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Im Zeichen des Umbruchs

Im Zeichen des Umbruchs
(dpa)

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395 Filme werden in diesem Jahr auf der Berlinale gezeigt. Das größte Publikumsfestival im Kino-Bereich wurde am Donnerstag mit viel Prominenz eröffnet. Den Anfang machte ein historisches Drama.

Von den rund 40 Filmen am Donnerstag habe ich zwei gesehen: Das mit großer Spannung erwartete Regie-Debüt von Angelina Jolie, «In the Land of Blood and Honey», und «Les adieux à la reine», ein Historienfilm über die ersten Tage der Französischen Revolution von Benoît Jacquot, mit dem der offizielle Wettbewerb am Donnerstag eröffnet wurde.

62. Berlinale
Bis zum 19. Februar

www.berlinale.de

14. bis 17. Juli 1789: Aus der Sicht der Dienerschaft am Hofe von Versailles erzählt Benoît Jacquot die Geschehnisse der drei ersten Tage der Französischen Revolution. Nicht auf der Straße in Paris beim Sturm der Bastille ist die Kamera dabei, sondern während Marie-Antoinette (Diane Kruger) Marivaux vorgelesen bekommt, von Sidonie Leborde (Léa Seydoux), einer frei erfundenen Figur, wie Benoît Jacquot auf der Pressekonferenz mitteilte.

Publikum

Seinen Film, der in weiten Teilen auf dem gleichnamigen Roman von Chantal Thomas basiert, aus der Perspektive der Vorleserin zu erzählen, erlaube ihm, das Szenario näher an das Publikum von heute heranzubringen, erklärte Benoît Jacquot. Jeder habe schließlich ein Bild von Marie-Antoinette im Kopf, jeder habe sein Urteil gefällt über diese Königin, die in ihrem Schloss sitzt und den Bauern auf der Straße nicht mehr zu sagen hat als dass sie doch Kuchen essen sollten, wenn es kein Brot mehr gebe.

Auch wenn ein historischer Kostümfilm über die Französische Revolution in einem Französisch des 18. Jahrhunderts vielleicht auf den ersten Blick nicht sehr avantgardistisch erscheint, ist „Les adieux à la reine“ symbolisch für das Programm der diesjährigen Berlinale, die unter dem Leitsatz „Umbruch/Aufbruch“ steht. Wie im 18. Jahrhundert, so entstehen Revolutionen auch heute aus der Auflehnung gegen den Missbrauch von Macht. Die bittere Pille, dass ihre Königin ihr nicht etwa aus Zuneigung und Nächstenliebe zur Flucht verhilft, sondern aus purem Machtkalkül, muss auch Sidonie Leborde schlucken. Und so ist die Wahl des Films, der vor der feierlichen Eröffnung der Berliner Filmfestspiele mit all ihrem Starrummel und Blitzlichtgewitter am Donnerstag gezeigt wurde, durchaus gelungen.

Filmmarathon

Er läutet einen Filmmarathon ein, der wenig Wohlfühlfilme im Programm hat, sondern vor allem Kriege, Revolutionen, Ungerechtigkeiten und Gewalt thematisiert. Der im Berlinale Special gezeigte Film „In the Land of Blood and Honey“ von Angelina Jolie erzählt die Geschichte einer Bosnierin und eines Serben, deren Liebe von dem ausgebrochenen Völkerhass erstickt wird. Der Chinese Zhan Yimou arbeitet in seinem Film „Die Blumen des Krieges“ das Nanking-Massaker von 1937 auf. Bob Thornton präsentiert mit „Jayne Mansfield’s Car“ ein Vietnamkriegsdrama.

Die Literaturverfilmung „Extrem laut und unglaublich nah“, nach dem gleichnamigen Roman von Jonathan Safran Foer, erzählt die Geschichte eines Jungen, der am 11. September bei den Anschlägen auf das World Trade Center seinen Vater verliert. Werner Herzog zeigt vier Porträts von Häftlingen in Todeszellen amerikanischer Gefängnisse. Ein Dokumentarfilm entlarvt die staatliche Repression gegen den chinesischen Künstler Ai Weiwei. Und „Captive“ von Brillante Mendoza erzählt von einem Anschlag auf einer idyllischen Ferieninsel, der Mitarbeitern der Weltbank gilt.

Kritik

Ob Dieter Kosslick, der im letzten Jahr für seine Filmwahl von der Kritik stark kritisiert wurde, diesmal bessere Beurteilungen bekommen wird, ist noch nicht abzuschätzen. Natürlich wird gemeckert, über so viele, relativ unbekannte Regisseure, wie Wang Quan’an, Alain Gomis oder Tsui Hark, doch gleichzeitig sprechen die Schlangen an den Ticketschaltern eine klare Sprache: Das Publikum liebt seine Berlinale, weil es weiß, dass es überrascht wird. Und Kritiker meckern nunmal gerne.

(Janina Strötgen/Berlin/Tageblatt.lu)