« Ein Käfig ging einen Vogel suchen », eine Kafka-Inszenierung von Andreas Kriegenburg, zeigt, wie Angst zu Paranoia wird und ausarten kann. Auch dass der eigentliche Feind oft nicht vor der Haustür, sondern in den eigenen vier Wänden, gar im Kopf einer einzelnen Person lauert, wird hier unter Beweis gestellt. Die Produktion des Deutschen Theater Berlin war am Wochenende in Luxemburg zu Gast.

Von Sara Goerres

Kriegenburg lässt in seiner Inszenierung fünf identisch gekleidete Blumfelds, welche allesamt die Hauptfigur darstellen, in einer ungewöhnlichen Schnelligkeit unterschiedliche Kafka-Texte abklappern, die unter anderem aus « Der Bau », « Schakale und Araber » und natürlich ebenfalls aus « Blumfeld, ein älterer Junggeselle » stammen.

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Man taucht in das alltägliche Leben der Figur Anton Blumfeld ein, die von Elias Arens, Moritz Grove, Bernd Moss, Jörg Pose und Natali Seelig dargestellt wird. Fünf Mal wird gefrühstückt, fünf Mal zieht man sich an, fünf Mal fällt im gleichen Moment der Blick auf die Uhr. Trotz dieser Repetitivität wirkt die ganze Choreografie zu keinem Zeitpunkt langweilig.
Wenn die Herren sich nicht gerade sprechend ihren wahnhaften Gedanken hingeben, singen sie im Chor. Man tritt ein in eine Welt, in der sich ein Mann (oder eben vier weitere Ausführungen seiner Selbst) von der eigentlichen Realität isoliert.

Das Publikum droht zusehends, in den Gedankenstrudel Blumfelds hineinzugeraten, jedoch stellt eine Erzählerin ein potenzielles Bindeglied zwischen beiden Parteien, vor allem aber eine helfende Hand dar, die in regelmäßigen Abständen erscheint, um das in Worte zu fassen, was der Protagonist selbst nicht zu erkennen vermag. « Anton Blumfeld war die Welt draußen schon immer etwas fremd, ja die Welt draußen war ihm fremd, aber auf vertraute Weise », erklärt eine junge Frau, gespielt von Nele Rosetz, welche sich im Laufe des Stücks ihren Weg durch das dem Innenleben Blumfelds ähnlich verqueren Bühnenbilds bahnt.
Letzteres, so beeindruckend es auch sein mag, ähnelt einem Wohnungsblock, mit mehreren Tücken. Löcher säumen die Wände und Böden. Man sieht vier kästenartige an- und nebeneinander gestapelte Räume vor sich, welche zum Publikum hin offen sind. Es gibt keinen einzigen rechten Winkel.

Im Laufe der Handlung reiht sich eine ungewöhnliche Geschichte an die andere. Die Choreografie der fünf Blumfelds und der endlos komplizierte Kafka-Text, den diese von sich geben in diesem verrückten Haus, entwickeln sich zu einem irrwitzigen Zusammenspiel.

« I’m just a poor boy »

Jedoch nimmt das allgemeine Gefühl des Unwohlseins potenziell beim Publikum, vor allem aber beim Hauptcharakter, überhand. Anton Blumfeld ist überzeugt, dass etwas außerhalb seiner Wohnzimmeridylle ganz und gar nicht stimmt. Fremdenhass, die Angst vor den Arabern, die übermäßige Panik vor dem da draußen. Plötzlich wird das Messer gezückt, ein anderer Blumfeld holt eine Axt hervor.

Durch den Gesang wird die angespannte Stimmung in fünffacher Ausführung zumindest zeitweilig etwas aufgelockert. So singen die fünf Blumfelds im Chor beispielsweise « Major Tom » oder auch noch Queens « Bohemian Rhapsody » . Total absurd? Wohl eher nicht, denn im Grunde ist Blumfeld auch nur ein gewöhnlicher « poor boy », der von niemandem geliebt wird. Und wie schön wäre es doch, wenn jemand sein Leben bewahren könnte « from this monstrosity ». Vielleicht besteht gerade hierin der Bezug zwischen dem Klassiker und der Realität.

Wenn auch die Texte allesamt aus den 1910er und 20er Jahren stammen, so stehen Themen wie Verfolgungswahn, Verschwörungstheorien und vor allem die Abschottung von Personen, die befürchten, im Meer der Informationen zu ertrinken, auch 2019 an der Tagesordnung. Anton Blumfeld stellt ein Beispiel von Unzähligen dar.

« Ein Käfig ging einen Vogel suchen » überzeugt durch eine außergewöhnlich starke schauspielerische Leistung und gekonnte Absurdität auf allen Ebenen.

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