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Menschen, die anders sind oder denken: Nein danke!

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Früher war alles besser. Zumindest was die Toleranz gegenüber den eigenen Nachbarn und die nachbarliche Solidarität anbelangt. Zu diesem Ergebnis kommt CEPS/Instead in einer aktuellen Studie über Luxemburg.

Tom Wenandy

„Wen würden Sie nicht als Nachbarn haben wollen?“ Diese verhältnismäßig einfache Frage stellte CEPS/Instead in den Jahren 1999 und 2008 jeweils einer für die Bevölkerung Luxemburgs repräsentativen Personengruppe. Herausfinden wollten die Wissenschaftler des Instituts für Bevölkerungs-, Armuts- und sozio-ökonomische Studien, wie tolerant die Einwohner des Großherzogtums gegenüber verschiedenen Kategorien von Nachbarn sind und wie sich die jeweilige Einstellung über die Jahre hinweg entwickelt hat.
Das Ergebnis dieser soziologischen Studie liegt nun vor und fällt, für die hiesige Bevölkerung, nicht unbedingt schmeichelhaft aus.

Denn allgemein betrachtet wurden die Bürger Luxemburgs innerhalb von knapp zehn Jahren „selektiver“, um nicht zu sagen intoleranter gegenüber potenziellen Nachbarn. In Zahlen drückt sich das wie folgt aus: Der Prozentsatz der Befragten, die mindestens eine der vom CEPS vorgeschlagenen Eigenschaften als „unerwünscht“ bezeichneten, stieg im Jahresvergleich 1999/2008 von 82 auf 85 Prozent. Des Weiteren wuchs die durchschnittliche Anzahl an „unwillkommenen“ Merkmalen beim Nachbarn von 4,52 auf 4,94.

Ganz so schlimm, wie die Entwicklung vermuten lässt, ist die in Luxemburg festgestellte Intoleranz gegenüber Nachbarn, die anders sind oder denken als man selbst, denn aber doch nicht, sagen die Autoren der Studie. Denn die genannten Werte von 4,52 und 4,94 reihen sich in einer Skala ein, deren Höchstwert möglicher Ablehnung bei 16 liegt.

Ranking

Was die unbeliebtesten Nachbarn anbelangt, so belegten 2008 (genau wie 1999 auch) Drogenabhängige (55 Prozent Ablehnung), Rechtsextreme (50 Prozent) und Alkoholiker (40 Prozent) die vorderen drei Plätze. Nicht viel beliebter sind Linksextreme und vorbestrafte oder emotional labile Personen. 38 beziehungsweise jeweils 27 Prozent der Befragten lehnen solche Personen als Nachbarn ab.

Wie die Autoren unterstreichen, gehören die Kriterien, die man unter der Kategorie „Differenzen“ zusammenfassen kann (Homosexuelle, Moslems, Flüchtlinge, Aidskranke …) – mit Ausnahme der Zigeuner –, zu den am wenigsten genannten. Keine dieser „Eigenschaften“ erreicht mehr als 20 Prozent Ablehnung. Nichtsdestotrotz sind die diesbezüglichen Veränderungen im Verhältnis zu 1999 mit Steigerungen von teilweise mehr als 25 oder sogar 50 Prozent sehr deutlich.Les résidents du Luxembourg et leurs voisins: attitudes et sentiments de solidarité. Charles Fleury, Monique Borsenberger. Ceps/Instead, Working Paper No. 2010-25, août 2010
www.ceps.lu

Ganz allgemein stellen die Autoren Charles Fleury und Monique Borsenberger fest, dass innerhalb von zehn Jahren die Ablehnung gegenüber nahezu allen vorgeschlagenen Eigenschaften, unabhängig von der Kategorie, zugenommen hat. Ein Rückgang der Ablehnung kann lediglich im Bereich des politischen Extremismus – ob rechts oder links – notiert werden.

Schließlich hat sich die CEPS-Studie auch noch mit dem Solidaritätsgefühl der Bürger Luxemburgs gegenüber ihren Nachbarn befasst. Und kommt zu dem Schluss, dass dieses im vergangenen Jahrzehnt abgenommen hat. Ganz negativ sehen die Autoren diese Entwicklung aber nicht. Denn der Rückgang des Solidaritätsgefühls sei nicht unbedingt Ausdruck einer zunehmenden zwischenmenschlichen Gleichgültigkeit. Vielmehr sei es so, dass der angesprochene Solidaritätsverlust sich lediglich auf etablierte Situationen, sprich auf die Identität oder die soziale Position, beziehe. In konkreten Lebenssituationen hingegen habe der Solidaritätsgedanke eher Tendenz, zuzunehmen. In anderen Worten: Die Bürger Luxemburgs, so schlussfolgern die Autoren, fühlten sich immer noch solidarisch mit ihren Nachbarn, allerdings nicht, weil diese „Nachbarn“, sondern weil sie arbeitslos, krank oder alt seien.