Der Herr Botschafter komme allein, hatte uns der Botschaftssekretär telefonisch mitgeteilt. Wenige Minuten später steht der offizielle Vertreter Russlands im Eingangsbereich unseres Verlagshauses, in der Hand einen Bügel, auf dem Hemd, Krawatte und Kostüm hängen. Der Mann hat eine längere Autofahrt hinter sich. Muss er ins Kostüm? Ja, fürs Foto ist es wohl besser, beantwortet er sich seine Frage. Schnell ist das Hemd angezogen, die Krawatte zurechtgerückt. Das Kostüm sitzt. Fertig ist der Diplomat.
Konferenzen und Blumen
In Luxemburg finden mehreren Veranstaltungen zum Tag der Kapitulation am 8./9. Mai statt. Mehrere von ihnen werden von der russischen Botschaft mitorganisiert.
Bereits am 6. März trafen sich russische Historiker mit Vertretern der „Amicale de Tambov“ und der Föderation der Zwangsrekrutierten.
Am 7. Mai steht eine Konferenz über Zwangsrekrutierte und sowjetische Gefangenenlager (Uni Luxemburg, Campus Walferdingen, ab 10.00 Uhr) an.
Um 19.00 Uhr wird im „Centre culturel et scientifique russe“, 32 rue Goethe, Luxemburg, der Film von Sergej Bondartschuk „Le destin d’un homme“ aus dem Jahr 1959 gezeigt.
Am 8. und 9. Mai werden auf den Gräbern sowjetischer Soldaten in Esch/Alzette und Petingen Blumengebinde niedergelegt.
Am 8. Mai findet im „Centre culturel de rencontre Abbaye de Neumünster“ ein historisches Kolloquium statt. Thema: „Regard sur notre victoire commune trois générations après“.
Am 9. Mai wird ein Blumengebinde auf die Grabmäler sowjetischer Soldaten am Friedhof Bonneweg niedergelegt. Teilnehmer ist u.a. Premierminister Xavier Bettel.
Mark Entin vertritt die Russische Föderation seit Oktober 2012 in Luxemburg. Wir wollen mit ihm über die Feierlichkeiten zum Jahrestag der deutschen Kapitulation am 8. bzw. 9. Mai reden. Warum dieser Jahrestag so pompös begangen wird? Was sein Land dabei empfindet, dass Luxemburg als einer der ehemaligen Alliierten im Kampf gegen Nazi-Deutschland die Einladung zur Siegesparade am 9. Mai auf dem Roten Platz ausgeschlagen hat (Artikel)?
Jede Familie hat mit Blut bezahlt
Wer mit einem russischen oder einem Bürger einer der früheren Sowjetrepubliken über den Zweiten Weltkrieg redet, wird meist gleich mit persönlichen Erinnerungen konfrontiert. Jede Familie habe ihn mit ihrem Blut bezahlt, sagt Mark Entin, und beginnt von seinen beiden Großvätern zu erzählen. Der eine starb bei der Schlacht um Moskau im Oktober 1941. Er verbrannte in einem Panzer. Der andere kämpfte während all den Kriegsjahren, er überlebte den Krieg nur wenige Jahre, verstarb dann 1953 an seiner Kriegsverletzung. Die Erinnerungen an den „Großen Vaterländischen Krieg“ werden in der Familie aufrechterhalten, erzählt Entin. Seine Mutter habe ihm davon erzählt. Er selbst reichte diese Erinnerungen an die Kinder und Enkel weiter.
Als ausschließlich russische Angelegenheit will Entin den Sieg jedoch nicht verstehen. „Wissen Sie, der Beitrag Russlands, aber auch der Völker, die damals die Sowjetunion bildeten, ist groß.“ Es sei damals ums Überleben seines Landes gegangen, aber auch darum, die anderen Völker zu befreien. „Ohne das wären alle Länder faschistisch“, sagt er. „Der Sieg über den Faschismus war ein nationaler Triumph, andererseits war es der Sieg der Menschheit über die Negation des menschlichen Lebens.“ Das dürfe man niemals vergessen.
Die «falsche» Haltung
Sorgen bereiten dem russischen Diplomaten die Versuche, die historischen Wahrheiten zu verfälschen. Die Tendenz, die Rolle der Völker der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zu schmälern, ist unübersehbar. „Man versucht, alle Kriegsteilnehmer gleich zu behandeln. Aber derlei Haltung ist falsch“, sagt er und beugt sich vor, als ob er seinen Worten mehr Nachdruck verleihen wollte. Die Siege (der Roten Armee, d. Red.) bei Moskau, Stalingrad, bei Kursk haben den Großen Sieg vorbereitet, an dem auch die Alliierten mitgewirkt haben, die einige Jahre nach Kriegsbeginn die Zweite Front eröffnet haben. Die Zweite Fronte bleibe immer die zweite Front, sicherlich ein Beitrag von Bedeutung zum Sieg, aber nicht sie war ausschlaggebend dafür, betont Entin überzeugt.
Wer diese Tatsachen verleugnet, beleidigt das Andenken der Menschen, die damals zum Sieg beigetragen haben, das waren die Soldaten und Offiziere an der Front, aber auch all jene Menschen, die im Hinterland in den Fabriken für die Front arbeiteten.
Das ganze Gespräch mit dem russischen Botschafter in Luxemburg, Mark Entin, lesen Sie in der Donnerstag-Ausgabe des Tageblatt, sowie als E-Paper.
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