Bis vor kurzem noch lebte Schersai ein für afghanische Verhältnisse recht normales Kinderleben. Er wohnte bei seinen Eltern in der südostafghanischen Provinz Paktia, er ging zur Schule und hütete Schafe. Dann starb sein Vater bei einem Unfall, wie der 13-Jährige erzählt. Seine Mutter sei krank geworden, seitdem sei sie gelähmt. Einen Onkel habe er noch, der sei bei den Taliban. «Mein Onkel hat mich an die Taliban verkauft», sagt Schersai. 15 000 pakistanische Rupien (knapp 130 Euro) hätten die Aufständischen bezahlt – um den Jungen als Selbstmordattentäter einzusetzen.
Wen er töten solle, hätten die Taliban ihm noch nicht gesagt, erinnert sich der schmächtige Junge. «Sie sprachen immer nur von Sprengstoffweste, Sprengstoffweste. Und sie sagten mir, wenn ich ein Selbstmordattentäter werde, dann werde ich als Märtyrer ins Paradies kommen.» Nach fünf Tagen bei den Taliban sei ihm die Flucht gelungen. «Ich habe gesagt, ich muss pinkeln, und bin davongerannt.» In der Provinzhauptstadt Gardes habe ihn die Polizei gefasst – und unter dem Vorwurf festgenommen, ein Selbstmordattentäter zu sein.
Kinder-Selbstmordattentäter
Gemeinsam mit 15 anderen Minderjährigen, die sich stellten oder gefasst wurden, bevor sie sich in die Luft sprengen konnten, sitzt Schersai im «Resozialisierungszentrum für Jugendliche» in Kabul. Acht weitere Kinder wurden kürzlich nach einer Amnestie von Präsident Hamid Karsai entlassen. Schersai gehört zu den jüngsten Attentätern, die in der Einrichtung gemeinsam mit kriminellen Jugendlichen untergebracht sind. Das von Italien geförderte Zentrum – eine Mischung aus Heim und Gefängnis – bietet nach Angaben der Direktorin Schule, Berufsausbildung und Computerkurse. Für afghanische Verhältnisse macht es keinen schlechten Eindruck.
Und die afghanischen Behörden, die sonst keinen sonderlich guten Ruf genießen, bemühen sich um den Schutz der Insassen. Besuche von Journalisten werden nur unter der Bedingung genehmigt, die richtigen Namen der Kinder nicht zu nennen und keine Fotos von ihnen zu machen. Die Minderjährigen dürfen nur interviewt werden, wenn sie selber bereit sind zu reden.
Von der Familie getrennt
Trotz allem leiden die Jungen darunter, auf dem Gelände in Kabul weit weg von ihren Familien eingesperrt zu sein. Jeweils neun von ihnen sind in den Zellen untergebracht, die verhinderte Attentäter sich mit Kriminellen teilen. Sie schlafen auf Stockbetten. Ihre Kleider hängen auf Wäscheleinen, die durch den Raum gespannt sind. Die Metalltür kann vom Flur aus verriegelt werden, die Fenster sind vergittert. Um das Haus herum steht ein dreieinhalb Meter hoher Zaun, dahinter eine noch höhere, mit Stacheldraht bewehrte Mauer.
Schersai sagt, er habe inzwischen weder für die Taliban noch für die Regierung etwas übrig: Die Aufständischen wollten, dass er sich in die Luft sprenge. Die Behörden sperrten ihn seit eineinhalb Monaten ein, ohne dass er etwas verbrochen habe. «Ich will weg hier», sagt er. Keiner habe ihm gesagt, wie lange er noch bleiben müsse. Keiner komme ihn besuchen. «Ich habe niemanden», sagt der Junge. Einen kleinen Bruder gebe es noch, der aber nicht alleine nach Kabul kommen könne – und eben den Onkel, der ihn verkauft habe.
Immer mehr Opfer
Den Rattenfängern der Taliban gehen immer mehr Kinder in die Falle. Sie sind leichter zu beeinflussen und einfacher zu indoktrinieren als Erwachsene. «Die Rekrutierung und der Einsatz von Kindern im bewaffneten Konflikt kam in der ersten Hälfte 2011 als wachsende Sorge auf», heißt es im Halbjahresbericht der Mission der Vereinten Nationen in Afghanistan (Unama).
So habe im Mai ein zwölfjähriger Attentäter drei Zivilisten mit in den Tod gerissen, schreibt Unama. Im Juni sei ein acht Jahre altes Mädchen getötet worden, das ein Paket mit Sprengstoff zu einem Polizeiauto tragen sollte – Aufständische hätten die Bombe ferngezündet. Die Vereinten Nationen mahnen, der Einsatz von Kindern in einem bewaffneten Konflikt sei ein Kriegsverbrechen. Die Taliban, deren Anführer Mullah Omar in seinen Botschaften zum Schutz von Zivilisten aufruft, scheint das nicht zu scheren.
