Diese Frage beantwortet der Regisseur Vlad Massaci bereits in den ersten Sekunden: Das von Dragos Buhagiar entworfene Bühnenbild ist überwältigend: Ein bestimmt 30 Quadratmeter großes Stahlgitter trennt die Bühne in zwei Ebenen und macht sie auf unterschiedlichste Weise bespielbar. Die Schauspieler können nicht nur an dem Gitter selbst heraufklettern, sondern sich auch auf die an den Seiten angebrachten Zirkuspferde setzen und das Gitter zum Kreisen bringen. Durch die gelungene Bühne, samt Kostümen und Beleuchtung, bekommt die Inszenierung von Anfang an eine Lebendigkeit, die die Grundidee der Inszenierung gut einbettet.
Denn für den Regisseur Vlad Massaci gleicht Woyzecks Welt einem Jahrmarkt. Mit der Zirkusstimmung, die bei Büchner in einigen Szenen vorkommt, rahmt Massaci seine gesamte Inszenierung ein.
Martin Engler, der nicht nur den Doktor, sondern auch den Drehorgelmann spielt, verstärkt das Komödiantische noch durch seine ureigene, immer wieder erfrischende Komik.
Auf Erbsendiät ist das Leben nicht lustig
Diese Jahrmarktstimmung wird dennoch zum Glück durch die Figur des Woyzeck immer wieder radikal gebrochen. Luc Feit versteht es, den sich überschlagenden Ereignissen, dem Pferdereiten und dem Affentanz, Ruhepausen aufzudrängen, die die Dualität des Stückes retten: Denn für Woyzeck ist das Leben kein Jahrmarkt, kein Spiel: Verkörpert durch den Doktor (Martin Engler) und den Hauptmann (Germain Wagner), ist Woyzeck Autoritäten ausgeliefert, die ihn beeinflussen, quälen, missbrauchen und leiten. Mit Wäscheklammern in den Ohren und auf Erbsendiät gesetzt, hat man nicht viel zu lachen und sein Leben nicht im Griff. Zumal die geliebte Frau sich auch noch mit dem Tambourmajor (Stefan Bastians) amüsiert …
Vicky Krieps ist als Marie leider weniger überzeugend. Ihre anmutige, sanfte Art gibt der Aufführung zwar etwas poetisch Liebliches, doch fehlt ihrer Marie das Laszive, das Doppelbödige dieser Figur. Besonders in den Szenen, in denen sie sich alleine auf der Bühne befindet, hätte der Figur etwas mehr Komplexität gutgetan.
Die Nebenrollen hingegen waren allesamt wunderbar besetzt. Nickel Bösenberg als Andres schuf im Zusammenspiel mit Luc Feit eine sehr glaubwürdige Komplexität, Germain Wagner spielte die aus Angst vor Veränderungen geborene Autorität des Hauptmanns mit einer überzeugenden Leichtigkeit und auch Christiane Rausch bereicherte die Aufführung aus dem Hintergrund. Besonders die Schlussszene, in der sie den Kinderwagen mit dem Waisen heftigst schaukelt, ist ein Bild, das sicherlich in Erinnerung bleiben wird.
Die Inszenierung, die aus einer Zusammenarbeit des Escher Theaters, des Grand Théâtre und des Nationaltheaters Radu Stanca in Sibiu entstanden ist, ist trotz einiger Schwächen – wie auch der über weite Strecken unpassende Gebrauch des Dialekts zur Verdeutlichung der sozialen Unterschiede – sehenswert, zumal sie die interessante Frage aufwirft, worin sich denn nun das Fremde, das Rumänische in der Bearbeitung des Stoffes zeigt.
Zu Demaart
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