Der größte Stahlkonzern der Welt, die Luxemburger Gruppe ArcelorMittal, ist in den USA die Nummer eins. Seit der Konzern sich Ende 2013 eine neue Struktur gegeben hat, tritt er jenseits des Atlantiks als ArcelorMittal Nafta auf. Das heißt, die Luxemburger Flagge weht nun (symbolisch) über Stahlwerken in Kanada bei Dofasco, über Stahlwerken der ehemaligen International Steel Group, die 2005 von Mittal Steel geschluckt wurde, in Mexiko und in Trinidad Tobago.
ArcelorMittal Nafta produzierte 12,4 Millionen Tonnen Stahl im ersten Halbjahr 2014. Die Produktion schwächelte ein wenig, weil ein Hochofen in Indiana Harbor erneuert wird und ein anderer in Cleveland unerwartet repariert werden musste. ArcelorMittal hat mit der Zusammenfügung der Tätigkeiten in dem Wirtschaftsraum Nafta, der Kanada, die USA, Mexico und Trinidad Tobago umfasst, nun den vorerst letzten Schritt getan, um den Konzern in Wirtschaftsgebieten zu strukturieren. Neben ArcelorMittal Nafta gibt es nun ArcelorMittal Europa und ArcelorMittal ASICS, das den asiatischen Raum zusammenfasst.
Die Bewegungen in der globalen Stahlindustrie, in der europäischen und in der US-amerikanischen verliefen in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends weitgehend parallel, ohne dass dies allerdings von den einzelnen Akteuren so bemerkt wurde. In Frankreich wurden in den 80er und 90er Jahren große Teile der Stahlindustrie stillgelegt. Die beiden Staatskonzerne Usinor und Sacilor vereinigten sich zusammen mit dem Flachstahlkonzern Sollac zu Usinor. Die luxemburgische Arbed-Gruppe hatte sich bereits modernisiert, die letzten Hochöfen stillgelegt, sich auf den Langstahlbereich konzentriert und Elektrostahlwerke gebaut. Das erwies sich als ein frühes Erkennen einer Entwicklung.
Auf europäischer Ebene fanden sich im neuen Jahrtausend dann Arbed, Aceralia und Usinor zu Arcelor zusammen.
Luxemburger boten 100 Millionen mehr
International hatte der indische Industrielle Lakshmi Mittal zwei Gesellschaften gegründet, die Ispat und die LNM, die er zu der in Rotterdam ansässigen Mittal Steel zusammenführte. Mittal hatte eine globale Vision von der Stahlindustrie.
In den USA fand eine ähnliche Konzentration rund um die International Steel Group statt, die alles aufkaufte, was als Stahlunternehmen in Schwierigkeiten geriet. International Steel Group ging auf in Mittal Steel, weil der indische Magnat im richtigen Augenblick erkannte, dass dieses Unternehmen seine Idee von dem globalen Stahlkonzern in den USA verwirklichen würde.
Die Idee, auf dem amerikanischen Markt, und hier insbesondere auf dem US-Markt, vertreten sein zu müssen, herrschte auch im «Schloss» an der Avenue de la Liberté vor, wo man sich im Hauptquartier von Arcelor Gedanken darüber machte, dass es auf Dauer nicht reichen würde, in der Spitzengruppe der brasilianischen Hersteller zu liegen, sondern dass man Brasilien mit den USA verbinden könnte. Nur fehlte das geeignete Objekt. Das fand sich, als die Kanadier ihren Star unter den Stahlwerken, Dofasco, zum Verkauf stellten. Allerdings hatten nicht nur die Luxemburger begriffen, dass es sich bei Dofasco um eine Schlüsselposition in Kanada und in den USA handeln würde. In Duisburg und in Essen, bei ThyssenKrupp, gab es dieselben Vorstellungen. Wer Dofasco erhalten würde, hätte einen uneinholbaren Vorsprung in Europa, den alle Konkurrenten nur unter Aufbietung von ungeheuren Finanzmitteln wettmachen können würden. Arcelor war zu dem Zeitpunkt bereits seit 1990 in den USA über ein Joint Venture mit Nippon Steel vertreten. Mittal war bei Dofasco aus dem Rennen, da man sich gerade International Steel einverleibt hatte.
Eine Beinahe-Monopol-Position
Die Luxemburger boten den Kanadiern 100 Millionen mehr als die Ruhrgebietler. Und da es in der Provinz Ontario nur darum ging, den besten Preis zu erzielen, fiel der Auktionshammer beim Gebot von Arcelor, die 100 Millionen mehr boten. Für Thyssen hatte das eine tragische Folge. Das Unternehmen musste sich entscheiden, ob es ein zweitrangiger Stahlproduzent in Europa bleiben wollte oder mit großem finanziellen Aufwand die internationale Entwicklung selber bestreiten wollte. Die Entscheidung, in Brasilien ein Stahlwerk zu bauen – an einem falschen Platz – und in den USA eine komplette Walzanlage dazu, führte das Unternehmen an den Rand seiner Möglichkeiten, mit Auswirkungen, die erneut den Luxemburgern zugutekamen.
In Luxemburg war allerdings übersehen worden, dass Magnat Lakshmi Mittal seinen Gedanken, einen globalen Stahlkonzern zu formen, nicht aufgegeben hatte. Mittal war in Kasachstan vertreten wie auch in Tschechien. Aber die richtige Festsetzung auf dem europäischen Kontinent war ihm nicht gelungen. Wäre da nicht die Braut Arcelor gewesen, schön herausgeputzt, schuldenfrei mit Spitzenprodukten und Premiumlieferant im Bereich der Automobilindustrie, dazu mit Eisenerzminen in Brasilien und einer brasilianischen Stahlproduktion. Nicht ganz freiwillig verfiel die Braut dem Charme des Übernahmeangebotes.
Nach der Übernahme verfügte das neue Unternehmen über eine Beinahe-Monopol-Position in Europa, über eine starke Position in Südamerika, über eine sehr starke Position in den USA.
ArcelorMittal ist in den USA dort vertreten, wo man Stahl braucht, hat sich überdies Kohlebergwerke und Eisenerzminen gesichert. Im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends stellt sich heraus, dass sich auf drei Erdteilen die Stahlkonzentration unter demselben Unternehmen vollzog, das dabei seinen Sitz weiter in Luxemburg hat. ArcelorMittal ist in den USA der größte Hersteller und unverzichtbar für die Automobilindustrie, wie auch in Mexiko oder in Brasilien. Das neueste Werk hat ArcelorMittal in Alabama übernommen, zusammen mit Nippon Steel. In den USA kennt man sich aus Arcelor-Zeiten ja schon. Aber das sind gleich zwei andere Geschichten.
Helmut Wyrwich/Tageblatt.lu
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