Das Dokument vom Züricher Professor Jürgen Ölkers zum neuen Werteunterricht hat bereits vor seiner Vorstellung für Aufregung gesorgt, vor allem bei den Ethiklehrern und laizistischen Organisationen. Einer der Vorwürfe: Der bisherige Religionsunterricht werde durch einen neuen Religionenunterricht ersetzt. Das Rahmenprogramm ist im Auftrag von Schulminister Claude Meisch erstellt worden. Am Montagmorgen war es im Parlamentsausschuss Schule auf Wunsch von déi Lénk vorgestellt worden. Am Abend folgt eine öffentliche Konferenz dazu.
Das viereinhalb Seiten starke Dokument unter dem Titel „Leben und Gesellschaft. „Zusammen leben, Zusammenleben gestalten“, ist eine Art Bestandsaufnahme der kulturellen, religiösen und philosophischen Einflüsse auf die Luxemburger Gesellschaft und umreißt die Ziele, die ein Werteunterricht in der Schule erreichen soll.
Toleranz und Respekt
Gerade bei den großen Lebens- und Gesellschaftsfragen müsse die Schule Toleranz, Respekt und gegenseitiges Verständnis im Umgang mit Diversität vermitteln, heißt es in Ölkers Dokument. Die beiden bisherigen Fächer (Religionsunterricht und laizistischer Moralunterricht) sollten dabei nicht einfach durch ein Fach ersetzt werden, in dem Moral- und Religionsunterricht auch weiterhin nebeneinander existieren.
Zu den Zielsetzungen des neuen Fach heißt es bei Prof. Ölkers: „Das neue Fach soll die Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, die Bedeutung von kulturellen, weltanschaulichen und religiösen Phänomenen (Gebräuche, Traditionen, Riten), mit denen sie in ihrem Alltag konfrontiert werden, zu verstehen. Dies setzt unter anderem eine Auseinandersetzung mit christlich-jüdischen und aufklärerisch-humanistischen Traditionen voraus, die beide unsere Gesellschaft maßgeblich geprägt haben.“ Das neue Fach sollte Erkenntnis darüber liefern, was Religionen sind und und für welche Werte und Überzeugungen sie stehen. Das biete auch die Möglichkeit, „intoleranten und radikalen Positionen jeglicher Art Einhalt zu gebieten.“
Der neue Werteunterricht soll frühestens 2016/2017 gleichzeitig in der Grund- und Sekundarschule angeboten werden. Mit der Ausarbeitung der Inhalte ist eine Programmkommission beauftragt, der u.a. auch Ethiklehrer angehören. Sie hatten vergangene Woche kritisiert, dass den Forderungen des Bistums und der Religionslehrer großzügig nachgekommen worden sei.
Die Reaktionen der Fraktionen
Der Text von Prof. Ölkers lasse alles offen, betont Justin Turpel (déi Lénk) am Montagnachmittag. Er hatte das Treffen im Ausschuss initiiert. Die Abgeordneten hätten das Dokument am Morgen erst entdeckt. Inhaltlich sei es wohl noch überarbeitet worden, so Turpel. Unklar ist, warum nicht auf die Vorarbeiten der letzten Jahre zurückgegriffen werde, warum nun in der Programmkommission an neuen Inhalten gearbeitet werden müsse. Von Bedeutung sei nun die Zusammensetzung der Programmkommission. Darin gehörten weder Agnostiker noch Theologen, sondern Pädagogen, meint Turpel. Als Erfolg wertet er die Zusage von Schulminister Meisch, die Schwerpunkte des neuen Programms einer breiten öffentlichen Debatte zu unterziehen. Darin einbezogen werden nicht nur die Parteien, sondern auch die laizistischen Organisationen und der Religionsrat.
Weder Freudensprünge noch Bauchschmerzen bereite ihm das vorlegte Dokument, sagte uns Claude Adam von „déi gréng“ nach der Sitzung. Er sei der Ansicht, dass die Regierung nach wie vor das durchführe, was sie im Koalitionsabkommen vereinbart hat. Bisher wurde den Schülern ein Religionsunterricht angeboten, der ausschließlich vom Bistum kontrolliert wurde. Das werde nun anders. An der Arbeitsgruppe sei es nun, ein Programm zu erstellen. Dann werde man darüber diskutieren können. Den Vorwurf, da werde eine neue Art von Religionsunterricht einführt, ist für Adam nicht nachvollziehbar. Da der Werteunterricht in der Grundschule von den Lehrerinnen und Lehrerinnen erteilt werde, würde man ihnen damit irgendwelche Interessen unterstellen.
Eine Bewertung des Dokuments will die ADR nicht vornehmen, sagt der Abgeordnete Gast Gibéryen. Seine Partei habe sich stets für die freie Wahl der Eltern ausgesprochen. Daher habe man den Vorschlag der Religionsgemeinschaften für einen einheitlichen Religionsunterricht und separat dazu einen Werteunterricht begrüßt. Die Diskussion im Ausschuss am Montagmorgen sei relativ sachlich geführt worden, betont Gibéryen mit Blick auf die teilweise heftig geführte öffentliche Debatte vergangene Woche. Keine Partei habe das Vorgehen des Ministers kritisiert. Ohnehin habe er den Eindruck, dass zwischen Regierung und katholische Kirche ein Deal abgeschlossen worden sei, was den Religionsunterricht in der Schule anbelangt. Damit habe sich die Regierung ein Ja der Kirche beim bevorstehenden Referendum erkauft.
Laut Georges Engel widerspiegelt das Rahmenprogramm das, was sich die LSAP unter einem Einheitskurs vorstellt. Die Kinder würden lernen, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Der Unterricht werde auf philosophischem Gedankengut aufgebaut, sei kein Religionsunterricht. Die Religionen gehören jedoch dazu, da sie die europäischen Gedankenwelt mitgeprägt haben. Dass sich Ethiklehrer im Vorfeld kritisch geäußert haben, findet Engel positiv. Es sei gut, dass sich Personen zu Wort melden, um den Druck aufrechtzuerhalten.
Zu Demaart
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