Gidon Kremer und sein Orchester Kremerata Baltica bringen ein spezielles Konzertprogramm mit: Die Kammersinfonie Nr. 4 op. 153 von Mieczislaw Weinberg (Solist: Mate Bekavac, Klarinette) sowie das einzige Violinkonzert von Bernstein, in dem Platos „Gastmahl der Liebe“ vertont ist. Gidon Kremer übernimmt hier den Solopart.
Tageblatt: Anlässlich Ihres Konzerts beim Echternacher Festival spielen Sie ein recht ungewöhnliches, ja sogar relativ gewagtes Programm. Was können Sie uns über die Werke und die Idee, die hinter diesem Programm steckt, sagen?
Gidon Kremer: «Das Programm, also die drei Werke, haben als Grundgedanken das Thema ‚Liebe‘. Das fängt mit Leonard Bernsteins Serenade für Violine an, die Mitte der fünfziger Jahre komponiert wurde. Bernstein hat sein Werk wiederum den Figuren aus Platos ‚Symposion‘ gewidmet und hier eine wirklich hervorragende Musik geschaffen. Ich selbst hatte das Glück, die Serenade 1978 mit Bernstein selbst aufzunehmen. Seither gehört sie zu meinem festen Repertoire. Kurz vor unserer Tournee hat der lettische Komponist Arturs Maskats sein Werk ‚Midnight in Riga‘ fertiggestellt, was ein Auftragswerk von uns war. Im Zentrum dieses Stückes steht ein lettisches Ehepaar, Johanna und Jänis Lipke, zwei außergewöhnliche Menschen, die aus unbekannten Gründen im Krieg unbekannten jüdischen Familien das Leben gerettet hatten. Die Musik beschreibt nicht nur ihre Liebe zueinander, sondern ihre Liebe zur Menschheit. Ein sehr humanistisches Werk, das trotz seines ernsthaften Themas und dem tragischen Hintergrund die musikalische Form des Tangos benutzt. Das dritte Werk des Abends ist die 4. Kammersymphonie von Weinberg, einem Komponisten, der oft unterschätzt wurde, auch von mir, und dessen Musik ich erst in den letzten 2-3 Jahren kennen und lieben gelernt habe. Dabei war Weinberg ein unwahrscheinlich produktiver Komponist mit 22 Symphonien, 4 Kammersymphonien, 17 Streichquartetten, Konzerten und sehr viel Kammermusik. Diese drei Werke sind wie für die Kremerata gemacht und ich freue mich ganz besonders, für diese Tournee die junge, aber sehr talentierte Dirigentin Mirga Grazynité-Tyla gewonnen zu haben.»
Die Förderung junger Musiker scheint Ihnen besonders am Herzen zu liegen. Wie eben bei der Kremerata oder auch in Lockenhaus, wo Sie die Leitung an den jungen Cellisten Nicolas Altstaedt übergeben haben.
G.K.: «Ich habe das Lockenhaus-Festival 30 Jahre lang geleitet und wir haben dort mehr als tausend neue Werke aus der Taufe gehoben. Aber irgendwann ist es Zeit, das Zepter weiterzureichen. Natürlich lag das Lockenhaus-Festival mir immer sehr am Herzen und ich habe mich bei der neuen Generation von jungen Musikern lange umgesehen, denn ich wollte schon einen Nachfolger haben, der für die gleichen Ideale eintritt wie ich. Die Wahl ist dann relativ schnell auf Nicolas Altstaedt gefallen. Er ist ein wunderbarer Musiker, ungemein offen und – was sehr wichtig ist – er hat Ideen und ist am Kommerz nicht interessiert. Er verpflichtet zwar andere Künstler als ich, aber so kommt ein frischer Wind nach Lockenhaus, was dem Festival sicherlich sehr gut tut.»
