Donnerstag12. Februar 2026

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Betrügen, um zu verlieren

Betrügen, um zu verlieren
(Tageblatt/Gerry Schmit)

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Obwohl sie London als Touristin besuchte, war Anne Brasseur bei Olympia eine gefragte Gesprächspartnerin. Tageblatt unterhielt sich mit ihr über Spielmanipulationen, Wettabsprachen und Betrug im Sport.

Denn die frühere Luxemburger Sportministerin, Anne Brasseur, war Ende April im Europarat Berichterstatterin einer Kommission gegen illegale Wetten und Spielabsprachen. Ihr 16-seitiger Bericht kann durchaus als alarmierend bezeichnet werden. Auf dem Rückweg aus London hat sich das Tageblatt mit Anne Brasseur unterhalten.

Sie waren eine Woche bei den Olympischen Spielen. Was hat Ihnen in London am besten gefallen?

Anne Brasseur: „Es ist schwer, etwas hervorzuheben. Aber was ich fantastisch finde, ist die Stimmung. Wenn man bedenkt, dass sich die ganze Welt ein Stelldichein gibt, die besten Athleten aus über 200 Ländern, die beieinander sind und voreinander großen Respekt haben, dann finde ich das toll. Auch die Stimmung in den Stadien war großartig. Und was mich noch beeindruckt hat, das waren die 70.000 freiwilligen Helfer, die durch ihren Enthusiasmus und ihre Freundlichkeit bestachen. Da können wir etwas von lernen.“

Sie waren im Europarat Berichterstatterin der Kommission gegen Wettmanipulation im Sport. Waren Sie in dieser Funktion in London?

„Nein, ich war privat bei den Olympischen Spielen, das hat nichts mit meinem Mandat zu tun, sondern vielmehr mit meinem Interesse am Sport. Im ‚Conseil de l’Europe‘ war ich Berichterstatterin in der Kommission zu Spielmanipulationen. Es geht um enorme Summen. Spiele, meistens im Fußball, aber auch in anderen Sportarten, werden manipuliert, um über Sportwetten schrecklich viel Geld zu verdienen. Und auch um Geld weißzuwaschen. Da steckt eine regelrechte Mafia dahinter, weshalb die öffentliche Hand, die Wettanbieter und die Sportwelt zusammenarbeiten müssen, um der Situation Herr zu werden. Schließlich ist eine der schönsten Sachen im Sport, dass man nicht weiß, wie es ausgeht.

Diese Mafia bedroht die Werte des Sports. Das kann man nicht zulassen, denn es geht um die Substanz, die Werte im Sport. Und man muss die Sportler schützen. Denn sie erliegen oft besonders leicht den Verlockungen. So kann ein junger Athlet schnell Geld verdienen. Und kommt danach nicht mehr aus dem Netzwerk heraus.“

Wie könnte man denn dagegen angehen?

„Im Bericht, der an die Regierungen gegangen ist, stehen eine Reihe von Empfehlungen und jetzt scheint es so, dass im Europarat eine Konvention ausgearbeitet wird, durch die die Prozeduren in den 47 Ländern harmonisiert werden. Dabei ist das nicht so einfach, denn in verschiedenen Ländern ist Sportbetrug eine Straftat und in anderen Ländern nicht.“

Reicht eine europäische Initiative in Anbetracht des riesigen, meist illegalen Wettmarktes in Asien?

„In der Tat, ein Großteil des Problems liegt in Asien. Deshalb kann es nur Ergebnisse geben, wenn alle Länder zusammenarbeiten, da reicht Europa nicht. Also soll die Konvention offen sein für andere, nicht-europäische Länder. Am besten wäre eine Zusammenarbeit mit der UNO.“

Ist der Wille denn da bei den asiatischen Ländern, gegen Wett- und Spielemanipulation anzugehen?

„Das ist noch zu früh zu sagen. Aber das IOC, mit dem ich eng zusammengearbeitet habe, ist sich der Problematik bewusst. Und das IOC ist eine Weltorganisation, die ganz große Hebel in Bewegung setzen kann.
Es ist ähnlich wie beim Doping. Man kann immer sagen, dass man egal wie nicht sämtliche Sünder überführen kann. Aber eine Freigabe kommt nicht in Frage, denn die geht auf Kosten der Gesundheit der Sportler. Der große Unterschied zwischen Spielmanipulation und Doping ist der des Beweises. Es ist quasi unmöglich, Spielmanipulation zu beweisen. Nehmen wir das Beispiel Tennis. Da ist es ganz normal, dass an einem schlechten Tag z.B. der erste Aufschlag nicht kommt. Aber wie will man da beweisen, dass der Spieler das absichtlich macht?

