Olivier Bonsart, Direktor der Gratiszeitung „20 Minutes“ in Paris, mag nicht auf den Begriff „Gratiszeitung“ angesprochen werden. Er rede auch nicht von „Bezahlzeitung“, wenn er von „Le Monde“ oder „Les Echos“ spreche, pflegt er zu antworten. Die Empfindlichkeit hat ihren Grund. Der Gratispresse geht es nicht gut. Sie leidet unter Anzeigenmangel. „20 Minutes“ und „Metronews“ erscheinen dann nicht mehr, wenn es nicht genügend Anzeigen gibt, schreibt die führende französische Wirtschaftszeitung „Les Echos“ in ihrer Montagsausgabe.
„20 Minutes“ ist ein Gemeinschaftsprodukt, von Frankreichs Tageszeitung „Ouest France“ und dem schwedischen Verlag „Schibsted“ herausgergeben. Das Gratisprodukt hat eine schwierige Phase überwunden und ist erst 2014 wieder in die Gewinnzone gekommen. 900.000 Euro betrug der operative Gewinn.
Bonsart sieht sich nicht mehr in dem Segment der kostenlosen Zeitung. Er hat umgestellt. Vor zwei Jahren arbeiteten bei „20 Minutes“ 20 Prozent der Journalisten für das Internet. Heute würden gerade noch 15 Prozent der Journalisten für das gedruckte Produkt arbeiten. Der Schwerpunkt läge auf den Internet und der web-Ausgabe, die im Dezember vergangenen Jahres 6,2 Millionen Besucher zählte. In den sozialen Medien zählt „20 Minutes“ 1,44 Millionen Abonnenten (Follower) auf Twitter und 850.000 Kontakte auf Facebook. Die früher reine Gratiszeitung ist zu einem Internet-Produkt geworden, das nun auch eine Zeitung herausgibt, wenn die genügend Anzeigen hat.
Ein anderer Weg
„Direct Matin» hingegen hat einen anderen Weg eingeschlagen, um dem Anzeigenverlust zu begegnen. Herausgeber Bolloré glaubt an das Segment. Der Präsident von Bolloré Medias, Jean-Christophe Thierry, sieht in „Direct Matin“ ein langfristiges Investment. Die Zeitung erscheint regelmäßig – auch an Tagen mit schwacher Anzeigenbelegung. Man will den Leser durch die Regelmäßigkeit an sich binden, weil man auch dann auf dem Markt ist, wenn die beiden anderen fehlen. Bolloré Medias hat die Marketing- und Anzeigenmannschaft verstärkt. Das Unternehmen geht von März an mit neuen Applikationen auf den Markt und erscheint am Wochenende mit einer Wochenendbeilage. Ende Januar hat Boloré Médias bei der französischen Medien Aufsichtsbehörde eine Frequenz für einen TNT-Sender beantragt, der nur im Großraum Paris senden soll.
Für so viel Optimismus gibt es bei Metro News derzeit keinen Anlass. Die Zeitung hat ihren Direktor verloren, der zum Auktionshaus Christies gewechselt ist. Im letzten Halbjahresbericht des Mutterhauses – des Fernsehsenders – TF1 heißt es, dass Metro News wegen des schlechten Anzeigenmarktes Umsatzverluste hinnehmen musste, die durch striktes Kostenmanagement begrenzt werden konnten. TF1 legt am Dienstag seinen Jahresbericht vor, wird dabei auch zu Metro News Stellung nehmen und zur Zukunft des zur Gruppe gehörenden Nachrichtensenders LCI, der eigentlich schon Ende vergangenen Jahres seinen Betrieb einstellen sollte.
Die drei Gratiszeitungen, die den Markt im Pariser Großraum beherrschen, liegen alle unter einer Million Auflage. Wie das Mutterhaus „Ouest France“ ist auch die Tochter „20 Minutes“ mit einer Auflage von 969.586 Exemplaren die größte. Auf Platz zwei liegt „Direct Matin“ mit 885.417 Exemplaren. Dritter ist Metro News mit 744.988 Zeitungen. Die Zahlen sind vom französischen Institut zur Auflagenüberwachung (OJD) zertifiziert.
Anders als die Gratiszeitungen in Frankreich erfreuen sich die Pendlerzeitungen in der Schweiz und in Luxemburg nach wie vor großer Beliebtheit, und das sowohl bei den Lesern als auch bei den Anzeigenkunden.
Zu Demaart
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