Apropos Festival. Viele junge Musiker wie Janine Janssen, Carolin Widmann oder Jan Vogler haben ihre eigenen Festivals und versuchen, neue Wege zu gehen, während die großen, alteingesessenen Festivals fast nur noch eine Parade international bekannter Orchester und Solisten mit Standardprogrammen anbieten. Muss es hier ein Umdenken geben?
«Gerade bei Festivals muss man sehr vorsichtig sein, denn es gibt unter den Musikern auch immer solche, die ein Festival zu Selbstzwecken benutzen. Das ist in meinen Augen sicherlich der falsche Weg. Viele große Musiker, wie Pablo Casals in Prades oder Rudolf Serkin in Marlboro, haben Anfang der 50er Jahre eigene Festivals gegründet, weil sie eigene Ideen hatten und mittels eines Festivals ein Forum für Begegnungen und Austausch schaffen wollten. Und man darf nicht vergessen, dass es eine Menge unbekannter Interpreten gibt, die kleine Festivals leiten, auch wenn diese Festivals nicht in aller Munde sind. Es sind Musiker und Festivals, die ums Überleben kämpfen müssen und trotzdem mit Zuversicht und Fantasie ihren Weg gehen. Wichtig ist, dass jeder Musiker seinen eigenen Weg geht, mit Liebe und Fantasie, und dass er sich als ein Diener der Musik sieht.»
Sie selbst sind jemand, der sich eigentlich immer wieder neu erfunden hat und die altbekannten Pfade regelmäßig verlässt.
«Ja, das ist ein Bedürfnis von mir. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch und es fasziniert mich, unbekannte musikalische Welten zu entdecken. Allerdings muss mir die Musik gefallen, sie muss mich ansprechen und ich muss das Werk als Ganzes mögen. Dann setze ich mich gerne dafür ein.
In dem Sinne bin ich sicherlich kein konservativer Interpret, der immer nur die Konzerte von Beethoven und Mendelssohn spielt. Ich brauche die Herausforderung und bemühe mich gerne um Komponisten und Werke, die von der Allgemeinheit nicht so geschätzt werden.»
So wie bei Astor Piazzolla, von dem Sie ja etliche CDs aufgenommen haben und den Sie quasi salonfähig gemacht haben.
«Piazzollas Musik habe ich durch einen Freund eher zufällig kennengelernt und ich war fasziniert von ihr. Leider habe ich Piazzolla nie persönlich kennengelernt, doch seiner Musik fühle ich mich sehr verbunden. Piazzolla ist ein Komponist, der eine eigene Handschrift hat. Und man tut ihm Unrecht, wenn man in ihm nur den Tango-Komponisten sieht. Piazzollas Musik hat viel, viel mehr zu sagen.»
Wir haben noch nicht über die Kremerata gesprochen, die ja wohl eine Herzensangelegenheit für Sie ist …
«Auf jeden Fall! Die Kremerata gibt es nun schon seit 18 Jahren und für mich ist es immer noch eine reine Freude, mit diesen jungen baltischen Musikern zu arbeiten. Von der ersten Mannschaft sind heute noch etwa acht Musiker dabei. Im Laufe der Jahre hat sich das Ensemble personell verändert, aber die Grundideen sind immer noch aktuell. Wichtig ist nach wie vor, dass das Ensemble aus jungen Musikern baltischer Länder besteht, dass sie ohne Routine und mit viel Freude und einer großen Offenheit der Musik begegnen. Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass wir uns sowohl diese Dynamik des Spielens wie auch diese Frische beim Interpretieren und diesen Pioniergeist erhalten konnten.
Die Kremerata hat nur wenige Sponsoren und bekommt auch nur wenige Subventionen. Wir müssen uns also immer wieder beweisen, um als Ensemble überleben zu können. Aber da stehen wir nicht alleine. Es gibt sehr, sehr viele Musiker und Ensembles, die tagtäglich ums Überleben kämpfen müssen. Musik machen ist harte Arbeit und hat meistens recht wenig mit Glamour zu tun.»
Alain Steffen/Tageblatt.lu
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