Venedig hat mit Massentourismus zu kämpfen. Dasselbe kann man nicht gerade von Esch behaupten. Und das, obwohl es durchaus Ähnlichkeiten zwischen beiden europäischen Städten gibt. Nicht nur gingen sie schon mal eine Art Fusion ein, als die romantische Kulisse der italienischen Lagunenstadt für Dreharbeiten zu „The Merchant of Venice“ auf den Terres rouges nachgebaut wurde, sondern die Minette-Stadt verfügt beispielsweise ebenfalls über einen Canal Grande, wenn dieser auch zubetoniert ist.

Ebenso hat die „Brillplaz“ etwas vom Markusplatz, und als die Escher Version des Giacomo Casanova kann wohl der in Köln lebende Schriftsteller Guy Helminger gelten (nicht etwa wegen etwaiger Frauengeschichten, sondern weil seinem venezianischen Pendant ebenfalls die Flucht aus der Heimat gelang und Erkundungsreisen eine wichtige Rolle in seinem Leben spielten). Beide Städte verfügen über einen „roten Riesen“. In Venedig ist damit der Campanile di San Marco gemeint. In Esch könnte sich dies auf den hoch gewachsenen LSAP-Politiker Mike Hansen beziehen – um aber bei Gebäuden zu bleiben, passt der Vergleich mit Hochöfen besser.

Während also der Bürgermeister Venedigs, Luigi Brugnaro, nun auf Eintrittsgelder setzt, um den Zustrom von Touristen einzudämmen, überlegt man in Esch, wie man besonders in Bezug auf das anstehende Kulturjahr Menschen anlocken könnte (ohne diese förmlich mit Geld bestechen zu müssen, damit sie halbwegs freiwillig kommen). An genau diesem Punkt könnte die luxemburgische Industriestadt an der französischen Grenze davon profitieren, nicht so populär und vielleicht – nur auf den ersten Blick – auch um einiges unattraktiver zu sein als das unstille Örtchen an der Adria. Die Gründe für übermäßigen, schädlichen Tourismus sind zahlreich, jedoch sind überladene Hotspots in beliebten Städten auch darauf zurückzuführen, dass suggeriert wird, es existiere eine unumstößliche Liste mit Sehenswürdigkeiten, die man nacheinander abklappern und dann abhaken kann. Dabei wird sich häufig auf das primär als „schön“ Empfundene fokussiert. Praktischerweise hat Esch das nicht wirklich zu bieten.

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Um sich der aber definitiv vorhandenen Schönheit dieses Ortes gewahr zu werden, kann man sich eben nicht nur zu einem ganz spezifischen Gebäude begeben, sondern muss die gesamte Gegend durchstreifen, Menschen begegnen und zum Beispiel Belval und seine Geschichte erst einmal auf sich wirken lassen, um dann die ganze Magie erfassen zu können. Statt wie in Venedig in extrem überteuerten Café-Ketten an prominenten Plätzen zu hocken, kommt man der Kultur Eschs vielleicht weitaus näher, wenn man dem „Pitcher“ einen Besuch abstattet oder beim Luxemburgisch sprechenden Iraker in der „Uelzechtstrooss“ ein zauberhaftes Mittagsmenü zu sich nimmt. Venedig hat ein Opernhaus, Esch nun mal die Kulturfabrik, und das ist verdammt gut so. Die Stadt hat Probleme, die man nicht einfach mit Hochglanz-Fotos wegretuschieren kann. Das hat nicht nur den Vorteil, dass Etikettenschwindel fast unmöglich wird, sondern auch, dass Schwierigkeiten tatsächlich angepackt werden müssen. Esch sollte nicht versuchen, sich ein Kostüm überzuziehen, das ihm nicht passt. Wer zu sich selbst steht, ist ohnehin attraktiver.

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