Der Name Bernhard M. Eusterschulte lässt Erinnerungen hochkommen, Erinnerungen an seine Inszenierung von Heiner Müllers „Hamletmaschine“ im Jahr 2009. Schon damals überraschte der Regisseur mit einer grenzüberschreitenden Koproduktion zwischen Deutschland, Luxemburg und Bulgarien, bei der er Schauspieler völlig unterschiedlicher Erfahrungshorizonte miteinander konfrontierte und sein Publikum mit zumindest teilweise unverständlicher Mehrsprachigkeit irritierte. Die Bühne wird bei Eusterschulte zum Labor, zum Experimentierfeld interkultureller Prozesse. Nicht sprachliches Verständnis, sondern nonverbale Erfahrungen stehen im Vordergrund.
TNL Faust 2.0
Nach Johann Wolfgang von Goethe
Regie:
Bernhard M. Eusterschulte
Textfassung:
Tomo Mirko Pavlovic
Dramaturgie:
Andreas Wagner
Vorstellungen
Am 7. und 8. November um 20 Uhr
sowie am 7. November um 10 UhrInfos und Tickets
www.tnl.lu
www.luxembourgticket.lu
Für sein neues Projekt spannt Eusterschulte den Bogen noch weiter: Er nimmt neben Bulgarien, Luxemburg und Deutschland noch Rumänien und die Schweiz mit ins Boot und beschäftigt sich mit einem zumindest in Ansätzen europaweit bekannten Stoff, den er in die Gegenwart des krisengeschüttelten Europas transportiert.
Mit seiner Inszenierung von „Faust 2.0“, der eine Textfassung des serbokroatischen Autors Tomo Mirko Pavlovic zugrunde liegt und die sieben verschiedene Sprachen sprechende Schauspieler unterschiedlicher Generationen vereint, möchte Eusterschulte ausloten, ob es möglich ist, eine gemeinsame, über Nationalsprachen und Traditionen hinausreichende Theatersprache zu entwickeln. Kann das Theater eine Sprache schaffen, die Brücken zwischen den Einzelsprachen baut und Neues erschafft, oder führt dieses Sprachbabylon auf der Bühne zu Unverständnis und Verwirrung, um endgültig in Frustration zu enden? Beim Publikum ebenso wie bei den Schauspielern selbst?
Vier Fausts auf der Bühne
Die Generalprobe beginnt: Vier Fausts sind auf der Bühne, drei junge und ein alter. Außerdem natürlich Gretchen (Fabiola Dalia Petri) und Helena (Margita Goscheva). Der alte Faust, gespielt von dem wunderbaren Schauspieler Georgi Novakov, blickt auf sein Leben zurück, will Bilanz ziehen, mit sich ins Reine kommen. Dafür tritt er immer wieder in Dialog mit einem der jungen Fausts. Die Gretchen-Tragödie wird verhandelt, Helena kommt ins Spiel, ebenso wie ihr gemeinsamer Sohn Euphorion und der künstlich geschaffene Mensch und von Goethe in „Faust II“ aufgegriffene Homunculus.
Doch Schlüsselelemente und einige Originalzitate dienen Eusterschulte nur als Handlungsrahmen, er selbst nennt sie „Verständnisbrücken“ zum Publikum. Denn im Grunde genommen fragt „Faust 2.0“ nach dem Faustischen des 21. Jahrhunderts: Wohin führt Größenwahn? Kann man die Krise begreifen? Welche Magie liegt in der Geldschöpfung? Was wäre, wenn man es abschafft? Warum ist es Menschen unmöglich, zusammenzufinden?
Eigentlich geht es um nicht mehr und nicht weniger als um die zeitlose Faust-Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält. Faust ist an ihr gescheitert. Das heutige Europa auch? Und die Inszenierung? Was hält sie zusammen?
Es sind die Bilder, die Eusterschulte auf der Bühne entstehen lässt und die dazu führen, dass der Zusammenhang des Stückes assoziativ erschlossen werden kann. Eusterschulte fordert das Publikum, es muss bereit sein, sich Unbekanntem (wie etwa den Monologen auf Bulgarisch) zu stellen und sich auf Verwirrendes (drei Fauste, die bellen) einzulassen. Auf jeden Fall gelingt es Eusterschulte, das Faustische des 21. Jahrhunderts herauszustellen.
Allmachtsfantasien des Menschen, Gewalt, Gier und Geiz: Der Stoff verbirgt viel Potenzial, um die heutige Wirtschaftskrise mit all ihren Konsequenzen zu thematisieren. Besonders gelungen sind die Szenen, in denen Eusterschulte die drei jungen Fausts, gespielt von Marc Baum (Luxemburg), Vasil Duev (Bulgarien) und Christoph Keller (Schweiz), gleichzeitig auftreten lässt.
Durch ihre unterschiedlichen Sprachen, die aufeinanderprallen, bekommt der Zuschauer vor Augen geführt, dass jeder Satz auch anders gesagt, gemeint und interpretiert werden kann und dass es keine endgültigen Wahrheiten geben kann. Manchmal bekommt man jedoch den Eindruck, Eusterschulte will zu viel: zu viel Antitheater, zu viel Neues, Unkonformes, Avantgardistisches. Trotz verwirrender Sprachformen und Zeichensysteme wirkt so die vom Stück mittransportierte Kritik an der heutigen Gesellschaftsform samt Kapitalismus und Leistungsdruck auf weiten Strecken zu eindeutig und dadurch etwas platt. Hier hätte der Inszenierung mehr Subtilität und Mehrdeutigkeit gutgetan. Was im Sprachenwirrwarr durchaus aufgeht, die nonverbale Kommunikation zwischen den Schauspielern und Publikum und der daraus entstehende Interpretationspielraum für den Zuschauer, kommt bei der Botschaft der Inszenierung leider etwas zu kurz.
Auf jeden Fall sehenswert
Dennoch: Die Inszenierung ist auf jeden Fall sehenswert: zumindest für all jene, die sich mitreißen lassen können, von toller Schauspielleistung und Experimentierfreude, von Wortklängen und Überraschungsmomenten voller Poesie. Für all jene, die nicht Goethes Faust in Reinform, sondern dem uns allen irgendwie bekannten Faust des 21. Jahrhunderts begegnen möchten. Dem fordernden, außer Kontrolle geratenen, unfertigen Faust.
Zu Demaart
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