Von Ralph Schulze

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Am Mittwoch versuchten die Helfer, über zwei Rettungstunnel zu dem kleinen Jungen vorzudringen, der am Sonntag in Südspanien in einen tiefen und sehr engen Brunnenschacht gestürzt sein soll. Spätestens bis zum heutigen Donnerstag wollen sie versuchen, bis zu dem Kind zu gelangen. Der zweijährige Julen wird in einer Tiefe von mehr als 80 Metern vermutet. Verschüttet unter Erde und Steinen, die sich bei seinem Absturz von der unbefestigten Brunnenwand gelöst haben könnten – insgesamt ist der Brunnen mehr als 100 Meter tief.

Doch mit jeder Stunde, die verging, sank die Hoffnung, Julen noch lebend zu bergen. „Aber es gibt manchmal kleine Wunder“, sagte José Antonio Berrocal, südspanischer Geologe und Höhlenfachmann. Der Bau der beiden Rettungsröhren gestaltete sich wegen des instabilen Terrains schwierig. Zumal die Gefahr bestand, dass durch die Erschütterungen der Brunnen, in dem der Junge stecken soll, einstürzte. Der Unfallort befindet sich in einem hügeligen Gelände in der Nähe des Dorfes Totalán etwa 20 Kilometer nordöstlich der Küstenstadt Málaga.

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Bodenradar soll Hohlraum aufspüren

Spezialisten bauten Tag und Nacht unter Hochdruck an einem Schacht, der parallel zum Brunnen in die Tiefe getrieben wurde. Ein weiterer Rettungstunnel wurde in schräger Linie Richtung Brunnenschacht gegraben. Feuerwehrmänner und Bergbauexperten arbeiteten Hand in Hand. Auch ein schwedisches Rettungsteam hilft mit einem Bodenradargerät, um einen eventuellen Hohlraum aufzuspüren, in dem sich der Junge befinden könnte.

Immerhin gab es am Mittwoch neue Indizien, dass sich der seit Sonntag vermisste Julen tatsächlich im Brunnenschacht befindet, der nur einen Durchmesser von 25 Zentimeter hat: Die Feuerwehr habe im Schacht einige Haare gefunden, die mit ziemlicher Sicherheit von dem Kind stammen, sagte Alfonso Rodríguez Gómez de Celis, Sprecher der Einsatzzentrale. Zuvor hatten die Retter bereits mit einer ferngesteuerten Kamera in der Tiefe eine Bonbontüte entdeckt, die Julen zugeordnet wurde.

25 Zentimeter breites Loch

Etliche spanische Brunnenexperten hatten in den letzten Tagen Zweifel geäußert, ob es wirklich möglich sei, dass ein Kleinkind durch ein nur 25 Zentimeter breites Loch passt und ungebremst in große Tiefe fallen kann. Zumal es sich um einen unbefestigten und nicht durchweg schnurgerade verlaufenden Brunnenschacht handelt. Aber die Polizei erklärte, dass sie derzeit keine andere Hypothese verfolge, als jene, dass der Junge tatsächlich in den Brunnen stürzte – so wie es die Eltern versicherten.

Inzwischen weiß man, dass es sich um einen illegalen Brunnen handelt, der ohne die erforderliche Behördenerlaubnis in die Tiefe getrieben worden war, um nach Wasser zu suchen. Der Besitzer des ländlichen Finca-Grundstücks, bei dem es sich um einen Familienangehörigen Julens handelt, hatte die Brunnenöffnung offenbar nur mit ein paar losen Steinen abgesichert. Auf diesem Gelände, zwischen Weinbergen und Mandelbäumen, hatte sich Julens Familie am Sonntag zum Paella-Essen getroffen. Auch der Finca-Besitzer war dabei. Und mehrere kleine Kinder. Nur wenige Meter neben dem Brunnenschacht ließen sie sich zum Picknick nieder – eine verhängnisvolle Wahl.

Julens Vater, José R., wies derweil Spekulationen über das Geschehene und über den Verbleib seines Kindes zurück: „Mein Sohn stürzte in den Brunnen“, sagte er mit tränenerstickter Stimme den Reportern, die vor Ort auf hoffnungsvolle Nachrichten warten. Eine Cousine sei Augenzeugin gewesen und habe gesehen, wie Julen mit den Füßen zuerst in das Loch fiel. „Auch wenn ich mir nichts lieber wünschen würde, als dass all dies unmöglich gewesen wäre.“

 

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