Traditionell nutzt der Präsident die Aufmerksamkeit, um seine Politik zu erläutern und Gesetzesinitiativen vorzustellen. Mit Blick auf das Ende seiner Amtszeit Anfang 2017 kündigte Obama an, den Blick vor allem auf Themen zu richten, die über die nächste Wahl hinaus von Bedeutung sein würden. Ihm gehe es um die «großen Dinge, die ein noch stärkeres, besseres und wohlhabenderes Amerika für unsere Kinder garantieren».
Wenn der US-Präsident seine jährliche Rede zur Lage der Nation hält, gilt die Aufmerksamkeit immer auch den Ehrengästen in der Loge der First Lady. Sie repräsentieren die Themen, die dem Staatsoberhaupt wichtig sind. In diesem Jahr hat Michelle Obama unter anderen einen syrischen Flüchtling eingeladen: den krebskranken Wissenschaftler Refaai Hamo, der erst seit wenigen Wochen in den USA lebt.
Hamo habe in Syrien verwirklicht, was man gemeinhin den amerikanischen Traum nenne, erklärte das Weiße Haus. Als Sohn eines Landwirts arbeitete er nachts, um sein Studium bis hin zur Promotion zu finanzieren. Er heiratete eine Kommilitonin. Die beiden bekamen fünf Kinder.
Im Jahr 2013 traf eine Rakete der syrischen Streitkräfte den Gebäudekomplex, den Hamo selbst entworfen hatte und in dem er mit seiner Familie wohnte. Insgesamt sieben seiner Angehörigen kamen bei dem Angriff ums Leben, darunter Hamos Frau und eine seiner Töchter. Der Wissenschaftler floh mit seinen anderen Kindern – einem Sohn und drei Töchtern – in die Türkei. Dort diagnostizierten die Ärzte bei ihm Magenkrebs. Die Krankheit blieb unbehandelt, weil Hamo nicht krankenversichert war.
Die Amerikaner erfuhren über den beliebten Blog «Humans of New York» von Hamos Schicksal. Der Syrer wurde als «The Scientist» («Der Wissenschaftler») in den USA bekannt. Schauspieler Edward Norton initiierte eine Online-Spendenkampagne für Hamos Familie, bei der mehr als 450 000 Dollar (414 000 Euro) zusammenkamen. Präsident Barack Obama schrieb Anfang Dezember in einem Facebook-Kommentar an Hamo: «Wir sind stolz, dass Sie Ihre Träume hier verwirklichen werden. Willkommen in Ihrer neuen Heimat. Sie sind Teil dessen, was Amerika groß macht.» Obama hat angekündigt, die USA nähmen im kommenden Haushaltsjahr 10 000 weitere syrische Flüchtlinge auf. Die Entscheidung ist umstritten.
Neben Hamo stehen 22 weitere Namen auf der Liste der Ehrengäste, die die Rede zur Lage der Nation am Dienstagabend (Ortszeit) in der Loge der First Lady verfolgen werden. Eingeladen wurde unter anderen der US-Soldat Spencer Stone, der im August vergangenen Jahres zusammen mit zwei Landsleuten in einem Thalys-Schnellzug auf dem Weg nach Paris einen Anschlag verhindert hatte.
Zu den weiteren Gästen zählen Lisa Jaster, die erste weibliche Absolventin der legendären Ranger School der US-Streitkräfte, sowie Jim Obergefell, dessen Klage ein Grundsatzurteil des Obersten Gerichtshofs zur landesweiten Legalisierung der Homo-Ehe zur Folge hatte. Einer der Plätze in der Loge bleibt unbesetzt. Der leere Stuhl soll an all deijenigen erinnern, die in den USA durch Schusswaffen getötet oder verletzt wurden.
Zu Demaart
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