In Deutschland ist die Bochumer Staatsanwaltschaft zufällig auf den letzten Wettmanipulations-Skandal aufmerksam geworden. Da wurden wegen anderer Ermittlungen Telefone abgehört und erst dann ist man auf die Affäre gestoßen, die immerhin 25 Länder umfasst.“

Welche Rolle spielen die Wettanbieter?

„Die Zusammenarbeit mit den Wettanbietern ist das Wichtigste. Die haben einen Sport-Radar, also ein Warnsystem bei außergewöhnlich hohen Einsätzen und bei Resultaten, die gegen jede Erwartung sind. Natürlich gibt es daneben den ganzen illegalen Wettmarkt. Der ist natürlich nicht zu kontrollieren. Auch hier kann man einen Vergleich zum Doping anstellen: Beim Doping wird betrogen, um zu gewinnen, beim Wettbetrug wird betrogen, um zu verlieren.“

Welche Sportarten sind außer dem Fußball noch besonders von Manipulationen betroffen?

„Cricket zum Beispiel, wie der letzte Skandal mit in erster Linie pakistanischen Spielern beweist. Prinzipiell ist aber keine Sportart davor gefeit.“

Wie läuft denn eine typische Manipulation ab?

„Die Mechanismen sind recht einfach: Da werden Scouts rausgeschickt, meist in die unteren Profiklassen. Denn die ersten Ligen sind zu gut ‚überwacht‘. Die Scouts gucken sich dann die Spieler aus, die eventuell besonders empfänglich sind. Also Spieler, die wenig verdienen, Schulden haben oder ganz einfach etwas labil sind. Der Spieler wird angesprochen, zum Beispiel nach dem Motto: ‚Willst du dir 1.000 Euro verdienen? Du musst nur eine Gelbe Karte in den ersten zehn Minuten kassieren.‘

Dann wird auf den Spieler Druck ausgeübt, damit er einige seiner Mannschaftskameraden zum Mitmachen animiert. Das geht ganz einfach, es wird damit gedroht, die erste Manipulation zu verraten. So ist der Spieler schnell in einen Teufelskreis geraten. Das sind schon fast Mafiamethoden, mit denen der Druck ausgeübt wird.“

Wenn man den globalen Wettmarkt nimmt, über welche Summen reden wir dann?

„Das ist nicht so einfach zu sagen. Zwischen 300 und 600 Milliarden Euro sollen jährlich mit Sportwetten umgesetzt werden. In der Bochumer Geschichte wurde in kürzester Zeit fünf Millionen Euro Profit gemacht, einmal vom Weißwaschen des Geldes abgesehen. Für Bestechungen wurden gleichzeitig 1,75 Millionen Euro ausgegeben. Bei solchen Summen ist es klar, dass auch ganze Klubs gekauft werden können.“

Wir haben jetzt hauptsächlich über die Spieler gesprochen, wie sieht es mit den Schiedsrichtern aus?

„Das ist ein bisschen wie bei den Spielern. Es wird geschaut, wer verführbar ist. Das hat das Beispiel der Affäre Hoyzer gezeigt. Aber Spielmanipulation beschränkt sich nicht nur auf Spieler und Schiedsrichter, auch Vereinsverantwortliche können manipulieren, indem sie Druck auf die Spieler ausüben und somit Entscheidungen wie Auf- und Abstiege beeinflussen.“

Wenn hauptsächlich untere Ligen betroffen sind, dann ist der Weg zum Amateursport nicht weit. Welche Rolle könnte Luxemburgs Sport da spielen?

„Bis jetzt scheint es so zu sein, dass auf Luxemburger Mannschaften nicht auffällig gewettet wurde. Aber es ist niemand davor gefeit, wie die Beispiele Finnland und Belgien zeigen.“

Wie geht es jetzt weiter? Der Bericht ist abgegeben, jetzt ist es an den Regierungen?

„Ja, die Sportministerkonferenz hat sich in Belgrad für eine Konvention ausgesprochen. Die wird jetzt im Europarat ausgearbeitet. Die einzelnen Länder müssen die Konvention ratifizieren und in nationales Recht umsetzen. Dann wären wir schon einen guten Schritt weiter. Aber wichtig ist erst einmal, dass die Sportwelt zu diesem Thema sensibilisiert wird. Es geht weiter, denn auch das IOC hat eine Arbeitsgruppe, in der auch der Europarat vertreten ist, gegründet. Im März 2013 können erste Schlussfolgerungen gezogen werden.
Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass man sich auch um die Prävention kümmert. Ähnlich wie der internationale Tennis-Verband oder die UEFA das bereits macht.“