Wie kein anderer hat er die Gewerkschaftsbewegung Luxemburgs während Jahrzehnten geprägt. In der Nacht auf Montag ist er im Alter von 67 Jahren nach langer Krankheit gestorben. John Castegnaro war seit Gründung des OGBL dessen Vorsitzender. Ein Amt, das er mit seinem Renteneintritt niederlegte, um als Deputierter in die Landespolitik zu gehen. Von 2004 bis 2009 war er Abgeordneter der LSAP.
Der gelernte Maschinenschlosser kam sehr schnell in Kontakt mit der Gewerkschaftsbewegung. Bereits mit 19 Jahren wurde er Gewerkschaftssekretär, damals der LAV (Lëtzebuerger Aarbechterverband). Mit 32 Jahren wird der Mann mit der markanten Stimme LAV-Generalsekretär. Gleichzeitig wird er Präsident des Gewerkschaftsdachverbands CGT, der neben der LAV noch der Landesverband FNCTTFEL und der damalige Bucharbeiter-Verband angehören.
1979 kommt es zur Gründung des OGBL, deren erster Präsident Castegnaro wird. In die sozialpolitische Geschichte geht der Gewerkschafter als Mitbegründer der Tripartite ein, jenes Gremiums aus Vertretern von Salariat, Patronat und Regierung, das in Krisenzeiten um eine Lösung akuter wirtschafts- und sozialpolitischer Probleme im Konsens bemüht ist.
Seine Sporen hatte Castegnaro in der Stahlindustrie verdient. Für sie schlug sein Herz bis zum Schluss. Erst 2010 ging sein Mandat im Verwaltungsrat von ArcelorMittal zuende. Zuvor war er Salariatsvertreter im Verwaltungsrat von Arcelor gewesen.
Seine politische Laufbahn hatte der Gewerkschafter bewusst auf eine Mandatsperiode beschränkt. Die Welt der Politik war nicht unbedingt seine, hatte er mehrmals betont. An den politischen Prozessen im Land war er dennoch jahrelang maßgeblich beteiligt. Nicht nur über die Tripartite sondern als auch Mitglied des Staatsrates von 1985 bis 2003.
In seinen langen Jahren als Gewerkschaftspräsident fällt ebenfalls die Gründung des Netzwerks OPE, deren lokale und regionale Initiativen arbeitssuchenden Menschen den Wiedereinstieg in die Berufswelt erleichtern sollen. Castegnaro war ebenfalls Mitbegründer des Elysis-Pflegeheims auf Kirchberg und des Heimpflege-Dienstes Help. Bis zuletzt war er Präsident des Verwaltungsrats des Medienhauses Editpress.
Jean-Claude Reding: Castegnaro modernisierte die Gewerkschaftsbewegung
John Castegnaro habe immer wieder betont, dass gewerkschaftliche Arbeit viele Aspekte des gesellschaftlichen Lebens erfassen müsse, erinnert sich Jean-Claude Reding, OGB-L-Präsident, an seinen Amtsvorgänger. Es gehe bei diesem Einsatz nicht nur um ein Einkommen, das ein menschenwürdiges Leben ermöglichen soll. Es gehe darum zu kämpfen, die gesellschaftlichen Unterschiede so gering wie möglich zu halten, um eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu vermeiden. Daher sein Engagement für eine gute öffentliche Schule und ein starkes Sozialversicherungssystem.
Der große Verdienst Castegnaros sei es gewesen, die Gewerkschaftsbewegung mit der Gründung des OGBL vollständig modernisiert zu haben. Dabei sei Castegnaro der Motor gewesen. Ohne diesen Einsatz wäre die Gewerkschaftsbewegung in Luxemburg heute um ein Vielfaches schwächer, so Reding, der während Castegnaros Präsidentschaft Generalsekretär der Organisation gewesen war.
