Im Dezember ist Raoul Clausse, der ehemalige Bürgermeister der kleinsten Gemeinde Luxemburgs, unerwartet verstorben. Nun hat Jean Konsbruck seine Nachfolge angetreten. Ein Gespräch mit dem neuen Bürgermeister u.a. über Verkehrsprobleme in Saeul und den Fusionsdruck einer kleinen Gemeinde.

Zur Person 

Jean Konsbruck, 1959 in Luxemburg-Stadt geboren, wurde am 7. März als neuer Saeuler Bürgermeister von Innenminsterin Taina Bofferding vereidigt. Er tritt damit die Nachfolge von Raoul Clausse an, der im Dezember 2018 plötzlich verstorben war. Zuvor war Konsbruck Zweiter Schöffe gewesen. Der gelernte Elektroniker mit Meistertitel arbeitet hauptberuflich bei der „Inspection du travail et des mines“, wo er Gutachten über Arbeitsunfälle erstellt. Privat ist Konsbrück gern im Garten tätig, besitzt Bienen und ist in der „Sëller Musik“ aktiv. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Tageblatt: Ihr Vorgänger ist auf tragische Weise verstorben. Ist es nicht schwierig, auf eine solche Weise Bürgermeister zu werden?

Jean Konsbruck: Ja, das stimmt. Ich war bereit, das Amt zu übernehmen, weil die anderen es nicht unbedingt haben wollten, da sie beruflich oder zeitlich gebunden waren. Schon immer wäre ich gern Bürgermeister geworden, aber nicht auf diese Weise. Es ist ein schweres Erbe, weil Raoul Clausse so beliebt war. Sicherlich werde ich mit ihm verglichen werden, aber dieses Risiko muss ich eingehen. Ich bin kein Alphamännchen. Ich versuche, die Macht mit den anderen beiden Schöffen zu teilen.

Wie schwer ist es für Sie, sich an Ihre neue Rolle zu gewöhnen?

Es ist nicht viel anders als im Schöffenrat, man muss nur mehr Zeit aufwenden. Das ist eine Arbeit, die Spaß macht. In jungen Jahren habe ich Politik gemacht, dann lange nicht, und durch Raoul Clausse bin ich wieder dazu gekommen. Ich war immer ein interessierter Bürger, aber so richtig habe ich mich in der Politik nicht wohlgefühlt.

Saeul ist die kleinste Gemeinde im Land. Raoul Clausse war stets Fusionsgegner. Wie stehen Sie dazu?

Im Moment ist keine Fusion geplant und sie war auch nicht im Koalitionsprogramm vorgesehen. Die Mehrheit des Gemeinderates ist gegen eine Fusion, aber man weiß nie, wie sich die Dinge entwickeln.

In der fusionierten Nachbargemeinde Helperknapp gibt es ordentliche Querelen im Gemeinderat. Möchten Sie das kommentieren?

So eine Fusion kann schnell gehen, aber sie muss gut durchdacht sein. Wenn wir uns Helperknapp anschließen würden, was würde unser kleines Dorf dann noch darstellen? Für die Einwohner würde dies wahrscheinlich eher weniger Dienstleistungen bedeuten als mehr. Eine Fusion steht für uns aber nicht an, und wenn doch, dann nur im Kanton Redingen.

Der PAG ist in den Gemeinden ein brisantes Thema. Wie soll er in Saeul umgesetzt werden?

Aus Umweltschutzgründen wurden die Bauflächen in Saeul limitiert, aber uns liegt als Gemeinde nichts daran, den Leuten die Bauflächen wegzunehmen. Die Auflagen kommen vom Staat. Wenn es dann um Entschädigungen geht, können diese nicht von der Gemeinde kommen, denn dann wären wir schnell pleite.

Gibt es denn konkrete Projekte zur Vergrößerung der Gemeinde?

