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Portugiesen wandern in Ex-Kolonien ab

Portugiesen wandern in Ex-Kolonien ab

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Jugendliche in Portugal haben derzeit keine gute Perspektive, viele haben keinen Job. Ein Grund für junge und gutausgebildete Portugiesen, in die Ferne aufzubrechen. Luxemburg bleibt ein beliebtes Zielland.

Eines der großen Zielländer für Menschen aus Krisenstaaten bleibt Luxemburg. Laura Zuccoli von der Asti und Franco Barrilozzi vom Clae erklärten Tageblatt.lu, dass die Zahl der Einwanderer aus Portugal, Spanien und Italien seit dem Ausbruch der Euro-Krise gestiegen ist. 2011 kamen laut Statec 3.506 Portugiesen mehr ins Land als auswanderten. Bei den Spaniern wurde eine Netto-Einwanderung von 341 Personen festgestellt. Der Zuwachs an Italienern belief sich auf 557.

«Luxemburg ist nicht das alleinige Zielland dieser Leute. Viele versuchen ihr Glück auch in der Schweiz, in Deutschland oder in Frankreich», erklärt Franco Barrilozzi. Laut Barrilozzi und Zuccoli sind die meisten der Einwanderer zwischen 25 und 40 Jahre alt. Viele davon haben einen Schulabschluss, finden aber dennoch keine Arbeit, weil in Luxemburg niemand mit ihrer Qualifikation gesucht wird. Das Problem sei auch, dass die Einwanderer oft keine der Sprachen Luxemburgs (Luxemburgisch, Französisch oder Deutsch) sprechen können. Das erschwere die Jobsuche ungemein. Probleme wurden auch bei der Anerkennung der ausländischen, vor allem älteren Diplome festgestellt, so Laura Zuccoli.

Bürokratische Hürden

Viele Einwanderer kommen in einer ersten Zeit bei Familienmitgliedern unter. Sie haben im Regelfall drei Monate Zeit, um eine Wohnung und eine Arbeit zu finden. Nach drei Monaten müssen Einwanderer nämlich eine Anmeldebescheinigung der Gemeinde vorweisen können. Um diese zu erhalten, müssen sie jedoch eine Arbeitserlaubnis besitzen. Viele finden aber in dieser Zeit keine Anstellung, bekommen folglicherweise keine Aufenthaltsgenehmigung und reisen nach ein paar Monaten wieder in ihr Heimatland zurück. Auch sind die hohen Wohnugnspreise oft ein Grund für die Rückwanderung der Leute. Sie «fressen» fast den ganzen Lohn auf und machen so einen Neuanfang quasi unmöglich.

Die Aus- und Einwanderung in den Euro-Krisenländern ist laut Asti und Clae oft ein Hin- und Zurück. In letzter Zeit wurde aber zum Beispiel in Portugal eine neue große Auswanderungswelle festgestellt. Viele gehen aber nicht in ein anderes europäisches Land, sondern versuchen ihr Glück viel weiter weg.

Helena vermisst den «bacalhau»

Wenn Helena in Brasilien ist, wird sie besonders den «bacalhau» vermissen. Stockfisch ist in ganz Portugal eine Spezialität, sie schwärmt vom Rezept ihrer Mutter: Stockfisch im Ofen überbacken. Die 29-Jährige will weg aus Portugal und in die brasilianische Stadt São Paulo auswandern – etwa 8000 Kilometer von ihrer Heimatstadt Porto entfernt. Helena Alves hofft, in Südamerika die berufliche Chance zu finden, die das krisengebeutelte Portugal ihr nicht bieten kann. «Wenn es eine gute Gelegenheit für mich gäbe, hier zu arbeiten, würde ich vielleicht bleiben. Aber so wie es dem Land im Moment geht, ist das unmöglich», sagt die junge Journalistin. So wie Helena geht es vielen jungen Menschen in Portugal.

Jung sein heißt in dem Land derzeit auch, mobil zu sein und im Ausland sein Glück zu versuchen. Etwa 52 000 Portugiesen haben nach Angaben der Nationalen Statistikbehörde im vergangenen Jahr das Land verlassen. Mehr als die Hälfte davon sind junge Menschen zwischen 20 und 34 Jahren. Portugal steckt seit zweieinhalb Jahren in der Rezession. Im zweiten Quartal dieses Jahres wuchs die Wirtschaft zwar den Angaben zufolge um 1,1 Prozent, das lässt hoffen. Aber noch immer wird für das laufende Jahr mit einer schrumpfenden Wirtschaft gerechnet.

