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„Ich habe schon Drohungen erhalten“

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Tageblatt-Karikaturist Carlo Schneider äußert sich zu den Auswirkungen der Anschläge auf seinen Beruf und zu den Grenzen der Meinungsfreiheit.

Anläßlich des Erscheinens der neuen Ausgabe von Charlie-Hebdo am Mittwoch (25.2.2015) befragten wir den Karikaturisten Carlo Schneider zu seinem Beruf und die Meinungsfreiheit nach dem tödlichen Anschlag auf die Redaktion von Charlie-Hebdo im Januar 2015.

Am 25. Februar erscheint die neue Ausgabe von Charlie Hebdo. Was denken Sie als Karikaturist darüber?

Der Karikaturist Tignous war ein guter Freund. Das waren fantastische Leute, immer friedlich und in keiner Weise böswillig. Es ging nicht nur um Mohammed-Karikaturen! Französische Politiker, die öfters Ziel ihrer Satire waren, wie auch der Bischof von Paris gingen gegen sie vor. Doch sie hatten eine Botschaft und die haben sie auch weiterhin erfolgreich verkündet.
Ich verstehe es gut, denn es muss weitergehen. Der Karikaturist hat sich eine Aufgabe gesetzt und es ergibt deshalb auch Sinn, diese Arbeit fortzuführen. Ich kannte einige der Opfer und verstehe, dass Charlie Hebdo weitermacht.

Sie kannten einige der Opfer des Anschlags. Welche negativen Erfahrungen haben Sie selbst gemacht?

Ich habe selbst schon Drohungen erhalten, aber ich höre deswegen nicht mit meiner Arbeit als Karikaturist auf.

Hat sich etwas an Ihrer Arbeit geändert? Gibt es eine andere Sicht auf die Dinge?

Auf jeden Fall. Es ist umso wichtiger, die Zeichnungen noch verständlicher zu machen. Deshalb muss man sich noch besser informieren. Und es geht auch nicht um sinnlose Provokation bei meiner Arbeit. Auch wenn ich schon ein paar Mal Mohammed als Motiv in meinen Karikaturen hatte, geht es vielmehr um eine intelligente Kritik. Man sollte etwas ausdrücken wollen, eine intelligente Botschaft. Ich zeichne öfters den Extremisten, weil ich zeigen will, dass Extremisten keine Chance gegen die demokratischen Werte haben. Das sind die wichtigen Botschaften, nicht eben nur eine Mohammed-Darstellung, um Moslems zu ärgern. Man darf nicht in Schwarz- Weiß-Malerei verfallen.

Charlie Hebdo wurde dies vorgeworfen. Wie würde man Charlie Hebdo als Karikaturist situieren?

Charlie Hebdo ist witzig, provokant, aber auch ziemlich frech – mir fällt die Bezeichnung „Journal des méchants“ ein (lacht). So eine Zeitung hat ihren Platz in der Presselandschaft. Es gab andere Satiremagazine, denen es mehr um diese intellektuelle Kritik ging, bei Charlie Hebdo war das anders, ein bisschen wie bei einer Schülerzeitung. (lacht)

Gibt es für Sie Grenzen der Meinungsfreiheit?

Es gibt keine Grenzen der Meinungsfreiheit, die von oben herab diktiert werden. Es gibt keine Regeln, an die man sich halten muss. Das würde auch gar keinen Sinn ergeben.
Es ist eher so, dass ich als Karikaturist mich ethisch vor mir selbst verantworten muss. Verletzend muss eine Karikatur nicht unbedingt sein. Sie kann auch nur anecken, aber eine intelligente Kritik sollte sie enthalten.
Die Satire soll nicht ausgrenzend sein und auch keinen bevorzugen. Es ist deshalb schwierig, für sich selbst eine Linie zu finden. Ein Beispiel wären Witze über Behinderte: Ein behinderter Satiriker hat ein ganzes Buch über Behindertenwitze herausgebracht. Er meinte dazu, dass jeder das Recht habe, Ziel eines Witzes zu werden, niemand solle ausgegrenzt werden.

Gibt es einen Unterschied zwischen französischer Satire und der Satire anderer Länder? Liegt die Hemmschwelle höher?

Ja, es gibt einen Unterschied in der Satirekultur. Besonders hier in der Schweiz, wo ich arbeite, merke ich diesen Unterschied zwischen frankophoner und deutschsprachiger Satire. Je mehr man in den deutschsprachigen Bereich geht, desto mehr Hemmungen gibt es. Die Karikaturen-Zeitschrift Nebelspalter, für die ich arbeite, ist viel „softer“ als Charlie Hebdo.
Das Problem, das in Frankreich immer mehr auftaucht, ist, dass es immer größere Pressegruppen gibt, die von Wirtschaftsunternehmen finanziert werden und die eine Kritik an wirtschaftlichen Themen unterbinden. So ist zum Beispiel die Libération nicht mehr so kritisch, wie sie es einst war, und die Le Monde ist wieder kritischer. Dieser Zusammenschluss zu riesigen Pressegruppen hat einen nachhaltigen Einfluss auf die Zeitungen und ihre Karikaturen. Nicht nur in Frankreich.

Wie ist es in anderen europäischen Ländern?

In Deutschland gibt es ähnliche Probleme, aber da hinsichtlich der Karikaturen und der Satire größere Hemmungen bestehen, gibt es mehr Selbstzensur. Es gibt zwar noch Satiremagazine, wie z.B. Titanic, aber die Mehrheit zensiert sich selbst.
Auch in Luxemburg sieht man diese Tendenz, obwohl die luxemburgische Satire-Szene französisch angehaucht ist.