Ende dieses Jahres wird ein Park-and-Ride-Platz in Schwebach gebaut, um den Straßenverkehr zu entlasten. In diesem Zusammenhang soll dort auch ein Wohngebiet entstehen. Dabei will die Gemeinde Baugrundstücke an lokale Einwohner verkaufen, sofern das rechtlich möglich ist, ohne dass wir dabei großen Profit machen. Mir ist bewusst, wie hoch die Anschaffungskosten für ein Haus hier sind, deshalb soll der Preis nicht mehr als 30.000 Euro pro Ar betragen. In Calmus werden außerdem 20 Häuser auf der „Kräizwiss“ gebaut. In der rue de Mersch werden ein Dutzend Häuser gebaut. Zwischen der Saeuler Hauptstraße und „Um Këpp“ könnten ebenfalls Bauplätze entstehen. Ich gehe davon aus, dass wir am Ende der Legislaturperiode um die 1.000 Einwohner haben werden. Der Gemeinde gehen die Baugrundstücke aus, aber in Kapweiler könnte noch gebaut werden.

Welche Probleme gibt es sonst noch in Saeul?

Keine. (lacht) Große Probleme haben wir mit dem Straßenverkehr. Zu bestimmten Uhrzeiten ist so viel Verkehr, dass man aus den Nebenstraßen nicht mehr herauskommt. Manchmal gibt es einen Rückstau fast bis zum Kreisverkehr „Rippweiler-Barrière“. Auch von Arlon kommend stehen die Autos im Stau. Wie immer ist die Verkehrspolitik im Land konzeptlos: Wir machen eine Nordstraße auf, aber niemand weiß, wie man dorthin kommt. Man hätte eine Westtangente über Useldingen und „Openthalt“ bauen können, um den Straßenverkehr in den Dörfern zu entlasten. Doch in den nächsten 50 Jahren wird da wohl nichts mehr geschehen.

In Saeul werden wir aber eine 100 Meter lange Strecke an der Schule, entlang der route d’Arlon, in eine Tempo-30-Zone mit Verengung verwandeln. Das Verkehrsaufkommen im Ort ist vor einiger Zeit gemessen worden, dabei betrug der Geschwindigkeitsrekord 137 km/h innerorts. Es ist doch hirnlos, so an einer Schule entlang zu brettern!

Wie sieht Ihr Alltag als Bürgermeister aus?

Als Bürgermeister habe ich neun Stunden „Congé politique“ in der Woche, über die Gemeindesyndikate komme ich auf 14 Stunden pro Woche. Aber das reicht bei Weitem nicht, um die Arbeit zu bewältigen. Da geht auch privater Urlaub drauf. Und ich mache das auch nicht aus finanziellen Gründen. Meist bin ich am Mittwoch den ganzen Tag im Rathaus. In einer kleinen Gemeinden hat man eigentlich die gleichen Verpflichtungen wie in einer großen, nur haben kleine Kommunen weniger Personal. Bei Baugenehmigungen muss ich beispielsweise selbst vor Ort sein, bei einer großen Gemeinde gibt es dafür Angestellte.


Die kleinste Gemeinde im Land

Viele Wege führen nach Rom, aber nur zwei nach Saeul: Die kleinste Gemeinde in Luxemburg mit knapp 800 Einwohnern liegt an der Kreuzung der Nationalstraßen 8 und 12. Sie gehört zum Kanton Redingen. Neben dem eigentlichen Ortskern mit der ältesten romanischen Kirche des Großherzogtums gehören noch die Dörfer Calmus, Ehner, Kapweiler und Schwebach zur Gemeinde Saeul.

Die kleine Kommune wächst kontinuierlich, beispielsweise durch den Bau kleiner Reihenhaus-Siedlungen. Saeul hat, neben Bank und Tankstelle, eine beliebte Bäckerei (mit hervorragendem Eis!), drei Restaurants und eine Frittenbude. Seauls Prominentester Einwohner ist der Kabarettist Jemp Schuster.

 

Von unserer Korrespondentin Anke Eisfeld

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here