Die französische Regierung und die französische Öffentlichkeit müssen sich darauf einstellen, dass der deutsche Siemens zwar ein Angebot für die Energiesparte des Alstom Konzerns machen wird, das Angebot aber unangenehme Wahrheiten offenlegen wird. Siemens will das Angebot am 16. Juni vorlegen. Die französische Regierung hatte Siemens um ein Angebot gebeten, weil sie den von Alstom auserkorenen Bräutigam, den US Konzern General Electric, nicht akzeptieren will.
Siemens will, so sagte Konzernchef Kaeser, eine dreijährige Arbeitsplatz-Garantie für die Mitarbeiter in den zu übernehmenden Teilen des Alstom Konzerns anbieten. General Electric überbot und kündigte an, im Falle der Übernahme der Energiesparte die Zahl der Arbeitsplätze auszubauen.
Bekannt wurde bisher, dass das Angebot von Siemens für die Energiesparte um die Milliarden Euro betragen soll. Siemens soll bei Alstom juristische Risiken in Höhe von 800 Millionen Euro unter anderem in den USA und Brasilien ermittelt haben. Das sind Risiken, von denen in Frankreich im Zusammenhang mit Alstom nicht die Rede war.
Der Traum von zwei europäischen «Champions»
Die französische Regierung hatte sich vorgestellt, dass in einer Kooperation zwischen Siemens und Alstom zwei europäische «Champions» entstehen sollten. Der eine im Bereich der Eisenbahntechnik, der andere im Bereich der Energietechnik. Das Problem: General Electric kann ein Angebot für die gesamte Energiesparte machen, bei Siemens ist der politische französische Wunsch fern jeder Realität. Es wird sowohl bei den Turbinen als auch beim Bau von Hochspannungsnetzwerken Überschneidungen geben. Die Kartellbehörden in Europa und weltweit werden immer den Verkauf von Unternehmensteilen verlangen, weil in beiden Bereichen ein Monopolist entstehen wird. Das ist in Frankreich Wunsch der Regierung, außerhalb Frankreichs aber nicht durchzusetzen.
Das Siemens Angebot wird im Gegensatz zu dem von General Electric daher sehr differenziert sein. Siemens soll, so erfahren Nachrichtenagenturen zwischenzeitlich, am Stromübertragungsgeschäft aus kartellrechtlichen Bedenken nicht interessiert sein. Auch die Windenergiesparte bietet Probleme, weil Siemens hier selber stark ist. Und im Bereich der Nukleartechnik, deren Turbinen vom Ersatzgeschäft für die 58 französischen Kernreaktoren abhängig sind, soll der Münchner Konzern ebenfalls nicht interessiert sein.
In Paris ist zu hören, dass der deutsche Konzern wohl kaum eine Chance haben wird, wenn er weniger Geld als General Electric anbietet. Gleichzeitig wird von Siemens verlangt, dass das Angebot alle kartellrechtlichen Risiken ausschließt.
Alstom-Manager wenig mitteilsam
Siemens hat in den vergangenen Wochen nicht ohne Schwierigkeiten den Blick in die Alstom Bücher werfen dürfen. Beklagt wurde aber, dass die Manager des Alstom Konzerns sich in Gesprächen über Perspektiven, Strategie und Zukunft des Konzerns zurückhaltend gezeigt hätten. Die Münchener beziffern alleine die juristischen Risiken von Alstom zum Beispiel in den USA und in Brasilien mit 800 Millionen Euro, die einen entsprechenden Abschlag rechtfertigen sollen.
In Deutschland hat der Siemens Konzern mit dem Angebot ebenfalls Schwierigkeiten. Die Vertreter der mächtigen Industriegewerkschaft sorgen sich um Arbeitsplätze im Transportbereich. Alstom wiederum hat wenig Interesse daran, nach der Bildung eines großen Eisenbahnbereiches in Deutschland Arbeitsplätze abzubauen. Siemens-Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser hat in einem Interview mit der Mitarbeiter-Zeitung (nachzulesen unter Siemens.com) bekräftigt, dass man im Falle einer Einigung mit Alstom in Eisenbahnbereich weiter mitarbeiten werde und seinen Einfluss behalten werde.
Der Plan C von Minister Montebourg
Dem französischen Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg scheint zwischenzeitlich zu schwanen, dass sich sein Traum von zwei deutsch-französischen Konzernen möglicherweise nicht verwirklicht. Er entwickelt einen «Plan C». Mehrere französische Unternehmen sollen ein Konsortium bilden, um sich bei Alstom zu beteiligen. Auch eine Staatsbeteiligung scheint nicht mehr ausgeschlossen. Die Gerüchte, dass die französische Regierung ein Paket am staatlichen Stromkonzern verkaufen könnte, verdichten sich. Das Modell hat seine Probe bereits bestanden. Um eine Beteiligung von 14 Prozent zur «patriotischen» Rettung von Peugeot zu finanzieren, hatte Frankreich einen Teil seiner Kapitalbeteiligung bei Safran verkauft.
Interessant ist die Frage, welche Rolle eigentlich der Aufsichtsrat als Vertreter der Aktionäre noch spielt. Formal wird er zum 23. Juni entscheiden müssen. Dann läuft das Angebot von General Electric aus. Ob er es wagen wird, gegen die französische Regierung zu entscheiden? Beim Verkauf des Mobilfunk-Unternehmens SFR an Numericable hatte der Vivendi Aufsichtsrat sich gegen Wirtschaftsminister Montebourg gestellt und sich gegen den Baukonzern Bouygues entschieden. Bei Alstom muss sich der Aufsichtsrat entscheiden, ob er beim Verkauf seiner Energiesparte wirtschaftliche oder politische Gründe in den Vordergrund stellen will.
Helmut Wyrwich/Tageblatt.lu
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