Am 20. April gilt in Braunau Neonazi-Alarm: Dann nämlich jährt sich der Geburtstag des Führers zum 130. Mal. Dessen Geburtshaus könnte dann braune Pilger anziehen. Denn die Begeisterung mancher Ewiggestriger für diese Immobilie ist so unendlich wie die Geschichte des Ringens darum.

Von unserem Korrespondenten Manfred Maurer

Schuld sind wieder einmal die Amerikaner! Am 2. Mai 1945 hatte sich schon ein deutscher Stoßtrupp in Marsch gesetzt, um das Gebäude an Adresse Salzburger Vorstadt 15 zu sprengen. Doch die angerückten US-Truppen verhinderten dies und bewahrten der Grenzstadt im Inn so ein Erbe, auf das diese gern verzichtet hätte. Denn bis heute beschäftigen Auseinandersetzungen um das zweistöckige Gebäude Politik, Gerichte und Historiker. Und ein Ende ist nicht absehbar.

Zunächst hatte es noch so ausgesehen, als könnte das im 17. Jahrhundert errichtete Biedermeierhaus die Last seines Kurzzeitbewohners abschütteln. In den 50er- und 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten es die Österreicher noch nicht so mit der Vergangenheitsbewältigung. 1952 wurde das von den Nazis als Galerie und Volksbücherei genutzte Gebäude an die Vorfahren der heutigen Besitzerin rückgegeben. Bis 1965 war hier die Stadtbücherei untergebracht, dann hatte sich kurz eine Bank eingemietet, ehe ab 1970 für sechs Jahre eine Schule einzog. Danach beherbergte das Hitler-Haus eine Behinderten-Werkstatt. Das wurde im Hinblick auf das Nazi-Euthanasieprogramm fast schon als eine Art Vergangenheitsbewältigung interpretiert, war aber weniger ein politisches Statement als eine sich halt so ergeben habende Fügung. Und weil so ein altes Haus nicht einfach barrierefrei umgebaut werden kann, zog die geschützte Werkstatt 2011 aus.

Gegen Enteignung

Seither steht Hitlers Wiegenplatz leer. Und seither wird intensiv darüber gestritten, was damit geschehen soll. Die Politik war schon länger sensibilisiert. Deshalb hatte das Innenministerium schon 1972 einen Mietvertrag abgeschlossen, um zu verhindern, dass die Besitzer politisch bedenkliche Mieter hereinnehmen oder gar an irgendwelche Ewiggestrige verkaufen. Die 5.000 Euro Monatsmiete flossen, egal ob gerade jemand das Haus nutzte oder nicht. Der Leerstand heizte die Debatte über eine sinnvolle und vor allem der historischen Bedeutung gerecht werdende Verwendung an. Dabei hatte es schon einmal so ausgesehen, als wären die Würfel gefallen.

„Das Hitler-Haus wird abgerissen“, verkündete im Oktober 2016 der damalige Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) – und erntete Zustimmung wie Protest. Viele sahen darin den Versuch, ein Symbol der österreichischen Verquickung mit dem Nazi-Regime einfach ausradieren zu wollen. Das in dieser Hinsicht unverdächtige Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) befürwortete diesen radikalen Schritt und forderte sogar die Errichtung eines Supermarktes an der Stelle. Der Platz sollte so völlig entpolitisiert und jegliche Art von Pilgerstätte verhindert werden.

Inzwischen ist klar: Abreißen geht wegen des Denkmalschutzes gar nicht. Weil die gegenwärtige Besitzerin als nicht sonderlich kooperativ empfunden wurde, beschloss das Parlament in Wien Ende 2016 die Enteignung. Doch damit wurde diese unendliche Geschichte nur um einen neuen Handlungsstrang erweitert. Denn seither kämpft die Besitzerin gegen die Enteignung an sich und gegen die ihrer Ansicht nach zu geringe Entschädigung. Beim Verfassungsgerichtshof ist die ältere Dame in der Grundsatzfrage schon abgeblitzt, worauf sie beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) klagte.

Hitler-Aufschlag

Es geht auch ums Geld. Ursprünglich hatte die Republik 310.000 Euro gezahlt, hatte dann aber den von einem Gutachter ermittelten Verkehrswert in Höhe von 812.000 Euro anerkannt. Die enteignete Besitzerin fordert jedoch eineinhalb Millionen Euro und bekam vor dem Landesgericht Ried Anfang Februar sogar recht. Dieses begründete die Festsetzung der Entschädigung auf 1,5 Millionen mit der „Berücksichtigung der Besonderheit, dass es sich beim Hauptgebäude um das Geburtshaus Adolf Hitlers handelt“. Es muss also einen Führer-Aufschlag geben. Das hatte im Jahr 1943 Martin Bormann ähnlich gesehen, als er im Auftrag der NSDAP das Hitler-Geburtshaus zum vierfachen Verkehrswert ankaufte. Heute ist Hitler immerhin nicht einmal mehr einen 100-Prozent-Zuschlag wert.

Die Republik fand auch das unangemessen und zog vor das Oberlandesgericht Linz, welches sich vorige Woche der Ansicht anschloss, dass die Immobilie zum Verkehrswert angemessen bewertet und ein Zuschlag unangebracht sei. Dagegen wird nun die Ex-Besitzerin beim Obersten Gerichtshof berufen, der ebenso wie der Straßburger EGMR in der Grundsatzfrage noch nicht entschieden hat.

Sowohl die Entschädigungshöhe als auch die Enteignung überhaupt stehen also noch nicht auf fester rechtlicher Grundlage. Erst wenn diese gegeben ist, soll die Diskussion über das künftige Schicksal des Hitler-Hauses neu gestartet werden. Ein bisschen schneller ging es da schon mit der Aberkennung der Ehrenbürgerwürde für Adolf Hitler. Diesen Beschluss hat der Braunauer Gemeinderat „schon“ vor acht Jahren einstimmig gefasst …

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here