Donnerstag29. Januar 2026

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«Tod ist nicht immer Tabu»

«Tod ist nicht immer Tabu»
(dpa/Rolf Vennenbernd)

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Ein Flugzeugabsturz mit 150 Toten. Weltweite Trauer und grenzenlose Anteilnahme. Die Schlagzeilen überschlagen sich. Ein Busunfall mit mehreren Toten – in den News eine Eintagsfliege. Warum ist das so?

In Südfrankreich stürzt ein Airbus der deutschen Fluggesellschaft Germanwings ab. 150 Menschen, darunter Jugendliche und Babys, sind sofort tot. Die Nachricht lässt einem den Atem stocken, die Worte fehlen. «Was wäre, wenn ich oder mein Kind dabei gewesen wäre?» schießt einem durch den Kopf. Aber warum ist das so? Warum löst ein Flugzeugunglück wie dieses solche Gefühle aus? Was ist anders als bei einem Busunfall? Oder beim Autounfall mit mehreren Toten?

Charles Bruck von der Einheit zur psychologischen Betreuung beim Zivilschutz mit dem sperrigen Namen «Groupe de support psychologique» (GSP) hat eine Antwort. «Es ist die Masse, die ‚Konzentration“, sagt Bruck. Dabei denkt er nicht nur an den Todesopfern, sondern an ihren Angehörigen, Freunden, Bekannten. «Es sind so viele Menschen mehr, die auf einem Schlag persönlich davon betroffen sind. Der Kreis der ‚Opfer‘ weitet sich schlagartig aus.» Dass bei Tragödien dieser Art plötzlich die Distanz, die man als Außenstehender hat, schwindet, ist nicht ungewöhnlich. Brucks Erklärung dafür ist denkbar naheliegend: «Viele nutzen den Flieger, das hätte jedem passieren können».

Ein «schlimmeres» Unglück

Dennoch bleibt die Frage, warum ein Unglück dramatischer empfunden wird als ein anderes. Auch für Menschen vom Fach wie Bruck bleibt die Antwort «schwierig». Das Zugunglück im deutschen Eschede sei ein solches Beispiel. Beim ICE-Unfall am 3. Juni 1998 starben 101 Passagiere, 88 wurden schwer verletzt. Und wieder fällt das Wort «Masse», dicht gefolgt von «Drama». «Beides löst ein Gedankenkarussell aus,» sagt Charles Bruck. Fragen überschlagen sich. Wie haben die Leute ihre letzte Sekunden erlebt? Wie starben sie? «Angehörige brauchen in diesem Moment schnelle, aber vor allem gesicherte Informationen,» beschreibt Bruck. Deshalb eilen sie zum Flughafen. Bis zuletzt hoffen Betroffene, dass ihr Familienmitglied nicht an Bord der Unglücksmaschine sind. Schnelle Nachrichten auf sozialen Netzwerken sind nicht unbedingt nützlich. «Sie heizen diese Stimmung der Orientierungslosigkeit, aber auch der Hoffnung an,» gibt Bruck zu bedenken.

Für viele Angehörige, wie auch bei der Germanwings-Maschine, tritt spätestens am Flughafen die buchstäbliche «Stunde der Wahrheit» ein. Denn, bis gesicherte Informationen und die Unglücksursache fest steht, kann es Stunden sogar Tage dauern, gibt Bruck zu bedenken. Trauer, Verzweiflung, Fassungslosigkeit können einen zerfressen. Genau in diesem Moment setzt die Betreuung durch speziell ausgebildete Kräfte ein. So wie die Leute von der GSP. Unweigerlich werden Erinnerungen an dem Luxair-Crash wach. «Die Betreuung der Angehörigen verläuft ähnlich,» berichtet Bruck. Identifikation, DNA-Abgleich mit persönlichen Gegenständen, Gespräche.

Tod nicht immer Tabu

Tod und Trauer sind untrennbar verbunden. Wie geht man damit um? Ist es heutzutage anders? Bruck redet nicht lange um den heißen Brei herum. «Früher war die Gesellschaft anders», lautet die knappe Antwort. Bildlich gesprochen hat die Familie zuerst ein Netz um den Trauernden gesponnen, «denjenigen aufgefangen». Auch heute gibt es das, sagt er. Bruck berichtet von Fällen, in denen die Familie oder auch der Pfarrer sofort zur Stelle ist. «Wir brauchen sie nicht», heißt es dann. «Der Tod ist nicht immer ein Tabu», so Bruck.