Akim Schmit
Hunde, die bellen, beißen nicht. Und sind auch nicht immer ganz so furchtlos, wie es auf den ersten Blick scheint. Der pechschwarze Mischlingsrüde Toni ist einer davon. Beim Klacken des Fotoapparates schreckt er zusammen und sucht das Weite.
„Wir wissen nicht, was ihn so verstört hat, bevor er zu uns kam“, erklärt Diane Becker. Zusammen mit dem Düdelinger Marco Helten betreibt die aus Echternach stammende Erzieherin einen Gnadenhof im belgischen Burnon, knapp zehn Kilometer von der luxemburgischen Grenze entfernt. „Animal Scream Gnadenhaff asbl.“ heißt die Tierschutzorganisation, die mit dem Kauf des fünf Hektar großen Hofes vor sieben Jahren gegründet wurde.
Doch ganz so grausam, wie der furchterregende Name es vermuten lässt, geht es in dem knapp 50 Einwohner zählenden Ort nicht zu. Hier liegen keine Tiere im Sterben. Toni, Mischi, Frigo, Troublei und Marzipan sind nur fünf der 63 betagten Bewohner. Und ihnen geht es prächtig, ja sogar besser als je zuvor.
Skrupellose Tierhalter
Den „Gnadenhaff“ darf man nicht mit einem Tierasyl verwechseln. Denn hier entscheiden die Besitzer von Fall zu Fall, ob sie das Tier aufnehmen. „Wer sein Tier nur loswerden will, weil es alt ist, braucht es bei uns nicht zu versuchen. Diese Antwort zählt nicht“, sagt Diane.
Wer sein Gewissen beruhigen möchte, indem er sein Tier beim Gnadenhof abgibt, den lässt Diane eiskalt abblitzen. Es gebe viele skrupellose Tierhalter, sagt sie dann. Einige versprechen, finanziell für das Tier aufzukommen. Doch viele funktionieren nach dem Prinzip „aus den Augen, aus dem Sinn“. Von den meisten haben die Tierschützer nie wieder etwas gehört.
Schnurrend gesellt sich Flouh zu Marco. Mit verklebten Augen und voller Flöhe fand Diane die rabenschwarze Katze bei einem Spaziergang mit ihren Hunden in einem Feld. Das damals zwei Monate junge Tier machte mit einem kläglichen Miauen auf sich aufmerksam. „Vermutlich wurde Flouh von einem Bauern ausgesetzt.“
Die Bewohner haben alle höchst unterschiedliche Leidenswege hinter sich. Einige wurden von der Polizei beschlagnahmt, andere wurden hilflos ausgesetzt, und wieder andere wurden von den Tierschützern freigekauft oder von ihren Haltern abgegeben. Wie Rosalie, Ketty und Marzipan. Als Ferkel durften sie mit ins Bett. Später nur noch ins Wohnzimmer, danach wurden sie in den Garten eines Düdelinger Reihenhauses abgeschoben. Als sie diesen umgegraben hatten, reichte es dem Besitzer. Die vietnamesischen Hängebauchschweine kamen in die Garage und mussten weg.
Idealismus
Diane und Marco sind beide aktive Tierschützer. „Wir waren frustriert, weil wir beschlagnahmten Tieren kein neues Zuhause vermitteln konnten. Der Hof wurde gegründet, um schnell handeln zu können“, erklärt Diane. In Luxemburg sei das Projekt finanziell nicht realisierbar gewesen. Daher haben die beiden sich in der Großregion umgesehen und wurden in Belgien fündig. Ein Jahr schufteten sie, um den Hof für seinen künftigen Einsatzzweck herzurichten.
„Wir sind das Projekt mit viel Idealismus und einer gewissen Naivität angegangen. Heute haben wir nur noch sehr wenig Zeit für andere Dinge. Der Hof ist ein riesiger Kompromiss.“ Längere Urlaube oder ein spontaner Kinobesuch gestalten sich für Diane und Marco schwierig. Die Tiere müssen täglich betreut werden, und verlässliche Helfer zu finden ist schwer. Bereits der ganz normale Alltag stellt die beiden hauptberuflichen Erzieher auf die Probe.
„Wir planen unser Leben nach dem Hof und den Tieren“, gesteht sich Marco ein. Enten, Gänse, Katzen, Hunde, Pferde, Schweine, Ziegen und Schafe leben auf dem Hof und brauchen besondere Pflege. „Alte Tiere sind anfälliger für Stress und Krankheiten.“
Der älteste Bewohner ist der 26 Jahre alte Wallach Damy. „Er leidet an Arthrose, bewegt sich aber, als ob nichts wäre. Dabei haben wir schon geglaubt, er würde es nicht mehr schaffen.“ Mehr Tiere wollen und können die beiden Tierschützer nicht mehr aufnehmen. Das Gleichgewicht zwischen Beruf und Hobby würde sonst aus den Fugen geraten.
Kein Streichelzoo
Anfangs wurde das Projekt von den Nachbarn belächelt. „Hier leben viele Bauern, die das Vieh schlachten würden. Sie leben vom Tod.“ Mittlerweile respektieren sie das Projekt der beiden Exoten, die viel Geld und Zeit investiert haben.
Ohne finanzielle Unterstützung durch Spenden oder den Verkauf der Mitgliedskarten des Tierschutzvereins müsste der Hof seine Tore schließen. Daneben fehlen freiwillige Helfer, die ab und zu gerne eine Hand mit anlegen würden.
„Der Durchschnitts-Luxemburger fährt nicht gerne längere Strecken im Auto. Und wer möchte schon im Winter, wenn die Tage kurz und das Wetter schlecht sind, unter freiem Himmel arbeiten“, sagt Marco. Schließlich würden viele den Hof mit einem Streichelzoo verwechseln. Viele der Tiere haben mit Menschen schlechte Erfahrungen gemacht. Das Letzte, worauf sie dann Lust haben, ist von einer Schar Besucher angefasst zu werden.
Der Hof möchte den Tieren ein würdevolles Leben bis zu ihrem Tod ermöglichen. „Man bindet sich enorm und hofft, sie würden ohne zu leiden an einem Herzinfarkt sterben. Die Entscheidung, ein Tier einschläfern zu lassen, ist sehr schwer“, weiß Diane. Zwei Ziegen und drei Enten haben das Zeitliche bisher gesegnet. Und weitere werden folgen.
INFOKONTAKT
o Adresse:
„Gnadenhaff“
Burnon 4
B-6637 Fauvillers
o Telefon:
+32 61 23 37 40
(Besichtigungen nur nach Terminabsprache)
o Helfen:
Wer das Projekt unterstützen will, kann eine Patenschaft übernehmen. Auch Geld- und Futterspenden werden gerne angenommen (CCPL LU78 1111 1974 9095 0000).
o E-Mail:
[email protected]
Zu Demaart
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