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«Gefängnis mit Meeresblick»

«Gefängnis mit Meeresblick»
(AFP/Said Khatib)

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Für Jean Asselborn ist der hermetisch abgeriegelte Gaza-Streifen ein „Gefängnis mit Meeresblick“. Das Gewaltpotenzial steige zunehmend wegen Israels Besatzungspolitik.

Die Checkpoints und die anhaltende Unterdrückung verdeutlichen es: der Gaza-Streifen ist seit Jahren hermetisch abgeriegelt. Obschon Israel sich im Sommer 2005 aus dem Gebiet vollständig zurückgezogen hat, kontrolliert es weiterhin den Luftraum über dem Gaza-Streifen sowie die Land- und Mittelmeer-Grenzen. Zudem hat der Krieg letztes Jahr die ohnehin fragilen Strukturen fast vollständig zerstört. Ohne die Hilfe der Vereinten Nationen könnten die Menschen in Gaza nicht mehr eigenständig überleben. Palästinenser aus Gaza können nicht einmal Verwandte im Westjordanland besuchen. Es liegt ungefähr eine Stunde mit dem Auto entfernt. Auch hier gilt die totale Abhängigkeit: nur wenn die israelische Armee die Durchreise erlaubt, kann man Angehörige treffen. Dies ist jedoch seit der Machtergreifung der radikalislamischen Hamas-Organisation nur noch schwer möglich und an Erniedrigung gekoppelt.

Bis 2020 unbewohnbar

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR geht davon aus, dass der Gaza-Streifen im Jahr 2020 unbewohnbar ist, sollte sich nichts an der prekären Situation ändern. Jean Asselborn hat sich am Sonntag in Gaza vor Ort von dieser gefährlichen Dynamik einen Eindruck verschafft: „Wenn der Gaza-Streifen weiterhin wie ein Gefängnis mit Meeresblick geschlossen bleibt, kommt es zur nächsten Katastrophe», so Asselborn gegenüber dem Tageblatt. Das Gewaltpotenzial werde in dem Fall kontinuierlich steigen.
Für Asselborn ist die Kluft zwischen Jerusalem und dem Gaza-Streifen enorm. Mit Blick auf Gaza meint er: „Wenn man hier ankommt, fühlt man sich in ein anderes Jahrhundert und auf einen anderen Kontinent versetzt». In der Tat: abgemagerte Esel, die Karren mit Müll hinter sich herziehen, gehören zum Landschaftsbild.

„Einen Tag nach Gaza reisen»

Asselborn plädiert zudem für mehr Verständnis: „Jeder Israeli müsste einen Tag nach Gaza reisen. Ich glaube, vor allem die jungen Israelis können sich gar nicht vorstellen, unter welchen Bedingungen der Armut, Perspektivlosigkeit und Prekarität die Palästinenser hier leben müssen». Die internationale Hilfe für Gaza erlaube es lediglich eine unmenschliche Situation ertragbarer zu machen. Deshalb sei der Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Infrastrukturen zentral. „Es gibt langsame Fortschritte, aber es wird drei bis vier Jahr dauern, bis Gaza wieder auf dem Niveau der Vorkriegszeit von 2014 ist», so Asselborn. Die humanitäre Hilfe habe deshalb zurzeit Priorität.

Wirtschaftliche Perspektive

Rund 50 Prozent der Bevölkerung in Gaza ist jünger als 18 Jahre. „Man muss diesen jungen Leuten eine soziale und wirtschaftliche Perspektive geben», betont Luxemburgs Chefdiplomat. Bis zu Beginn der zweiten Intifada 2001 konnten täglich bis zu 150.000 Palästinenser aus Gaza als Tagelöhner nach Israel ausreisen und auf Baustellen, in Krankenhausküchen sowie in der Landwirtschaft arbeiten. Seit Jahren ist es nur noch ein paar tausend Palästinensern erlaubt, nach Israel einzureisen. Jegliche beruflichen Horizonte verschwinden angesichts der massiven Arbeitslosigkeit im Gaza-Streifen zunehmend im staubigen Freiluftgefängnis – was den radikalen Kräften wiederum in die Karten spielt.

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