Neuer Stern im Jazz-Kosmos

RYMDEN – Reflections & Odysseys

Zehn Jahre nach dem Tod von Esbjörn Svensson haben sich die zwei verbliebenen e.s.t.-Mitglieder Magnus Öström (Schlagzeug) und Dan Berglund (Kontrabass) mit dem norwegischen Pianisten Bugge Wesseltoft zusammengetan und ein neues Jazz-Trio gegründet. Die ersten Ergebnisse dieser Zusammenarbeit sind großartig!

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„Rymden“ ist das schwedische Wort für Raum bzw. Weltraum und klingt als Bandname nicht nur cool, sondern stellt sich beim Hören der Musik als absolut passend heraus, denn der dreidimensionale Raum, in dem sich das Trio in seinen Kompositionen ausdehnt, scheint in der Tat unendlich. Diese Stücke sind schön – musikalische Poesie – und zugleich auf besondere Weise radikal. Es ist akustischer Jazz mit einer Neigung zu Pop- und Club-Musik, immer mal wieder durch elektronische Sounds und unerwartete Effekte verfremdet und manchmal blitzt sogar für einige Momente dieser typisch skandinavische Prog-Metal durch.

Rymden erinnern stellenweise an e.s.t. und sind dennoch ganz anders. Während bei Letzteren ausschließlich Esbjörns Kompositionen vertont wurden, sind nun alle Musiker gleichermaßen an den Songs beteiligt und lassen die vielfältigen Einflüsse, denen sie bislang ausgesetzt waren, miteinander verschmelzen. Wesseltoft hat es zudem überhaupt nicht nötig, sich mit einem anderen Pianisten vergleichen zu lassen. Er gehört definitiv zu den vielseitigsten Musikern Norwegens bzw. zu den besten Pianisten Europas und hat seinen eigenen Stil. Die das Rymden-Album abschließende Pianoballade „Homegrown“ halten manche für eine seiner schönsten Kompositionen überhaupt.

Der Norweger war es bislang eher gewohnt, sparsam und minimalistisch zu spielen, lässt sich von seinen beiden Mitstreitern aber nur allzu gerne auf ein wuchtigeres, rockigeres Jazz-Terrain entführen. Die drei Skandinavier klingen dann mitunter sogar wie die Fusion-Pioniere Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre. In „Pitter-Patter“ sowie im Schlussteil von „Råk“, wenn Bugge seinem leicht verzerrten E-Piano „Raum gibt“ und seine Rhythmus-Fraktion wie Hölle mitjammt, könnten Herbie Hancock oder Chick Corea am Werk sein und der Miles Davis der „In A Silent Way“-Sessions drauf und dran sein, einzusetzen. Auch solche Anspielungen gab es zu e.s.t.-Zeiten eher nicht.

Ein aufregendes Album zum Anfixen vor noch aufregenderen Konzerten, z.B. am 16. Mai in der Philharmonie. Wie hätte es der französische Essayist Joseph Joubert vor über 200 Jahren ausgedrückt? „Der Raum ist dem Ort, was die Ewigkeit der Zeit ist.“ Immer noch wahr!

Von unserem Korrespondenten Gil Max

Rating: 9/10

Anspieltipps: Pitter-Patter, Bergen, Homegrown


Et tu, Brute?

BRUTUS – Nest

Die Arbeit eines Rezensenten besteht zu einem nicht unerheblichen Teil aus der Kategorisierung des besprochenen Kunstwerks – woher rühren die Einflüsse, welche Vergleiche lassen sich ziehen und wie ist das Schaffen im Kontext seiner Bezugswerke einzuordnen? Deswegen macht „Nest“, das zweite Album des belgischen Trios Brutus, unfassbar viel Spaß – und stellt einen trotzdem vor eine unlösbare Aufgabe.

Stefanie Mannaerts (Drums/Vocals), Stijn Vanhoegaerden (Gitarre) und Peter Mulders (Bass) machen Posthardcorepunkblackmetalindiepopshoegaze. Das Blöde ist, dass mit all diesen Genrebezeichnungen die Großartigkeit der Musik, die einen von der ersten bis zur letzten Sekunde des Albums in einer Welle aus Wut, Melancholie und herzzerreißender Schönheit überschwemmt, nicht im Ansatz beschrieben ist. Denn die Versatzstücke und Schnipsel des Klangbastards wirken zu keinem Moment artifiziell oder gar erzwungen, sondern formen wie aus einem Guss ein akustisches Klangwerk, das jede Gefälligkeit vermissen lässt, aber trotzdem eingängig bleibt.

