Selten feiern sich Journalisten selbst. Eines dieser seltenen Augenblicke war die Feier anlässlich des 100jährigen Bestehens des Tageblatts am Mittwochabend im Großen Theater in Luxemburg. Die Zeitung war 1913 in Esch-Alzette ins Leben gerufen worden. Mit der Direktion und dem Personal der Zeitung feierten mehrere hundert Gäste, unter ihnen das großherzogliche Paar, etliche Minister und Abgeordneten, Vertreter anderer Medienhäuser unter anderem aus Frankreich, Belgien, Deutschland und der Schweiz.
Das Jahrhundert des Tageblatt, das 20. Jahrhundert, sei wohl das Jahrhundert des Fortschritts und der Erfindungen gewesen, aber auch das der großen menschlichen Dummheit und Bosheit, so Danièle Fonck, Generaldirektorin von Editpress und Tageblatt-Chefredakteurin in ihrer Eröffnungsrede und erinnerte in Stichworten an tragische Ereignisse, die das Jahrhundert gekennzeichnet haben: zwei Weltkriege, das Holocaust, Hiroshima, Indochina, Kuba, Vietnam, Algerien, Malwinen-Krieg, Kongo, Korea, Afghanistan, Sabra und Schatilla, Irak, Syrien, Ruanda, Diktatoren wie Bokassa und Duvalier, das Elend Afrikas, Israel und Palästina.
Stets stand das Tageblatt in der vorderen Reihe, wenn es um das Wahlrecht und die Gleichstellung der Frauen ging, um das Recht für alle auf Bildung, Kultur und auf ein menschenwürdiges Leben in einem demokratischen Staat.
Unbequeme Revolution
Danièle Fonck ging anschließend auf die Veränderungen ein, denen sich die Medienhäuser stellen müssen. Hundert Jahre nach seiner Geburt bereitet sich das Tageblatt auf eine seltsame und unbequeme Revolution vor: die digitale Revolution. Unbequem, da sie von einer wirtschaftlichen Krise begleitet wird und sich vor einem gesellschaftlichen Wandel bisher ungekannten Ausmaßes abspielt. Fonck verweist dabei auf die zunehmende Lese- und Schreibschwäche in der Gesellschaft, auf das Unvermögen vernetzt zu denken. Dennoch warf sie einen optimistischen Blick auf die Zukunft der Medien. Die Zeitung morgen werde anders sein, es wird sie sowohl auf Papier als auch im Netz geben, doch das sei eher unwichtig. „Wir sind keine Papierhändler“, betonte die Tageblatt-Chefredakteurin. Die Aufgabe des Tageblatts sei es, auch in Zukunft durch glaubwürdige, vertrauenswürdige und überprüfte Information zum gesellschaftlichen Fortschritt beizutragen.
Mit der Rolle und der Verantwortung der Verleger heute befassten sich die Teilnehmer des anschliessenden Rundtischgesprächs. Die Gäste von Editpress-Geschäftsführer Alvin Sold auf der Theaterbühne: Louis Dreyfus, Präsident des Vorstandes der Zeitung „Le Monde“ (Frankreich), Helmut Heinen, Herausgeber der „Kölnischen Rundschau“ und Präsident des BDZV (Deutschland), Bernard Marchant, Geschäftsführer der Rossel-Le Soir-Gruppe (Belgien), und Pietro Supino, Präsident des Verwaltungsrats von Tamedia-Tagesanzeiger (Schweiz).
Nur teilweise mit anderen Unternehmen vergleichbar
Ein Zeitungsunternehmen leiten sei nur teilweise vergleichbar mit der Arbeit in anderen Unternehmen, betonten die Gesprächsteilnehmer. Eine Zeitung sei ein Sonderfall, so Pietro Supino. Die Zeitung schaffe einen öffentlichen Raum für die Bürger. Die Zeitungen haben eine Kontrollfunktion in der Gesellschaft. Bernard Marchant betonte seinerseits die Bedeutung der finanziellen Unabhängigkeit der Zeitungshäuser. Nur so können sie sich äusserem Druck entgegenstellen. Hat der Verleger das Recht sich in die Zeitungsinhalte einzumischen? Die Frage beantwortete Helmut Heinen mit einem klaren Ja. Der Verleger trage die Verantwortung für das Unternehmen und habe damit auch das Recht zu definieren, wie seine Zeitung sich in politischen und sozialen Fragen zu positionieren habe. Louis Dreyfus verwies auf die doppelköpfige Struktur im Le Monde, einerseits das industrielle Aktionariat, das sich um das wirtschaftliche Wohlergehen der Zeitung sorgt, andererseits die Vertretung der Mitarbeiter und Leser, die sich um die inhaltliche Unabhängigkeit der Zeitung bemühen.
Das Ueberleben der Zeitung garantiere ihre Qualität, wurde in der Runde mehrmals betont. Daran sollte nicht gespart werden. Wobei Pietro Supino unter Qualität vor allem das Erbringen einer versprochen Leistung verstand. In den letzten Jahren sei in diesem Bereich sehr viel geschehen. Man müsse sich verändern, ohne jedoch Qualität einzubüssen, sagte Louis Dreyfus. Wir brauchen eine gute Mannschaft, so der Le-Monde-Vertreter, der dabei auf das 380 starken Journalisten-Team hinwies.
Und der Zwist Verleger-Suchmaschinen, insbesondere Google? Zwar konnten belgische und französische und vor kurzem auch deutsche Verleger mit dem Internet-Giganten verständigen, doch ganz zufriedenstellend sind die Kompromisse nicht. Bedauert wurde in diesem Zusammenhang, dass die europäischen Verleger bisher keine gemeinsame Position gegenüber Google finden konnten.
Die Schlussfolgerung der Diskussionsrunde durch Alvin Sold: Papier hat Zukunft.
Wie zuvor Danièle Fonck betonte auch Jean-Claude Reding, Verwaltungsratspräsident von Editpress Luxembourg, in seinem Schlusswort die Rolle des Tageblatts im Ideenstreit in Luxemburg. Er ging ebenfallsa auf die außergewöhnliche mediale Situation des Landes ein. Kaum ein Land mit den geografischen und demografischen Ausmaßen Luxemburgs zählt soviele Tages- und Wochenzeitungen und andere Medien. Er sei stolz auf „unser“ Tageblatt, das stets dort stand, wo es zu stehen hatte. Die Geschichte bestätigt es heute: außenpolitisch, innenpolitisch, gesellschaftspolitisch und kulturpolitisch. Auch heute noch streite es für Emanzipation und für Gerechtigkeit.
Wie es sich für eine Geburtstagsfeier gehörte, fehlte auch der Geburtstagskuchen nicht. Grossherzog Henri gab sich die Ehre, den Kuchen anzuschneiden. Das Happy Birthday hatte zuvor die Chorale municipale Uelzecht, Esch.
Zu Demaart








































































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