Wenn man morgens gewohnheitsmäßig zu Hause oder im Auto das Radio einschaltet und auf France Inter die Stimme des Star-Moderators Patrick Cohen erwartet, schallt stattdessen Musik aus den Lautsprechern. Die Mitarbeiter streiken. Es sind insgesamt zwar nur etwa sieben Prozent der 4.909 Beschäftigten, aber das reicht, um das Haus lahm zu legen. Fehlt ein Techniker, kann man nicht senden. Das sind die Regeln in dem runden Radiobau in Paris.
" class="infobox_img" />Der Präsident von Radio FRance Mathieu Gallet ist beim Personal nicht sehr beliebt.
Radio France ist eine Institution, die mit ihren Sendern France Inter, France Info, France Culture und France Musique – um nur vier der insgesamt sieben Sender zu nennen, zur Kultur Frankreichs gehört. Es sind Sender, die offiziell unabhängig sind, aber doch eben nur sanft und diplomatisch dort Kritik üben, wo die Konkurrenten Europe 1 und RTL deutlich zur Sache gehen.
Bis 2012 von der Regierung abhängig
Radio France war bis 2012 noch deutlich von der französischen Regierung abhängig. Der Präsident des Hauses wurde vom Staatspräsidenten ernannt. Nicolas Sarkozy hatte sich den Einfluss auf das Radio nicht nehmen lassen. Erst François Hollande ändert nach seiner Wahl zum Staatspräsidenten das Ernennungsverfahren. Er überträgt die Ernennung des Präsidenten von Radio France der medialen Aufsichtsinstanz CSA. Die ernennt im Jahre 2014 einstimmig den jungen Matthieu Gallet zum neuen Präsidenten. Er ersetzt den Journalisten Jean Luc Hees, im Hause umstritten, weil er Verträge mit Satirikern gekündigt hatte, die Nicolas Sarkozy, satirisch parodierten oder persönlich in der morgendlichen „7 bis 9“ intervenierte, um dem Journalisten auf Vorwürfe zu antworten, dass Hees zu staatsnah sei um den Sender zu führen.
Hees hatte andererseits eine väterliche Art den Sender zu führen, kannte die Journalisten, sprach sie bei ihrem Vornamen an und ließ das Haus in einer komfortablen Routine erstarren.
Ein brillanter Manager
Das änderte sich mit dem jungen Matthieu Gallet. Der gilt als brillanter Manager. Er hatte zuvor das nationale Medienarchiv INA geführt, es aus einer verstaubten Ecke zum international anerkannten Vorreiter der Digitalisierung von altem Film-Material gemacht und es an die Spitze der Modernisierung geführt. Gallet, 2011 als einer der 30 einflussreichsten Medienmänner Frankreichs bezeichnet, startete eine breit angelegte Modernisierungskampagne des Hauses, die insbesondere bei den Gewerkschaften auf scharfe Kritik stieß.
Radio France war als Staatsinstitution daran gewöhnt, Defizite einzufahren. Gallet änderte die Führungsphilosophie, zeigte sich mehr als Manager und führte das an den jovialen Stil des Journalisten-Vorgängers gewöhnte Haus wie ein Unternehmen. Gallet rechnete seinen Sendern vor, dass Radio France im Jahre 2015 ein Defizit von 21 Millionen Euro machen und Schwierigkeiten haben würde, seine Rechnungen zu bezahlen. Im Hause wurde Unruhe bemerkbar, fürchteten die Gewerkschaften doch, dass wohl nicht alle Mitarbeiter ihren Job behalten würden.
Bei der Musik wird gespart
Im kurzzeitigen Mittelpunkt der Sparbemühungen steht der musikalische Bereich. Radio France erlaubt sich zwei Orchester und zwei Chöre. Der nationale Rechnungshof hat in einem Bericht die Finanzlage scharf kritisiert und die Zusammenlegung zu einem Orchester und einem Chor vorgeschlagen. Dieser Bereich, rechnet Gallet vor, kostet 58 Millionen Euro pro Jahr, spielt aber nur zwei Millionen ein.
Für die Gewerkschaften war das zu viel. Sie riefen zum Streik, der nun seit 18 Tagen dauert und Millionen kostet, weil die Werbe-Einnahmen ausfallen, und damit die wirtschaftliche Situation von Radio France noch verschärft. Die Regierung sicherte Radio France mit einer außerordentlichen Finanzspritze ab. Die kommende Woche, so heißt es im runden Haus, werde die entscheidende sein.
Zu Demaart
Sie müssen angemeldet sein um kommentieren zu können