Mannaerts Stimme ergänzt in ihrer explosiven Vielfalt zwischen wilden Shouts, balladeskem Raunen und ätherischem Hauch die Wechselhaftigkeit des spartanischen Instrumentariums. Dass die Frau dazu noch das Schlagzeug bedient, welches nicht selten die Lieder dominiert, wirkt beim Hören fast schon unglaubwürdig. Vanhoegardens Gitarrenspiel versteht es allerdings, gerade verglichen mit dem Debüt von 2017, sich gegen die perkussive Gewitterfront zu behaupten. Und der Bass von Peter Mulders setzt auf einen dezenten Groove, der allerdings im Gesamtwerk als unverzichtbares Verbindungsstück zwischen den drei anderen Klangquellen funktioniert.

Zentrales Stück auf dem Album ist für mich „War“, der sechste Song, der alles, was voranging und folgt, zu unfassbaren vier Minuten und 39 Sekunden verdichtet – die fast schon verspielte Trauer im Intro, die abrupt in glühenden Hass umschlägt und sich schließlich in selbstbewusstem Trotz synthetisiert. Ein Meisterwerk im Meisterwerk – unbedingte Hörempfehlung. Cicero wäre stolz auf diesen Musik gewordenen Tyrannenmord.

Von unserem Korrespondeten Tom Haas

Rating: 10/10

Anspieltipps: War, Sugar Dragon,  Space


Kollektiver Rock-’n’-Roll-Trip

JIM JONES AND THE RIGHTEOUS MIND – CollectiV

CollectiV“ ist das zweite Album der Nachfolgeband von Jim Jones Revue (die sich 2014 auflöste). Jim Jones bleibt zwar noch immer dem Rock ’n’ Roll alter Schule verpflichtet, weitet den Stil der Band in Richtung Psychedelia und Gospel aus.

Das Cover und der Name der Band deuten klar in eine psychologisch/mystische Richtung, (der Bandname ist vom Titel eines Psychologiebuches abgeleitet) und einige der Songs tragen deutliche psychedelische Züge.

War Jim Jones Revue eine kompromisslose Rock-’n’-Roll-Band, die jedoch den Stil der 50er-Jahre nicht einfach nachspielte, sondern ihn neu interpretierte, wie sie es selbst formulierte, so knüpfen The Righteous Mind nahtlos dort an. Ich hatte das Glück, Jim Jones Revue vor Jahren in Luxemburg in einem kleinen Saal (die Band, die international Tausende Zuschauer zu ihren Konzerten lockte, spielte in Luxemburg vor gerade mal 50 Leuten!) zu sehen. Es war absoluter Wahnsinn, was sie und vor allem ihr Sänger Jim Jones auf der Bühne boten. Diese Energie haben Jones und der Bassist der Revue, Gavin Jay, in die neue Band mitgenommen.

Bei den meisten Songs zeigen sich The Righteous Mind zwar immer noch dem Rock ’n’ Roll alter Schule verbunden, doch brechen sie aus den etwas starren Grenzen der Vorgängerband aus. Der größte Einfluss kommt aus der psychedelischen Ecke, wobei das beste Beispiel hierfür der Song „O Genie“ ist, wo man LSD aus jeder Note zu hören scheint. Beim Song „Meth Church“ sagt schon der Name einiges aus und er hört sich an, als ob Tom Waits auf einem Trip wäre. Internationale Kritiker wiesen in ihren Rezensionen auf eine Nähe zu Nick Cave and The Bad Seeds hin: Ein Song wie „Dark Secrets“ bestätigt diese Aussage.

Anfangs haben wir den Gospel erwähnt. Den Song „Satan’s Got His Heart Set On You“ wird man zwar nicht in einer Kirche hören, aber irgendwie ist es doch „christlicher“ Rock.

Von Claude Molinaro

Rating: 8/10

Anspieltipps: Satan’s Got His Heart Set On You, O Genie, Dark Secrets

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