Der 300. Geburtstag des für sie „Größten“ der Aufklärer bietet Michèle Vallenthini nun die Gelegenheit, eine groß angelegte Veranstaltungsreihe zu organisieren. Los geht es am 1. Oktober mit einem Vortrag von Michel Delon, Spezialist für das Jahrhundert der Aufklärung an der Sorbonne.
" class="infobox_img" />Michèle Vallenthini (Foto:Hervé Montaigu)
Tageblatt: Als wir ein Café suchten, um uns für unser Gespräch über Diderot zu treffen, meinten Sie, das Konrad in der rue du Nord würde gut zu Diderot passen. Warum?
Michèle Vallenthini: „Das Konrad wirkt zusammengewürfelt, aber sympathisch. So stelle ich mir Diderots Kopf vor. Man kommt herein und alles ist sehr heteroklit, alles wirkt zufällig. Die Einrichtung des Konrad ist für mich wie eine Materialisierung räumlicher Art von Diderots Gedanken. Alles ist bunt, man kann keine Etikette aufkleben, auch Diderot ist nicht in eine Schublade zu schieben, er ist Romancier, Dramatiker, Mathematiker und Kunstkritiker, gleichzeitig auch noch Mitherausgeber eines der größten Projekte der Literaturgeschichte, die es je gegeben hat: der Enzyklopädie.“
„T“: Können Sie in ein paar Sätzen sagen, warum Sie Diderot bewundern?
M.V.: „Die Themen, mit denen sich Diderot beschäftigte, sind sehr ernst: Es ging ihm um Menschenrechte, die Sklaverei, die Tyrannei, um die jahrhunderteschwere Tradition der Kirche, die in der Aufklärung abgeschüttelt werden sollte. Doch er hat einen so sympathischen und lockeren Schreibstil, dass auch ernste Themen auf eine genussvolle und leichte Art daherkommen. Er übt schärfste Kritik an der Gesellschaft, aber in einem farbenfrohen Gewand.“
„T“: Warum sollten wir uns auch heute noch mit den Gedanken Diderots beschäftigen?
M.V.: „Ich denke, dass Diderot prototypisch für die gesamte Aufklärung steht. Obwohl ich selbst über den Marquis de Sade promoviere, stelle ich Diderot vor Rousseau, Voltaire und Sade. Diderot ist Vorläufer für vieles, über das wir heute noch nachdenken. Das 18. Jahrhundert war schrecklich statisch, es ist nichts passiert, die Traditionen saßen fest, das Ancien Régime stand da, als würde es nie etwas anderes geben. Doch plötzlich kam alles in Bewegung. Daran war Diderot maßgeblich beteiligt. Heute haben wir eine ähnliche Situation …“
„T“: … weil wir auch dringend eine Aufklärung bräuchten?
M.V.: „Ja, es ist Krise in ganz Europa, und Diderot könnte uns als Erklärungs- und Zukunftsmodell dienen, man könnte sehr viel von ihm lernen. Mit seinem Konzept der ‚indignation‘ zum Beispiel ist er ganz klar als ein Verwandter Stéphane Hessels positioniert. Uns würde es auch guttun, über Selbstbestimmung, über das Gewicht von Traditionen oder über Gleichheit nachzudenken. Und dann ist da noch die Enzyklopädie, das wichtigste Projekt der Aufklärung. Sie ist ein wichtiger Vorläufer der Europäischen Gemeinschaft.“
„T“: Können Sie das etwas ausführen?
M.V.: „Die Enzyklopädie ist ein riesiges Gemeinschaftsprojekt, sie steht für eine Demokratisierung des Wissens. In Zusammenarbeit wird Wissen ermittelt, das dann nicht mehr nur von Priester zu Priester oder von Medizinmann zu Medizinmann getragen wird, sondern für jeden offen sein soll. Diese Demokratisierung des Wissens ist auch heute wieder ein großes Thema, die Parallelen zwischen Digitalisierungsbestrebungen der Bibliotheken zum Beispiel und der Enzyklopädie im 18. Jahrhundert springen sofort ins Auge.“
„T“: Welches Werk würden Sie jemandem empfehlen, der sich noch nicht mit Diderot beschäftigt hat? Was wäre ein guter Einstieg?
M.V.: „Ich würde als Erstes den Roman ‚La Religieuse‘ zur Hand nehmen, er liest sich sehr gut, obwohl das Thema sehr ernst ist. Oder auch seine Erzählungen, zum Beispiel ‚Ceci n’est pas un conte‘, sie ist schlüssig und spannend geschrieben, außerdem findet sich darin der gesamte Diderot in Miniaturform.“
„T“: Was war Diderot für ein Mensch?
M.V.: „Zeitzeugen stellen ihn als lustig und offen dar, er muss ein liebender Vater und auch ein toller Liebhaber gewesen sein, sehr umtriebig. Er ist der Zugänglichste von allen, hat sich immer den Blick eines Kindes bewahrt, er zeigt uns, dass wir neugierig und skeptisch bleiben und eine Art Kontingenztoleranz behalten sollen. Bis heute ist Diderot uns nahe. Kennt man ihn etwas besser, ist er wie ein naher Bekannter, fast wie ein Freund. Er steht mit offenen Armen vor uns. Diderot muss schon eine unheimlich schillernde und fesselnde Persönlichkeit gewesen sein.“
„T“: Ganz ohne Schwächen?
M.V.: „Ich denke, dass seine größte Schwäche diese innere Unruhe war, die ihn sein Leben lang umtrieb und die es Wissenschaftlern bis heute schwer macht, sein Werk zu kanonisieren. Es schießt los in alle Richtungen, wie ein Feuerwerk, unmöglich, alles unter ein Dach zu bekommen.“
„T“: In ein paar Tagen beginnen die Veranstaltungen zum 300. Geburtstag Diderots. Sie sind Koordinatorin der hier in Luxemburg stattfindenden Veranstaltungsreihe. Wie kam es zur Idee und wie ist das konkrete Programm dann entstanden?
M.V.: „Ich bin Stipendiatin des ‚Fonds national de la recherche‘, deren Anliegen es auch ist, die Wissenschaft einem breiten Publikum zugänglich zu machen. In der Literaturwissenschaft ist das relativ schwierig, Naturwissenschaftler haben es da leichter, da der Nutzen der Biologie- oder Medizinforschung sofort ins Auge springt. Mit dem 300. Geburtstag Diderots sah ich dann aber die Gelegenheit gekommen. Meine Doktorväter Heinz Thoma und Michel Delon unterstützten mich von Anfang an und ich bin dann auf Claude Frisoni zugegangen, da er für mich stellvertretend für die Francophonie in Luxemburg steht. Er war auch gleich sehr offen, hat gemeint, er ruft ein paar Leute zusammen, und wenn ich es schaffe, sie zu überzeugen, dann könnte das gesamte Projekt unter der Schirmherrschaft der Abtei Neumünster laufen. Wir kamen alle zusammen und die Begeisterung sprang sofort über. Ich bin beeindruckt, wie gut wir alle zusammengearbeitet haben und wie gut alles lief. Aber eigentlich ist es auch kein Wunder, schließlich geht es um Diderot!“
(Janina Strötgen/Tageblatt.lu)
Zu Demaart
Sie müssen angemeldet sein um kommentieren zu können