«Meine Damen und Herren, hier spricht Ihr Kapitän. Laut meinem iPad haben wir soeben unsere Reiseflughöhe verlassen.» Was nach Apple-Hype klingt, ist in vielen Cockpits längst Wirklichkeit: Die Piloten der US-Fluglinie American Airlines (AA) dürfen den Inhalt ihrer gedruckten Handbücher künftig komplett aufs iPad bringen. Damit beschreitet AA den Weg zum papierlosen Cockpit und beginnt, die bisher üblichen Logbücher, Checklisten und Navigationskarten auf Papier in der Pilotenkanzel abzuschaffen.
Die Zulassung des 600-Gramm-Multitalents als Co-Pilot war für American gar nicht so einfach. Erst nach einer Testphase von mehreren Monaten und einem langen Genehmigungsverfahren gab die US-Luftfahrtbehörde grünes Licht. Die Erlaubnis für die iPad-Nutzung muss jede Airline selbst einholen, weil sich ihre Flugzeugtypen, Trainingsprogramme und Abläufe häufig unterscheiden. «American Airlines ist das erste Unternehmen, das diese Genehmigung für alle Phasen des Fluges bekommt», schreibt die Fluggesellschaft stolz in einer Mitteilung.
1,2 Millionen US-Dollar (rund 938 500 Euro) will AA mit dem iPad jährlich einsparen. Schließlich steigern die bis zu 16 Kilogramm schweren Sammlungen aus Karten und Handbüchern den Kerosin-Verbrauch. Ganze 12 000 Seiten Papier kann das konventionelle «Electronic Flight Bag» (EFB) eines einzigen Piloten in den USA umfassen, rechnet AA-Konkurrent United Airlines vor. United begann im vergangenen Jahres damit, 11 000 iPads an die Piloten zu verteilen.
Tendenz weniger Papier
Auch in Luxemburg geht die Entwicklung in Richtung weniger Papier im Cockpit, sagt Luxair-Sprecher Yves Hoffmann. Ganz auf Dokumentation in Papierform könne man wohl nicht verzichten. So sei das «Aircraft Operations Manuel», in dem alle Details der Handhabung der Maschine verzeichnet sind, obligatorisch. Es handelt sich dabei um einen Ordner, der stets mit neuen Informationen zur Maschine ergänzt wird. Andere Dokumente werden in digitaler Form auf Laptops gesichert, so dass sich die Menge gedruckter Dokumente an Bord verringert hat. Ein Alleingang der Luxair in Richtung papierloses Cockpit sei ohnhehin nicht möglich, da auch diese Fragen von der EU geregelt werden.
Die europäische Flugbranche bleibt gegenüber Apples Alleskönner skeptisch. Als Verbrauchergerät mit geringerer Leistung sei eine Zulassung «eher schwierig», sagt Benjamin Götze, Flugbetrieb-Manager bei Air Berlin. Ein iPad sei außerdem nicht so robust wie die Windows-XP-basierten Tablets der ersten Generation, die oft zum Einsatz kämen, erklärt ein Pilot einer großen deutschen Airline. «Wir benutzen die auch mal als Kaffeetisch, Türstopper oder Rückenkratzer», sagt er. Die wichtigsten Dokumente muss er aber noch gedruckt bei sich haben – in dem Mittelstrecken-Flieger Airbus A320 etwa 100 Seiten Papier.
In den USA könnten auch die Flugbegleiter mit einem iPad ausgestattet werden. Bald könnten Anschlussflüge und Essenswünsche der Passagiere über das Gerät abgerufen werden, heißt es bei American Airlines – dann kommt die Crew nicht nur mit dem Tablett, sondern auch mit dem Tablet zum Sitzplatz.
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