FAZ-Fotoreporter, selbst ernannter Gegner von Hamburgern, Sternekoch, Versicherungsagent – Tony Tintinger trug in seinem Leben bereits viele Namen. Mit 75 Jahren ist allerdings jetzt Schluss mit Restaurants und Michelin-Sternen, denn Luxemburgs berüchtigtster Koch geht in Rente – diesmal wirklich. Vor seinem offiziellen Abgang aus der Gastronomie verrät der gebürtige Minetter, wie eine Geige sein Leben geprägt hat und warum er in Zukunft Pilzen beim Wachsen zusehen will.

Von Laura Tomassini

Ein Dienstagvormittag, gewöhnlich ruhig in Niederanven. Im stilvoll eingerichteten Salon eines der Häuser läuft klassische Musik, direkt an der Eingangstür schimmert die goldene Tafel mit VIP-Namen von nah und fern. Tony Tintinger ist offiziell schon eine ganze Weile in Rente, so richtig wollte sich das wohlverdiente Arbeitsende aber nicht einstellen. Dies soll nun bald der Fall sein, denn der 75-Jährige plant, Schluss zu machen: „Ich will nichts mehr annehmen. Irgendwann muss ich auch mal anfangen, nach mir zu sehen.“

50 Jahre lang hat „Tun“ an seiner Gourmetkunst gefeilt und es vom CroqueMonsieur-Macher der Escher „Bieleser Strooss“ zum Sternekoch der großen internationalen „Cuisine“ gebracht. „Ich habe für 450 weltweite VIPs gekocht, darunter Bush, Putin, den japanischen Kaiser oder Banditen wie Ceausescu“, sagt der Sternekoch. Geahnt hätte er seine Laufbahn nicht, denn die Liebe zum Kochen entdeckte er eher auf Umwegen: durch seinen Nebenjob als Fotograf in der Reiseabteilung der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ).

„Schnupperung“ nennt er die flüchtigen Augenblicke in den Küchen von Hotels und Restaurants, die in ihm die Leidenschaft erweckten, die später sein ganzes Leben bestimmen sollte. „Ich war nie ein guter Schüler. Irgendwann begegnete ich meinem ehemaligen Lehrer, bei dem ich in der vierten Klasse die Schulbank drückte, und er sagte zu mir, er habe stets geglaubt, aus mir würde nichts werden, und schlussendlich hätte ich die schönste Karriere von allen hingelegt“, verrät der Sternekoch stolz.

Fotografie, die zweite große Leidenschaft

Heute will sich „Tun“ ganz seiner zweiten Passion widmen: der Fotografie. Regelmäßig verschlägt es ihn mit Linse und Quad in den Wald, um dort stundenlang auf das richtige Motiv zu lauern. „Früher habe ich immer gerne Champignons gesammelt, dafür bin ich mittlerweile aber zu alt. Jetzt fotografiere ich sie, ich kann zwei, drei Stunden bei einem Pilz sitzen, um ihn abzulichten“, verrät der Hobbyfotograf.

Neben eigens kreierten Food-Stillleben à la Caravaggio sind es auch die ruhigen Bilder der Natur, bei denen Tintinger die Seele baumeln lässt. „Mein Beruf war stets mit viel Abwechslung, viel Hektik, wenig Schlaf und viel Nervenspiel verbunden“, erzählt der vielseitig interessierte 75-Jährige. Seine Kamera ist das Pendant zum stressigen Alltag und hat ihn schon an so manchen schönen Ort gebracht. Nordkap, Schottland und Spitzenbergen sind nur einige der Schriftzüge auf den kleinen Steinen, die den rot-goldenen Molteni-Herd der Tintinger-Küche zieren. Kochen tut hier allerdings hauptsächlich seine Frau Margot, nur für „die anderen 40 Prozent“ ist der Sternekoch privat zuständig, wie er verrät: „Ich kann zwar auch Hausmannskost, aber ich habe natürlich eine andere ‘façon’ zu kochen.“