Jean Asselborn: «Stets auf der Suche nach Kompromissen»
John Castegnaro hat als Gewerkschafter die Luxemburger Sozialpolitik der letzten drei Jahrzehnte maßgeblich mitgeprägt, so Jean Asselborn, Vizepremierminister und Außenminister. Als Gewerkschafter habe er früh erkannt, dass die die gewerkschaftliche Arbeit auf eine breitere Basis gestellt werden müsste. Daher die Gründung des OGBL 1979, wobei das O für unabhängig, auch parteiunabhängig stehe, betont Asselborn.
Als Vertreter der Gewerkschaft sei Castegnaro oftmals kompromisslos gewesen. Dennoch habe er sich stets um Kompromisse bemüht, so Asselborn, der seine rhethorischen Fähigkeiten insbesondere bei 1. Mai-Feiern betont. Er selbst traf Castegnaro bereits in jungen Jahren, als er beim Reifenhersteller Uniroyal arbeitete und LAV-Vertreter bei den Jungarbeitern war. Das letzte Mal sah er Castegnaro, als dieser mit seinem Enkel spazieren ging.
Jean-Claude Juncker: «Verdienste um das Land»
Tief betroffen hat sich Premierminister Jean-Claude Juncker vom Tod John Castegnaros gezeigt. Er habe viel mit Castegnaro gearbeitet und gestritten. Sonderzweifel habe sich John Castegnaro für das Land und sein Sozialmodell verdient gemacht, so Juncker in Radiointerviews.
Laurent Mosar: «Ein Monument der Gewerkschaftsszene»
Als ein Monument der Gewerkschaftsszene hat Parlamentspräsident Laurent Mosar (CSV) John Castegnaro bezeichnet. Er habe maßgeblich die Luxemburger Politik mitbeeinflusst, auch als Abgeordneter von 2004 bis 2009, wo er ihn als guten Kollegen zu schätzen gelernt habe. An einem Vorfall erinnert er sich besonders gern. Als 2006 im Zusammenhang mit der Übernahme von Arcelor durch MittalSteel das OPA-Gesetz im Parlament beschlossen werden sollte, zog sich Castegnaro von den diesbezüglichen Diskussionen zurück. Auch bei der Abstimmung habe er sich der Stimme enthalten, so Mosar. Dieses Beispiel führe er stets an, wenn wie erneut dieser Tage über Interessenskonflikte der Politiker geredet werde. (Castegnaro war zu jenem Zeitpunkt Mitglied des Arcelor-Verwaltungsrats. Das OPA-Gesetz regelt Firmenübernahmen). Es habe keines Verhaltenskodexes gebraucht, so Mosar.
Castegnaro sei immer korrekt gewesen. Er habe zu seinem Wort gestanden.
Michel Wurth: «Die Stahlindustrie – eine Herzensangelegenheit»
John Castegnaro war seit 2002 Verwaltungsratsmitglied von Arcelor, bis der Arbeitnehmervertreter 2010 aus dem Verwaltungsrat von ArcelorMittal ausschied, erinnert Michel Wurth, Präsident des Verwaltungsrats von ArcelorMittal Luxembourg und Mitglied der Generaldirektion von ArcelorMittal. Der Gewerkschafter habe über Jahrzehnte die Sozial- und Wirtschaftspolitik des Landes stark geprägt. «In der großen Stahlkrise der 1970er Jahre hat er auf der Arbeitnehmerseite entscheidend an der Schaffung des Luxemburger Modells mitgewirkt. Aus diesem Modell ist die Tripartite hervorgegangen, die noch heute Bestand in der Stahlindustrie und dem sozialen Gefüge des Landes hat, und die von ArcelorMittal nach wie vor als soziales Instrument geschätzt wird.»
«Wir werden John Castegnaro als kompetenten, streitbaren und engagierten Kopf in Erinnerung behalten, dem die Stahlindustrie und ihr Wohlergehen stets eine Herzensangelegenheit waren.»
Zu Demaart







Sie müssen angemeldet sein um kommentieren zu können