Es gehört zum guten Ton in Finanzseminaren mit Journalisten, dass Gelächter ausbricht, wenn die Frage nach Frankreich gestellt wird. Das war im Finanzseminar der Allianz Global Investors Mitte September in Frankfurt nicht anders. Die 50 Finanz- und Wirtschaftsjournalisten aus Europa und aus Asien lachten lauthals, als die Frage «Wie schätzen Sie die Situation n Frankreich ein?», gestellt wurde.
Franck Dixmier, Chef-Anlagestratege für den Bereich der Anleihen und damit auch der Staatsverschuldung, hatte auf diese Frage in der Vergangenheit auch schon geantwortet, dass Frankreich ein Mario Monti fehlt, um wieder auf den richtigen Weg zu kommen. Mitte September ist er weniger plakativ, aber nicht weniger deutlich. «Man kann auf Dauer nicht mehr ausgeben, als man hat», sagt er. Der französische Finanzminister redet jetzt davon, dass er das Budget Defizit auf das vereinbarte Niveau von drei Prozent im Jahre 2017 erreichen wird. Das von Frankreich angeregte europäische Wachstumsprogramm wird möglicherweise kurzzeitig wirken, aber es ist nicht nachhaltig.»
Kein Risiko bei französischen Schuldtiteln
Für französische Schuldtitel sieht Dixmier allerdings kein Risiko. Dafür sieht er ein enormes Problem der politischen Glaubwürdigkeit. Frankreich verspiele sie derzeit, gibt er zu verstehen.
Allianz Global Investors verwaltet ein Kundenvermögen von 373 Milliarden Euro in etwa 400 Fonds. Im Anlage- und Analysebereich beschäftigt der Finanzkonzern etwa 600 Personen. Die Nachricht, die der Finanzkonzern mit dem Formenzeichen der Allianz in Frankfurt aussendet, kann klarer nicht sein. Sie will das ihr anvertraute Anlagevermögen aktiv managen und stellt sich damit dem Trend in der Branche entgegen.
Der andere Trend ist der des Interesses für Aktien. «Dividenden sind wichtiger als Zinsen», sagt Andreas Utermann, Chief Investment Officer des Konzerns und Co-Chef der Anlagegesellschaft. Das galt lange Zeit in der Versicherungswirtschaft nicht. Die Börsenkräche Anfang des Jahrhunderts hatten die Versicherungsgesllschaften vom Aktienmarkt verscheucht.
Andererseits haben die Gesellschaften kaum eine andere Wahl. Die Zinsen sind im Keller. Wenn man heutzutage Geld anlegen will, muss man dafür noch bezahlen, statt Zinsen zu erhalten. Allianz Global Investors hat daher sein Presseseminar unter das Motto gestellt «Chancen und Risiken von Investitionen in einer Welt mit ultra niedrigen Zinsraten».
Die Zukunft des Pfund Sterling
Konkrete Tipps sind in einem solchen Seminar nicht zu erwarten. Hier wird um die Ecke gedacht. Die Diskussionen drehen sich um die Abstimmung der Schotten zu ihrer Selbständigkeit seit 300 Jahren gemeinsamer Geschichte. Hier steht das Pfund Sterling zur Diskussion, die Auswirkung auf die Währung und die politischen, administrativen oder wirtschaftlichen Strukturen. Das bedingt auch Fragen nach der Finanzierung im Falle einer Trennung, sprich einem Budget und auch Staatsanleihen.
Was bedeutet aber Schottland für Spanien? Das Land ist gerade aus der Krise heraus, weist wieder Exportüberschüsse auf. Wie wird die Schottland-Entscheidung auf Katalonien wirken? Und was bedeutet das für die spanische Wirtschaft?
Nicht anders sind die Fragen bei den Infrastrukturen in den Staaten. Sie werden derzeit vernachlässigt. Franck Dixmier beurteilt nationalstaatliche oder europäische Programme als wenig nachhaltig. Armin Sandhövel und Deborah Zurkowa – der eine zuständig für Aktienanlagen, die andere für Infrastruktur-Schulden – sehen in Investitionen in Infrastruktur durchaus Anlagechancen im Aktienbereich. Zwei unterschiedliche Interpretationen derselben Sache aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
Immenses internes Wissen
Elizabeth Corley, Vorstandsvorsitzende von Allianz Global Investors, sieht im aktiven Management eine Chance für ihr Unternehmen. In den vergangenen 30 Monaten hat die Investmentfondsgesellschaft einen Anstieg des verwalteten Vermögens um 34 Prozent verzeichnet. Aber was bedeutet aktives Management? «Wir kümmern uns nicht um eine Benchmark. Wir haben ein immenses internes Wissen, das wir den Anhängern zur Verfügung stellen».
Zusätzlich verweist sie auf den Kunden. «der Punkt ist: Der Kunde weiß mehr heutzutage. Er weiß auch, dass Geldanlage Risiko ist. Wir müssen uns also (aktiv) auf das konzentrieren, was der Kunde will. Wir müssen die Performance liefern, die dem Kunden die Zufriedenheit bringt.»
Im dunklen Rock, heller Jacke, orangem Topp mit Perlenkette und Perlen Ohrringen steht sie mit einer Kaffeetasse in der Hand vor ihrem Publikum und erzählt davon, dass die Welt sich seit der Finanzkrise 2007/2008 verändert hat. «Die Verkaufswege haben sich geändert. Der Markt ist teilweise zusammengebrochen. Mehr Menschen als zuvor wollen ihre Investments selber vornehmen. Darauf muss sich eine Investmentfondsgesellschaft einstellen», sagt sie.
«Aktiv» heißt also nicht nur, die Vermögenswerte dauerhaft zu prüfen und jeweils anzupassen, «aktiv» heißt für Elizbeth Corley – die Frau, die nebenbei fünf Kriminalromane geschrieben hat – auch mit höheren internen Anforderungen, mit anderen Denkmodellen, mit größerem Bemühen und Fachwissen gespickt, auf den Kunden zuzugehen und ihn zu beraten.
(Helmut Wyrwich / Tageblatt.lu)
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