Dienstag27. Januar 2026

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Über ein Denken, das die Welt revolutionierte

Über ein Denken, das die Welt revolutionierte
(Tageblatt)

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Sie schreit, tobt und beißt: Doch das Schlimmste: Ihr Unterkiefer schiebt sich unnatürlich weit nach vorne und lässt sie wie eine Bestie aussehen. Dazu tropft Spucke. Man will gar nicht hinsehen. Nach den ersten paar Minuten des Films wünscht man sich nur, er möge nicht so weitergehen.

Die Russin Sabina Spielrein (Keira Knightley) war eine der ersten Patientinnen überhaupt, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit den Mitteln der Psychoanalyse behandelt wurden. Sie ist die zentrale Heldin im Film von David Cronenberg, jene Frau, die bald als spektakulärer Heilerfolg gilt und später selbst eine der berühmtesten Psychoanalytikerinnen wurde, doch – im Schatten von Jung und Freud – von der Geschichte vergessen und 1942 von den Nazis ermordet wurde.

Knightleys etwas zu übertrieben gespielten hysterischen Anfälle beschränken sich glücklicherweise auf den Anfang des Films, nach und nach wird aus dem kranken Opfer jene starke und kluge Frau, die im Beziehungsgeflecht zwischen ihr, Freud und Jung in gewisser Weise die Fäden zieht.

Verlangen nach Demütigung

Von Anfang an fühlt sich Carl Gustav Jung (Michael Fassbender) zu der jungen Frau hingezogen, ihr Verlangen nach Demütigung weckt auch in ihm Sehnsüchte, die er – verheiratet mit einer wohlhabenden Frau, die ihr erstes gemeinsames Kind erwartet – bislang unterdrückt hatte und nicht wahrhaben wollte. Nachdem der wilde Anarchist der Psychoanalyse, Otto Gross – wunderbar gespielt von Vincent Cassel – ihn in mehreren Gesprächen an seiner Auffassung von der Unnatürlichkeit der Monogamie teilhaben lässt, beginnt Carl Gustav Jung eine Affäre mit der jungen Noch-Patientin.

Über ihnen thront Freud (Viggo Mortensen), der mit funkelnden Augen und Zigarre im Mund als eine Art Übervater in Wien sitzt und die Geschehnisse in Zürich mit Distanz verfolgt. Eigentlich möchte Freud Jung zum führenden Kopf der psychoanalytischen Bewegung machen, aus dem einfachen Grund, weil Jung Christ ist und er mit ihm an der Spitze die judenfeindlichen Attacken auf seine Lehren entkräftigen wollte.

Freud und Spielrein

Doch so weit kommt es nicht. Die beiden überwerfen sich. Aus privaten Gründen, weil Jung Freud gegenüber nicht aufrichtig ist, was seine Beziehung zu Fräulein Spielrein angeht. Professionell, weil Freud Jungs Neigungen, auf esoterische und mystische Abwege auszuweichen, nerven. Für Freud steht nicht im Vordergrund, Menschen heilen zu wollen, diesen von Jung vertretenen Anspruch findet er sogar anmaßend, die Psychoanalyse sei ein Mittel, den Menschen zu zeigen, wie sie wirklich sind, ihnen zu helfen, ihr Innenleben zu verstehen. Sabina Spielrein schlägt mit ihrer Dissertation eher die Richtung Freuds ein.

In fachlichen Diskussionen ebenso wie in privaten Briefen entwickelt sich ein immer verwickelteres Beziehungsgeflecht zwischen den dreien. Cronenberg ist ein sehr leidenschaftlicher Film gelungen, der in klarer Sprache und eindrucksvollen Bildern von einem Denken erzählt, dass unsere Welt revolutionierte. Absolut sehenswert, zumal vor allem die männlichen Rollen – ganz besonders Vincent Cassal als Otto Gross – wunderbar besetzt sind.