Eine Autobiografie mit gepfefferten Anekdoten

Selbstgemachte Pasta mit „à la minute“-Sauce, eine gute Fischsuppe „à la parisienne“ und natürlich Tintingers famöse „Tête de veau“ gehören zu den absoluten Lieblingsspeisen des Rentners. „Da bin ich Spezialist: Früher in Esch sind die Leute extra aus Brüssel angereist, um meinen Kalbskopf zu kosten“, sagt Tintinger. Auch seine Frau wusste sein Können stets zu schätzen und hat ihn durch seine gesamte Karriere treu begleitet. „Den Erfolg, den ich in meinem Leben hatte, habe ich zur Hälfte meiner Frau und ihrer Geduld zu verdanken.“
Während des Interviews verweist der Rentner immer wieder auf sein Buch. „Scharf gewürzt – Mein Leben für die Gastronomie“ so der Titel und „spicy“ ist die Autobiografie auf jeden Fall. „Do fueren d’Fatzen ewech“, meint der Rentner mit verschmitztem Blick. 75 Jahre sind ja auch eine lange Zeit, da lässt sich die ein oder andere Seite schon mal mit gepfefferten Anekdoten füllen.

Eine davon kennt laut Tintinger allerdings fast niemand. „An dem Abend, an dem ich 1964 meine Frau kennenlernte, sagte ich zu ihr: ‘Ich denke, dass wir beide ganz gut zueinander passen und in einem Jahr werden wir heiraten.’ Sie hielt mich natürlich für verrückt, aber am exakt gleichen Tag ein Jahr später fand unsere Hochzeit statt.“

Der Clou der Tintinger-Romanze: Margot hatte sich in Tonys Geigenspiel verliebt – ein Talent, das seiner Leidenschaft fürs Kochen in den darauffolgenden Jahren jedoch weichen musste. „An der österreichischen Grenze hat sie mir einmal von einem Geigenbauer ein Instrument anfertigen lassen, für später. Im Moment liegt das schöne Ding noch in seiner Kiste, aber wer weiß, vielleicht werde ich meine Noten ja jetzt bald wieder hervorkramen.“

Geigenspiel wider Willen und Musiksessions im Bistro

Musik hat schon in seiner Jugend eine große Rolle gespielt, auch wenn die Erinnerungen daran eher trist sind. Als Sohn streng gläubiger Eltern musste Tony Tintinger das Geigenspiel erlernen, anstelle der eigentlich begehrten Trompete. „Zu der Zeit nahm ich die Tram zur Musikschule und auf dem Nachhauseweg ließ ich meine Geige bewusst im Abteil liegen, in der Hoffnung, dann nicht mehr musizieren zu müssen“, erinnert sich der Rentner. „Leider gab es als Reaktion immer nur ‘eng an d’Akaul’ und irgendjemand hat das blöde Ding immer wieder zurückgebracht.“

Verwendung für Musik hatte der junge Koch dann trotzdem immer. Die Zeiten seiner Dixie-Band zaubern ihm heute noch ein Strahlen in die Augen. „Im Bistro in Esch haben wir abends oft unsere Instrumente rausgeholt und bis 2 oder 3 Uhr morgens gespielt. Die Leute gingen nicht nach Hause. Irgendwann habe ich die Polizei gerufen, um sie rauszuschmeißen“, erzählt der Rentner. Eine letzte große Story hat er noch in petto: „Ich war damals im ‘Syndicat d’initiative’ in Esch und hatte die Fest- und Wegekommission unter mir. Da beide kein Geld hatten, organisierte ich zwei große Veranstaltungen: einen Blumencorso und die Festlichkeiten zur 30-jährigen Befreiung der Stadt Esch.“

Bei seinen Recherchen im Gemeindearchiv stieß Tintinger auf ein Foto, dessen Geschichte ihm heute noch Tränen in die Augen treibt. „Auf dem Bild war ein Amerikaner und ich sagte zu ihnen: ‘Gebt mir sechs Monate Zeit und wenn er noch lebt, finde ich den Mann und bringe ihn hierher.’ Alle glaubten, ich hätte den Verstand verloren, aber fünf Monate später habe ich ihn gefunden, nur mit dem Foto, in Austin in Texas“, erinnert sich der 75-Jährige. Und Bob Georges Brocking kam nach Luxemburg, sogar ganze vier Mal.

Es sind Erinnerungen wie diese, die Tony Tintinger mit Freude auf sein Leben als Sternekoch, Reporter, Versicherungsagent, Ehemann, Küchenpsychologe und Berater zurückblicken lassen. Hüte, die es nun an der Zeit ist, auszuziehen, denn für „Tun“ aus Niederanven beginnt ein neues Kapitel – zwar weniger hektisch, aber sicherlich nicht weniger anekdotenreich.

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