Schwierige Arbeitssuche

Arbeit zu finden ist schwierig für junge Portugiesen. Etwa 37 Prozent der Menschen zwischen 15 und 24 Jahren waren im August laut der Statistikbehörde arbeitslos, von den 25- bis 34-Jährigen war rund jeder fünfte ohne Job. Die Arbeitslosenquote in der Gesamtbevölkerung lag demnach bei 16,5 Prozent.

Die Auswanderer zieht es vermehrt in ferne Länder: 2012 verlegte rund ein Drittel von ihnen den Wohnsitz in ein außereuropäisches Land. Beliebt sind portugiesischsprachige Ziele. Portugal unterhält wegen seiner Kolonialvergangenheit Kontakte in die ganze Welt: Nicht nur in Brasilien, sondern auch in Afrika wird Portugiesisch gesprochen, in Angola und Mosambik beispielsweise. Aber auch weiter östlich, in Macau und Timor Leste in Asien.

Hochgebildet

Helena sitzt in einem ihrer Lieblingscafés in ihrer Heimatstadt Porto, im Norden Portugals. Hier hat sie ihren ersten Uniabschluss gemacht, außerdem in London studiert und als Praktikantin bei internationalen Medien gearbeitet. Erst vor wenigen Tagen ist sie aus São Paulo zurück gekommen, endlich mit einem Jobangebot in der Tasche. Fünf Monate hatte sie dort nach einer festen Stelle gesucht, nebenher ein wenig frei gearbeitet.

Nun wird sie bald wieder ihre Koffer packen und aufbrechen, dieses Mal für länger. Derzeit warte sie auf ein Arbeitsvisum, sie wird für eine gemeinnützige Organisation Pressearbeit machen. «Natürlich ist es schwer, wegzugehen. Und Brasilien ist nicht das Paradies, wie viele denken. Das Leben dort ist teuer.»

Auf nach Mosambik

Wie Helena wartet auch João São Miguel Marques auf den Abflug. Der 30 Jahre alte Elektroingenieur hat an der renommierten Universität von Coimbra studiert. Trotzdem hatte er Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Dann arbeitete er von Mai bis September mithilfe eines staatlichen Praktikumprogramms in Mosambiks Hauptstadt Maputo.

«Am Anfang wollte ich nicht nach Mosambik. Meine Freunde mussten mich überzeugen», sagt der Portugiese und lacht. «Hinterher habe ich es geliebt.» João hat in Mosambik zwei Angebote. Sein Lohn werde etwa doppelt so hoch sein wie in Portugal. Obwohl João von Afrika begeistert ist, sagt er: «Ich hätte schon gerne eine Wahl, ob ich gehen oder bleiben will.»

Zahl der Emigranten steigt

Die seit dem Beginn der Finanzkrise anhaltend starke Emigration ist nach Meinung von Experten ein großes Problem für das wirtschaftlich angeschlagene Portugal. 2012 wanderten laut der Statistikbehörde sogar noch mehr Menschen aus als im Rekordjahr 2011. Die Zahl ist um 8 000 Menschen gestiegen.

«Die demografische Lage ist äußerst besorgniserregend», sagt Soziologe João Peixoto. Er arbeitet am Institut für Wirtschaft und Management der Technischen Universität in Lissabon. Peixoto beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Migration der Portugiesen. «Für ein so kleines Land wie Portugal haben wir eine enorm hohe Auswanderung. Und das größte Problem ist nicht die Menge, sondern, dass die gutqualifizierten Menschen weggehen.»

Das Know-how schwindet

Peixoto befürchtet, dass im Extremfall nur ältere und weniger gut ausgebildete Menschen in Portugal zurückbleiben und das Land in der Europäischen Union an den Rand gedrängt werden könnte.»Der sogenannte Brain drain, also der massive Verlust von know-how ist in Portugal keine Gefahr, sondern bereits Realität.» Bisher fehlten die Anreize für Menschen wie João und Helena, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Selbst wenn sie das wollen.

«Ich liebe Portugal und will auf jeden Fall zurückkommen», sagt Helena. Es mache ihr Sorgen, dass so viele junge Leute aus der Heimat weggingen. João möchte mit seiner Einschätzung lieber abwarten. «Ich will keine großen Pläne machen. Es ändert sich ja doch immer.»