Europa steckt in der Krise. Das können wir nicht verneinen, weder Politiker, noch Bürger. Und gerade in Zeiten des drohenden Zusammenbruchs ist vor allem eins unentbehrlich, das, was die Intellektuellen und Gelehrten dieses Landes als «Esprit de Colpach» bezeichnen. «Und dieser Geist ist gegenwärtiger denn je», verdeutlicht Charles Barthel.
Er spricht von Völkerverständigung, von Weitsicht, einem friedlichen Europa, einer Union, die wächst und gedeiht. Vor allem aber spricht er von Aline de Saint-Hubert, eine unermüdliche Verfechterin der Rechte der Frau, Vorsitzende der «Association pour les intérêts de la femme», die das erste Mädchengymnasium in Luxemburg gründete.
Europäische Solidarität
Nach dem Ersten Weltkrieg erwarb sie gemeinsam mit ihrem Mann Emile Mayrisch Schloss Colpach, das sie zu einem deutsch-französischen Begegnungsort ausbaute und das nach ihrem Tod in den Besitz der «Croix-Rouge» überging. Doch nicht nur wegen ihres sozialen und politischen Engagements, sondern auch wegen ihres literarischen Vermächtnisses ist sie einer der wichtigsten Zeugen luxemburgischer und europäischer Geschichte.
Sie publizierte in diversen Avantgarde-Zeitschriften und zählte unter anderem André Gide, Jean Schlumberger oder Henri Michaux zu ihrem Freundeskreis. Der „Cercle des amis de Colpach“, der sich zur Aufgabe gemacht hat, den Geist des Schriftstellerkreises um Aline Mayrisch wachzuhalten, hat im Jahr 2007 den «Prix Emile und Aline Mayrisch» aus der Taufe gehoben – eine Auszeichnung, die das alleinige Ziel verfolgt, den Geist der Völkerverständigung und der kulturellen Öffnung, der in den 1920er Jahren das Leben in ihrem Schloss in Colpach prägte, weiterzuführen und die europäische Integration zu fördern.
Am Freitagnachmittag wurde der von ArcelorMittal gestiftete Preis an zwei Historiker verliehen, die laut Charles Barthel einiges gemeinsam haben: «Ihre Arbeiten sind von höchster Qualität, akribisch recherchiert, beide liefern neue Erkenntnisse, tragen zum europäischen Verständnis bei und schließen mit intelligenten Fragestellungen», so Barthel, Mitglied der Jury, die unter rund 20 eingereichten Schriften aus Luxemburg, Frankreich, Deutschland und Belgien zwei zurückbehalten hat: die wissenschaftliche Arbeit «François Mitterrand und Deutschland 1916-1996. Eine enträtselte Sphinx» von Prof. Dr. Ulrich Lappenküper und die politische Untersuchung «Willy Brandt und Georges Pompidou. Deutsch-französische Europapolitik und Europakonzeptionen 1969-1974» der jungen Doktorandin Claudia Hiepel, die mit dem mit 4.000 Euro dotierten Förderpreis ausgezeichnet wurde.
Mitterrand,ein Opportunist?
Der im Jahr 1959 in Datteln geborene Professor, der einen Lehrstuhl in Hamburg innehat, erhielt den mit 10.000 Euro dotierten ersten Preis für seine herausragende Biografie über den wohl bedeutendsten Staatsmann Frankreichs des 20. Jahrhunderts, in der er den „überragenden Taktiker“ als die Inkarnation des politischen Opportunismus entlarvt, der zwar an ein starkes und vereintes Europa glaubte, in dem sich Frankreich nur dann behaupten könne, wenn es wirtschaftsstarke und politische Partner suche. Und einer von diesen sei nun einmal Deutschland. Ohne deutsch-französische Zusammenarbeit ist Europa undenkbar. Diese Ansicht teilt auch Charles Barthel, der darauf hofft, dass der Motor endlich wieder läuft.
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