9 Uhr, eigentlich eine nachtschlafende Zeit für Journalisten. Carlo Thelen hingegen, die Stimme der Wirtschaft, ist in Topform, als er beschwingten Schrittes die Stufen zum ersten Stock des Tageblatt-Hauptsitzes besteigt, dann dynamisch um die Ecke in Richtung Konferenzraum biegt, in dem das Wirtschaftspressefrühstück stattfinden soll.
Er scheint der Gelegenheit entsprechend locker. Dennoch ist er sozusagen «d’attaque». Man verspürt eine leichte, wenn auch konstruktive Unruhe, schließlich ist er hier nicht in heimischen Gefilden, soll sich der smarte Direktor der Handelskammer doch mit einer bunt zusammengewürfelten Journalistenmeute unterhalten. Ein Frühstück würde man sich definitiv entspannter vorstellen. Und deswegen frühstückt der Wirtschaftsblogger auch nicht, sondern konzentriert sich, nebst einem Glas Apfelsaft, auf das Wesentliche.
Wenn Männer wie Carlo Thelen sich die Ehre geben, dann haben sie immer eine knackige Message, die sie loswerden möchten. Am besten mehrmals, damit auch der Letzte es begreifen kann. Carlo Thelen aber geht die Sache der Frühstücksstimmung entsprechend gelöst an und schafft es trotzdem, jede Menge Inhalt zu bieten.
Die Rolle der «Chambre de commerce» sieht er in der Förderung eines ebenso konstruktiv-kritischen wie diplomatischen Diskurses. Die Kammer soll Vorschläge liefern, und zwar gut dokumentierte, das ist ihm wichtig. Im Idealfall erfolgt diese konsultative Funktion ohne polemisierende oder provokative Untertöne. Während die «Union des entreprises» oder die Fedil als Sprachrohr der Betriebe fungieren, vertreten beide Berufskammern keine aggressiven Positionen, sondern geben einen intellektuellen Input, der durchaus kombinationsfähig sei. Dass das manchmal anders rüberkommt, sei eher als Kollateralschaden zu bewerten. Man müsse aktiv am sozialen Zusammenhalt und am Zusammenspiel Wirtschaft-Gesellschaft partizipieren, schließlich kann die Wirtschaft nicht Selbst- und Endzweck sein. Vielmehr ist sie eng mit dem gesellschaftlichen Wohlstand verbunden.
Weder Freidenker noch Provokateur
Was hält er denn von den Sparmaßnahmen der Regierung? Die junge Regierung hat sich die Messlatte selbst sehr hoch gelegt. Das gefällt nicht nur der «Chambre de commerce», sondern auch dem Volkswirt persönlich, der zwar die im Zukunftspaket vorgesehenen Investitionen begrüßt, eine endgültige Aussage über ein Kompetitivitätspaket jedoch vermisst. Die zentrale Frage ist hier, was Luxemburg sich überhaupt noch erlauben könne. Wie dem auch sei, die Stellungnahme zum Budget sei zwar erst in Arbeit, doch Carlo Thelen kann schon verraten, dass sie voraussichtlich durchwachsen ausfallen wird.
Besonders vielen Fragen musste er sich bezüglich der möglichen Zusammenführung von «Chambre de commerce» und «Chambre des métiers» stellen. «Für das Publikum war diese Zweiteilung nicht unbedingt ersichtlich», meint Thelen, rückt den Stuhl leicht zurück und schlägt die Beine übereinander. Aus einer solchen Fusion zu einer «Chambre de l’économie», unter Vorgabe der Marschrichtung durch das zuständige Ministerium und in enger Kooperation mit beiden Kammern, könne der Mittelstand nur gestärkt hervorgehen. «Die Dinge müssen nur intelligent zusammengeführt werden. Zurzeit ist der Prozess aber noch resultatsoffen», unterstreicht er.
Was das drängende Thema des TTIP angeht, so ist der Volkswirt für «Business ohne Barrieren, aber immer im Interesse der Gesellschaft». Steht er einem Freihandelsabkommen grundsätzlich positiv gegenüber, so pocht er jedoch auf mehr Transparenz und auf Vorsicht bei den Verhandlungen mit den USA. Hier muss die Handelskammer sensibilisieren, um Luxemburg bestmöglich als «attraktive Plattform» zu vermarkten. Panikmache um Chlorhühner und Gen-GAU sei nicht unbedingt angebracht.
Ein Freidenker will Carlo Thelen nicht sein. Ein Provokateur auch nicht. «Es bringt nichts, mit dem Hammer auf den Nagel einzudreschen», sagt er. Aber dazu ist er auch nicht eingestellt worden. Und trotzdem analysiert er Luxemburgs Wirtschaftslage aus seiner Sicht schonungslos: der Gürtel müsse unweigerlich enger geschnallt werden, «die richtige Probe für Luxemburg steht noch aus» betont er, und nicht zuletzt müsse es darum gehen, das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen. Unqualifizierte bleiben zu oft auf der Strecke, diese Situation darf nicht andauern.
Dieses Thema hängt für den Ökonomen eng mit dem der Bildung zusammen. Die Schule soll natürlich «in erster Linie aufs Leben vorbereiten, kritisches und synthetisches Denken fördern». Es wäre aber falsch – und hier verschränkt er abwehrend die Arme –, die schulische Bildung komplett von der Wirtschaft abzuschotten. «Ab 13 kann man Kindern ruhig den Umgang mit Taschengeld beibringen. Wirtschaft ist nicht nur etwas für Kapitalisten. Es muss kooperativ ausgebildet werden, um die jungen Leute für die Arbeitswelt fit zu machen.“
Als Luxemburgs Chef-Lobbyist in Sachen Wirtschaft kommt Thelen erstaunlich still daher, was ihn immer ein wenig rätselhaft erscheinen lässt. Sehr ernsthaft ist er, die Stirn immer leicht in Falten gelegt, und immerzu spürt man: da kommt noch etwas.
Carlo Thelen ist ein Mann des Gleichgewichts, der wirtschaftlichen Barrierefreiheit und Transparenz. Er glaubt an die Macht der Zahlen, an die Objektivität des gut recherchiert Faktischen und an die Neutralität der wirtschaftlich fundierten Analyse. Gerne lässt sich der Chef-Volkswirt von kreativen Impulsen mitreißen, ist die «Chambre de commerce» doch nicht zuletzt auch eine Art Thinktank für die Vermessung der wirtschaftlichen Lage und Zukunft Luxemburgs.
Obendrein ist Carlo Thelen Optimist, er sehe das Glas immer halb voll. «Ich habe Lust, etwas zu bewegen», sagt er abschließend. Und man kommt kaum umhin, ihm das abzunehmen.
Und am Ende hatte er sie doch, die berühmte Message, und sogar eine bestechend klare. Die Aussage des ehemaligen Chef-Volkswirtschaftlers der «Chambre de commerce» zeichnet sich durch ihre vermeintliche Einfachheit aus: «Es geht um die Zukunft des Landes.» Carlo Thelen ging, wie er gekommen war: energisch, aber nicht gehetzt, das Ziel klar vor Augen und doch irgendwie angenehm still und leise.
Michèle Vallenthini
Eines der angesprochenen Themen war das geplante aber umstrittene Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA.
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