Es ist ein besonderes Zugeständnis an die Presse, wenn Schauspieler und Regisseur mitten im Arbeitsprozess die Türen zum Proberaum öffnen. Und es ist ein besonderes Vergnügen, dabei zusehen zu können, wie etwas Unfertiges allmählich Form bekommt, wie aus rudimentärem Rohmaterial ein neues Kunstwerk mit einem Eigenleben wird.
«Rudimentär» des deutschen Schriftstellers August Stramm (1874-1915), der – wenn überhaupt – eher wegen seiner Lyrik bekannt geworden ist, ist schon an sich wirklich rudimentär. Das Stück spielt in einer rudimentär eingerichteten Wohnung, in der sich meistens drei Protagonisten – er (Willi), sie (Marjell) und der Chauffeur – in rudimentären Dialogen unterhalten beziehungsweise anmeckern.
«Diese abgehackten Sätze lassen viel Spielraum, besonders auch für die Schauspieler, die sie nicht nur zu Ende denken, sondern zu Ende spielen müssen», erklärt Jean-Paul Raths. Hierfür schauen sie sich Stummfilmschauspieler an, inspirieren sich an deren körperlichen Ausdrucksweise. «Charlie Chaplin steht Pate», sagt Raths. «Aber nicht nur wegen seiner Mimik und Gestik, auch weil Chaplin immer auf der Seite der Schwachen stand.»
«Pack schlägt sich, Pack verträgt sich»
Der auf 15 Seiten passende Einakter könnte gestern geschrieben worden sein, meint Raths. In der Beschreibung der Lebenssituation aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg sieht Raths viele Parallelen zur heutigen Zeit: Die Verwahrlosung in weiten Teilen der Gesellschaft komme ihm sehr bekannt vor, auch im heutigen Berlin seien viele Wohnungen rudimentär eingerichtet, Dialoge zwischen jungen Menschen in der U-Bahn glichen denen zwischen Willi und Marjell, und die Flucht aus dem Alltag und in den Alkohol kennzeichne auch unsere Gesellschaft von heute.
«Wir leben in der Wilhelminischen Ära, zweite Auflage», sagt Raths. Eine Art «Tanz auf dem Vulkan». Pitt Simon nennt diesen allgemeinen Zustand der Spannung «Titanic-Orchester-Stimmung».
Trotz all dieser Übereinstimmungen zwischen heute und damals bleibt Raths Inszenierung im frühen 20. Jahrhundert: Kostüme, Bühnenbild und Ambiente erinnern an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, Parallelen ins heute zu ziehen.
Breitestes Berlinerisch
Der Originaltext von August Stramm setzt sich nicht nur aus abgehackten, unfertigen Sätzen zusammen, sondern ist auch noch in breitestem Berlinerisch verfasst. Außer einiger typisch ostpreußischer und daher heute unverständlicher Redewendungen hat Raths den Text aber nur leicht entschärft. «Das Berlinerische hilft mir, in die Rolle hineinzukommen», erzählt Susan Ihlenfeld, «auf hochdeutsch wäre die Rolle deutlich schwieriger gewesen». Pitt Simon und Nickel Bösenberg stimmen ihr zu. Allen dreien macht es sichtlich Spaß, die «Berliner Schnauze» so richtig auszukosten.
Es ist Sonntagmorgen, die drei Protagonisten befinden sich in einer winzigen Dachwohnung irgendwo über Berlin. Bindeglieder zwischen den dreien sind das liebe Geld, das immer fehlt, und das tote Baby, das meistens unbeachtet in seiner Wiege liegt. Nur wenn es direkt angespielt wird, ist es da, sonst wird es einfach vergessen. Anstatt sich mit ihren Problemen auseinanderzusetzen, ziehen die drei am Ende des Stückes lieber in den Tiergarten und betrinken sich. «Wozu soll man sich zusammenreißen, wenn doch sowieso alles auseinanderfällt?», scheint Stramm zu fragen, der mit «Rudimentär» einen Wegbereiter für den Expressionismus vorgelegt hat.
Koproduktion mit der Tri-Bühne in Stuttgart
«Rudimentär» wird in Luxemburg «nur» an drei Abenden aufgeführt. Umso mehr freuen sich Jean-Paul Raths und besonders auch die Schauspieler, dass die Tri-Bühne in Stuttgart als Koproduzent gefunden werden konnte. Vor den Aufführungen lädt das Theater zu einer «Einführung in die Welt des August Stramm» ein, bei der Susan Ihlenfeld das Publikum mit Liedern von Claire Waldoff in die Zeit zurückversetzen wird.
Zu Demaart
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