Wenn der Wirtschaftsminister Frankreichs ein Gesellschaftsmodell aufstellt und dabei ins Philosophische abgleitet, überrascht das nicht. Emmanuel Macron war bei den Jesuiten in die Schule gegangen und hatte unter anderem auch Philosophie studiert, bevor er ins Bankfach zu Rothschild ging und danach in die Politik wechselte.
Die Spannung war groß am frühen Freitag, als Macron, im Rahmen der Jahresempfänge der französischen Regierung für die Presse, ans Mikrofon trat. Der aber begab sich auf eine andere Ebene. Es sei nötig, sagte er, zu erläutern, zu erklären, in Zusammenhänge zu stellen. Viele kurze Sätze und knappe Äußerungen ließen eben doch immer wieder Missverständnisse zu.
Und dann begann Macron, zu erklären. Die Welt verändere sich derzeit mit rasender Geschwindigkeit. Das zöge Ängste und Unsicherheiten nach sich. Niemand habe vor einem Jahr um diese Zeit damit gerechnet, dass der Ölpreis so stark einbrechen würde wie er es getan hätte.
Niemand habe vorausgesehen, dass die Konjunktur in China einbrechen würde und die Schwellenländer in eine Wirtschaftskrise geraten würden. Europa sei heute wirtschaftlich stabiler als vor zwei Jahren, aber nun habe der Kontinent unter anderem mit der Terrorgefahr zu kämpfen.
„Wir müssen verstehen, was hier geschieht“
„Wir müssen verstehen, was hier geschieht“, sagte Macron. „Wir müssen sehen, dass die Attentäter aus unserem Land kommen. Wir müssen sicher auch korrigieren, bestrafen und vorausschauen, wir müssen vor allem zu einfachen Ideen zurückkehren. Zwei Fragen gelte es zu stellen: „Welche Gesellschaft wollen wir?“ und „Welches Land wollen wir sein?“. Sicherheit alleine nämlich sei kein politisches Projekt.
„Warum“, fragte Macron, „ist der syrische Taxifahrer in New York der Meinung, dass er in einem guten Land lebe, obwohl die USA doch nun wirklich nicht besonders sozial sind? Weil Steve Jobs der Sohn syrischer Einwanderer ist und weil er glauben darf, dass das Land ihm Erfolgschancen bietet.“ Und warum habe der syrische Taxifahrer in Paris nicht denselben Zufriedenheitsgrad? Weil er Vorbilder wie Steve Jobs nicht hat, weil er mit Rigiditäten, mit Hürden und Mauern zu kämpfen hat. Das macht ihn unzufrieden, obwohl er eine Rente haben wird, obwohl er seine Kinder in ein kostenloses Schulsystem schicken kann.
Macron warb um Verständnis für etwas, das in Frankreich nicht in Mode ist. Insbesondere in sozialistischen Kreisen gehört es sich nicht, für die globale Welt einzutreten.
Macron aber sagte: „Wir müssen Frankreich helfen, sich an die globale Welt anzupassen. Wir brauchen dafür eine offene Gesellschaft. Wir müssen Start-ups mit neuen Ideen helfen. Wir müssen flexibel arbeiten. Wir dürfen die Sonntagsarbeit nicht ablehnen. Wir müssen effizienter sein, um in der globalen Welt mithalten zu können.“
„Frankreich darf sich nicht auf sich selbst zurückziehen»
Das Wachstum von 1,1 Prozent sei zu schwach. Das habe aber auch strukturelle Gründe. Sowohl vor der Krise als auch nach der Krise habe die französische Wirtschaft falsch investiert. „Die Unternehmen haben in Immobilien investiert statt in die Produktion. Das macht sie heute weniger wettbewerbsfähig. Wir müssen also diesen ökonomischen Rahmen modernisieren.“
Frankreich brauche eine Gesellschaft mit mehr Gerechtigkeit. Die neuen Technologien aus dem digitalen Bereich schüfen Benachteiligungen, insbesondere im Bereich der mittleren beruflichen Qualifikationen. Die Auseinandersetzungen bei den Taxifahrern zeigten, welche Frakturen in der Gesellschaft auftreten, wenn die Digitalisierung in Plattformen auftrete und Wirtschaft und Gesellschaft verändere. Die Schwierigkeiten aber führten zur moralischen Krise, die in weiten Bereichen einem Mangel an Mobilität zuzuordnen sei.
„Wir müssen die Schwachen schützen, aber den Mobilen die Chance zur Entwicklung geben, und wir müssen die Korporationen öffnen“, forderte der Wirtschaftsminister und meinte, dass Frankreich in Europa stärker, effektiver und gerechter sein müsse.
„Frankreich darf sich nicht auf sich selbst zurückziehen. Es muss in Europa arbeiten“, setzte er zum Abschluss der Woche der Presse-Empfänge der Regierung seine eigenen Akzente und ging nicht auf die Spitzen des Regierungschefs ein.
Zu Demaart
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