Kindliche Naivität ausgenutzt
Human Rights Watch (HRW) kritisiert den Einsatz von Minderjährigen als einen «ungeheuerlichen Affront gegen die Menschlichkeit». Kinder im Alter von nur sieben Jahren hätten angegeben, dass sie sich als Attentäter in die Luft sprengen sollten, teilten die Menschenrechtler im September mit. Andere hätten berichtet, die Taliban hätten ihnen gesagt, Amulette mit Koranversen würden sie vor der Explosion schützen. Nur die Menschen um sie herum würden sterben.
Der Sprecher der Internationalen Schutztruppe Isaf, Carsten Jacobson, nennt den Einsatz von Kindern durch die Taliban «ganz besonders feige». Er sagt: «Das hat auch alles nichts mehr mit Islam und gerechter Sache zu tun, das ist einfach nur Mord. Der Missbrauch von Kindern, die durch massive Indoktrination in vollem Bewusstsein in den sicheren Tod geschickt werden, ist ein Verbrechen, das beendet und gesühnt werden muss.»
Immer mehr minderjährige Attentäter
Unama registrierte in den ersten acht Monaten des Jahres etwa 100 Selbstmordanschläge in Afghanistan. Nach Angaben des afghanischen Geheimdienstes NDS werden inzwischen mehr als die Hälfte der Selbstmordanschläge von Minderjährigen verübt. Diese Zahl erscheint sehr hoch und ist unabhängig nicht zu überprüfen: Wenn die Explosion Körper bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, lässt sich das Alter des Attentäters oft nur noch erahnen.
Dass die Zahl der minderjährigen Attentäter aber angestiegen ist, ist unumstritten. NDS-Sprecher Lutfullah Maschal sagt, in den vergangenen sechs Monaten hätten afghanische Sicherheitskräfte 70 Kinder gefasst, die Selbstmordanschläge verüben sollten.
Sondergericht für Kinder
Die Direktorin des Kabuler Resozialisierungszentrum, Asisa Adaladcha, sagt, ein Sondergericht für Kinder entscheide, wie lange sie in der Einrichtung bleiben müssten. Im Falle Schersais sei noch kein Entschluss gefasst worden. Das gelte auch für Amanullah, der in der selben Zelle wie Schersai sitzt.
Der 14-Jährige stammt aus Badachschan, einer Provinz im nordöstlichen Einsatzgebiet der Bundeswehr. Sein Vater ist Soldat bei der afghanischen Armee, die gegen die Taliban kämpft. Über Amanullahs Oberlippe zeichnet sich erster dunkler Flaum ab. Seine Hände zittern, wenn er erzählt. Er lächelt kein einziges Mal in dem Gespräch – ebenso wenig wie sein Leidensgenosse Schersai.
In der Koranschule angeworben
In Kundus, mehrere Stunden Autofahrt von Badachschan entfernt, sei er auf eine Koranschule gegangen, sagt Amanullah. In der Madrasa sei er von einem Anhänger der Taliban angesprochen worden, der ihm versprochen habe, ihn zu seinen Eltern zu fahren. Stattdessen habe der Mann ihn in einem Taliban-Versteck in Badachschan abgeliefert.
45 Tage lang hätten die Taliban ihn als einziges Kind in dem Haus festgehalten und an der Sprengstoffweste ausgebildet, sagt Amanullah. Ein Druck auf den in seiner Hand versteckten, per Draht mit der Weste verbundenen Auslöser – und die Detonation werde ihn und seine Opfer in Stücke reißen. Auch Amanullah erzählten die Taliban die Mär von der Belohnung, die nach dem Tod auf ihn warte. «Sie haben mir gesagt, Du wirst ein Märtyrer und ins Paradies kommen. Am Anfang habe ich das geglaubt. Erst später ist mir klar geworden, dass das falsch ist.»
Ganz normale Kinder
In einer Moschee in dem Ort Baharak in Badachschan, in der auch Polizisten zum Gebet zusammenkämen, habe er sich in die Luft sprengen sollen, sagt der 14-Jährige. Die Zweifel, die an ihm nagten, retteten vermutlich viele Menschenleben. Amanullah erzählt, er habe die tödliche Weste bereits getragen und sich dann auf dem Weg zum Gotteshaus den Sicherheitskräften gestellt.
Seine Eltern wüssten nicht, dass er seit drei Monaten in dem Heim in Kabul eingesperrt sei, sagt der Junge. Niemand antworte unter der Telefonnummer, die er von ihnen habe. Jetzt habe er erstmals einen Brief an sie geschickt, zuvor habe er gar nicht gewusst, dass das möglich sei. Eine Antwort stehe noch aus. «Natürlich vermisse ich meine Eltern.» Warum er sich der Polizei gestellt habe? «Mein Herz hat mir gesagt, ich kann keine Muslime töten», sagt Amanullah. «Und meine Eltern würden womöglich um mich weinen, wenn ich tot wäre.»
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