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„Vorhersagen sind unmöglich“

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LUXEMBURG – In Italien wurden am Montag sechs Seismologen wegen falscher Vorhersagen verurteilt. Präzise Erdbebenvorhersagen seien nicht möglich, sagt der luxemburgische Erdbebenforscher, Adrien Oth.

Dreieinhalb Jahre nach dem schweren Beben in den Abruzzen sind sieben Experten in L’Aquila wegen ungenügender Warnung vor Erdstößen zu jeweils sechs Jahren Haft verurteilt worden. Die Seismologen und Zivilschutzbeamten hätten die Bevölkerung rund um L’Aquila nur „ungenau, unvollständig und widersprüchlich“ über die Gefahren eines Bebens informiert, so die Anklage. 309 Menschen waren bei dem Erdbeben in der mittelitalienischen Region rund um die Hauptstadt L’Aquila am 6. April 2009 ums Leben gekommen. Zehntausende konnten nicht mehr in ihre zerstörten Häuser zurück. Die Beben-Kommission hätte eine Woche vor dem starken Beben getagt und nicht eindeutig gewarnt, heißt es.

Erdbebenforscher und die Verteidigung wiesen in der Diskussion um das Verfahren darauf hin, dass es bislang nicht möglich sei, größere Erdbeben wissenschaftlich vorherzusagen. Bei einer Verurteilung werde kein Wissenschaftler sich mehr zum Phänomen Erdbeben äußern, erklärte die Verteidigung in dem Prozess.

In Luxemburg ist man «schockiert»

Im luxemburgischen „Laboratoire de seismologie“, in Walferdange ist man über die Verurteilung der italienischen Kollegen „schockiert“. Über die Kommunikation in solchen Fällen können man immer diskutieren, so Adrien Oth, der Erdbebenforscher des Zentrums. Aber die Seismologen wegen unfreiwilligen Totschlags zu verurteilen, sei schon „heftig“. Auf jeden Fall werde dieses Urteil die Öffentlichkeitsarbeit der Wissenschaftler erheblich beeinflussen, so Oth. Man werde vorsichtiger werden. Darin sei sich die ganze wissenschaftliche Gemeinschaft einig.

Ein Erdbeben mit 100-prozentiger Sicherheit vorherzusagen sei mit der heutigen Technik unmöglich, betont Adrien Oth weiter. Es existieren allenfalls Warnsysteme, die einen Vorlauf von einigen Sekunden bieten. Es gibt eine Reihe von Effekten, die oft im Vorfeld von Erdbeben beobachtet werden können und die als Vorläuferphänomene bezeichnet werden. Sie geben aber keine genaue Auskunft über den Zeitpunkt, den genauen Ort oder die Stärke eines Bebens.

Erdbebenfrühwarnung

Man könne lediglich nach einem Erdbeben die Vorzeichen studieren und Schlüsse daraus ziehen. Zuverlässige Aussagen seien nur über die prinzipielle Gefährdung eines Gebietes möglich. Die Erdbebenfrühwarnung erlaube auch keine Vorhersagen. Sie gibt den Forschern nur die Möglichkeit nach dem Ausbruch eines Bebens schnell viele Informationen über die Erdstöße zu sammeln und auf diese Weise gegebenenfalls weiteres Unheil zu verhindern, indem zum Beispiel kurz nach dem Ausbruch des Erdbebens die Ampeln der Tunnel auf Rot gestellt werden.

Auf die Frage, ob dieses Urteil nicht auch ein Grundsatzurteil für andere Berufe, wie die Meteorologen darstellen könne, antwortet Adrien Oth, dass dies eher unwahrscheinlich sei, da die Wetterforscher in direkter Verbindung mit dem Phänomen, das sie analysieren, stehen. Sie könnten ihre Vorhersagen wissenschaftlich begründen.

Aktiv seit 1968

Das luxemburgische Erdbeben-Laboratorium in Walferdange wurde 1968 in einer Gipssteingalerie eingerichtet. Es liegt etwa 700 Meter vom Eingang entfernt und wurde in einer Tiefe von 80 Meter geschaffen. Die Vorteile des Standortes sind vor allem die niedrige Luftfeuchtigkeit, eine stabile Temperatur sowie ein ruhiges Umfeld. Die Studien, die in der Galerie durchgeführt werden, werden in Zusammenarbeit mit dem Königlichen Observatorium in Brüssel ausgewertet.

1988 dann wurde das Europäische Zentrum für Geodynamik und Seismologie in Walferdange gegründet. In der Galerie wird Erdbebenforschung betrieben, die Vulkane überwacht und die Bewegungen der Erdkruste analysiert. Diese unterliegt, wie die Meere, zweimal täglich einer Gezeitenwelle, den Erdgezeiten. Diese entsteht durch Kräfte der Gravitation des Mondes und der Sonne auf die Erde.
Die Hebung bzw. Senkung beträgt etwa 30 bis 60 Zentimeter. Sie ist vom Menschen nicht zu spüren.

Im Augenblick arbeiten fünf Personen in dem Laboratorium, davon sind zwei vollzeitbeschäftigt.