zu Tode kam. Er bestellte mich in meiner Eigenschaft als Transportminister zu sich und meinte, zur Sicherheit der Verkehrsteilnehmer sollten alle Traktoren mit Warnleuchten ausgestattet werden. Ich war zögerlich, da damals alle möglichen Berufsgruppen Sirenen und dergleichen für ihre Fahrzeuge forderten. Doch Jean ließ nicht locker. So befasste ich das Parlament mit einer Änderung des Code de la route. Seitdem gibt es die gelben Warnleuchten für landwirtschaftliche Maschinen.

Wenn der Staatschef in offizieller Funktion im Ausland ist, wird er von einem Regierungsmitglied begleitet. Als der japanische Kaiser Hirohito starb, wurde ich vom Regierungsrat abkommandiert, den Großherzog zur Beisetzung des Tenno zu begleiten. Es war eine sehr japanische Zeremonie, die über vier Stunden dauerte und bei ein bis zwei Grad über null stattfand. Da Jean schon viele Jahre Staatschef war, durfte er – nach Fidel Castro und mit mir im Anhang – als einer der letzten Offiziellen anreisen sowie als einer der ersten den von eisigem Wind umwehten Bestattungsort verlassen. Unser Staatschef stand in Generalsuniform und ohne Mantel während vier Stunden stramm. Bei der Rückfahrt zum Hotel Imperial war er zwetschenblau, ließ sich aber keine Strapaze anmerken.

Nur positive Erinnerungen

Im Hotel sah ich mir unter einer warmen Dusche das Ende der Zeremonie im Fernsehen an. Die meisten europäischen Außenminister bibberten weiter. Ich sagte mir, es gehört zu den Vorteilen einer konstitutionellen Monarchie, dass das Staatsoberhaupt nicht dauernd wechselt. Sei es nur, dass das internationale Protokoll lange Amtszeiten belohnt und damit kurzlebigen Ministern das Leben erleichtert.

Diese zähe Standhaftigkeit von Großherzog Jean konnte ich 1994 bei der Winterolympiade in Lillehammer erneut bewundern. Da ich für eine schnelle Einbürgerung von Marc Girardelli gesorgt hatte, hatte der COSL mich zu den alpinen Skirennen eingeladen.
Die Abfahrt fand bei fast 20 Grad minus statt. Girardelli gewann leider keine Medaille, musste gar nach seiner Ankunft sofort zum Arzt, da sich Eiszapfen in seiner Nase gebildet hatten. Der einzige, der es die ganze Zeit über in der eisigen Ski-Arena aushielt, war unser Großherzog! Ein ehemaliger Irish Guard ist eben kein Weichling.

Nur positive Erinnerungen begleiten mich, wenn ich an den Verstorbenen denke. Er war seines hohen Amtes würdig, weil er immer ein netter, positiver Mensch blieb.

 

Ein Nachruf von Robert Goebbels

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