Überall sind gedruckte Buchstaben: Hier hängen Papprollen von der Decke herab, mit Zeitungsüberschriften beklebt. Dort sind die Papierfetzen zu Fußbällen zusammengerollt, da sorgsam zu einer Collage arrangiert, dann wieder als eine Art Flaschenpost in Glas gehüllt. Buchstaben in allen Farben und Formen seien «ausgesprochen eine Obsession» des tschechisch-deutschen Künstlers Karel Trinkewitz (1931-2014) gewesen, sagt Kuratorin Klara Burianova.
In der ersten Retrospektive nach dem Tod des Dichters, Zeichners und Collage-Künstlers zeigt das Prager Museum Kampa bis Mitte Mai sein vielfältiges Werk in allen Facetten. «Das Leben ist eine Collage» war eines der Mottos von Trinkewitz. Sein eigenes Leben hätte kaum aufregender und aufreibender sein können. Der eine Teil seiner Familie hatte jüdische Wurzeln und kam aus Ostpreußen, der andere stammte aus Südböhmen.
Erste Erfolge im «Tauwetter»
Während der Nazi-Besatzung der Tschechoslowakei im Zweiten Weltkrieg durfte Trinkewitz wegen seiner jüdischen Herkunft die Schule nicht besuchen. Seine Mutter unterrichtete ihn zu Hause. Erste Erfolge mit seinen Karikaturen, Zeichnungen und Collagen feierte Trinkewitz im politischen Tauwetter der Tschechoslowakei der 1960-er Jahre. Doch der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen 1968 in Prag machte die Hoffnungen auf einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht zunichte.
Ein Raum der Ausstellung am Prager Moldauufer ist Trinkewitz als politischem Künstler gewidmet. Da sind die Postkarten, die der Bürgerrechtler und Dramatiker Vaclav Havel regelmäßig seinem Freund und Mitstreiter schickte. Es sind Fotografien von Havels Wochenendhaus «Hradecek», wo sich die beiden trafen, zu verschiedenen Jahreszeiten, erst in Schwarz-Weiß, später dann in Farbe. Oder da ist die Collage, in der Trinkewitz den Moskauer Kreml neben die New Yorker Freiheitsstatue setzt.
«Le Figaro illustré»
Regelmäßig, mitunter mehrmals die Woche, habe Trinkewitz dem damaligen Präsidenten der sozialistischen CSSR, Gustav Husak, eine regimekritische Postkarten-Collage geschickt, berichtet die Kuratorin. Es war eine Sabotageaktion im Kleinen, auch wenn Husak die Karten wohl nie persönlich zu Gesicht bekam. Trinkewitz, der die Charta 77 für mehr Menschenrechte unterzeichnete, geriet ins Visier der Staatssicherheit (StB). Im Rahmen der Operation «Assanierung» wurde er verfolgt, abgehört, verhört und letztlich 1979 zur Auswanderung in die Bundesrepublik gezwungen.
Manche der Collage-Materialien, die wohl einst achtlos beiseite geworfen wurden, sind heute selbst wertvoll. So klebte Trinkewitz alte Titelseiten der französischen Jugendstil-Zeitungsbeilage «Le Figaro illustré» auf ein Brett eines Plattenbau-Einbauschranks. «Allein diese alten Drucke haben einen unschätzbaren Wert», sagt Kuratorin Burianova.
Immer wieder hinterfragt Trinkewitz den Kunstbegriff an sich, so wenn er platt gedrückte weggeworfene Cola-Dosen in einem Rechteck anordnet. Es ist eine Hommage an Andy Warhols Siebdruck-Suppendosen. Die Cola-Dose war für Trinkewitz ein Symbol der Freiheit. Doch er deutet auch bereits an, «was nach dem süßen Moment des Konsums bleibt», wie die Kuratorin sagt.
Zu Demaart
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