François Mauriac hat einmal von bewohnbaren Büchern gesprochen und damit unter anderem Balzac, Tolstoi, Joyce und Thomas Mann gemeint und davon ausdrücklich Kafka ausgenommen. Denn bei Kafka, das wusste Mauriac nur zu gut, ist er an einen literarischen Scharfrichter geraten, dessen Fallbeil die Axt für das gefrorene Meer in uns sein sollte. Wer Herr oder Frau im eigenen Haus bleiben möchte, zieht es im Allgemeinen vor, Strafkolonien weiträumig zu umgehen.
" class="infobox_img" />Der Schriftstellers Georg Büchner, dargestellt auf einer undatierten Zeichnung. Büchner gilt als einer der größten deutschen Autoren des 19. Jahrhunderts und Bahnbrecher der Moderne. (Foto: dpa)
Die Kolumne trägt den Namen Flöz und lädt zu einer Suchbewegung durch das ABC gedanklicher Rohstoffe ein. Was dabei genau herauskommt, liegt wie im Flöz allerdings noch im Verborgenen.
Offensichtlich lassen sich Bücher, die sich als Herberge eignen, von solchen unterscheiden, die eine Gefahr für Leib und Seele bedeuten. Diese Trennung haben auch schon andere vorgenommen: zuerst Kirchen und Könige, dann Philologen und Pädagogen. Die Vergangenheit hat dabei gezeigt, dass es die Betroffenen posthum adeln konnte, wenn ihr Werk auf einem Index geführt oder der Zensur unterzogen wurde. So nimmt sich der vatikanische Index der verbotenen Bücher geradezu wie ein Who is Who der europäischen Kultur- und Literaturgeschichte aus. Solche Dinge erschließen sich aber nur im Rückblick.
Nicht selten wurde denen, die wir gewohnheitsmäßig zu runden Geburts- und Todestagen ehren, zu Lebzeiten böse mitgespielt, wie das Schicksal Giordano Brunos bezeugt. Wer unbewohnbare Bücher schrieb, musste nicht zwangsläufig auf dem Scheiterhaufen enden. „Ein Todesurteil, ein Schafott, was ist das? Man stirbt für seine Sache. Aber so im Gefängnis auf eine langsame Weise aufgerieben zu werden! Das ist entsetzlich!“
So oder so: Für unbewohnbare Bücher ist die Heimat das Exil. Denn Bücher, die glücklich machen, könnte jeder zur Not auch selber schreiben. Nachrichten aus dem Exil verheißen dagegen kaum einmal etwas Gutes. Sie wollen ja den Daheimgebliebenen eine andere Version der Dinge vermitteln, etwas, das sich ganz und gar nicht mit dem Gewohnten und Bekannten ihres vertrauten Daseins verträgt. Nur, wer nimmt sie zur Kenntnis?
„Ich glaube, man muss in sozialen Dingen von einem absoluten Rechtsgrundsatz ausgehen, die Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volk suchen und die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel gehen lassen.“ Das ist natürlich leichter gesagt als getan, wobei man im Exil ohnehin leicht reden hat. Aber zumindest vornehmen könnte man es sich. Wie wäre es mit einem Preis, der seinen Namen trägt? Dadurch stiftet man Tradition, und Tradition verbindet. Welcome home.
Also kam am Ende auch dieser Junge – mit einiger Verzögerung zwar, aber immerhin er kam – nach Hause (obwohl er in Zürich begraben liegt). Und ein Junge war er wie kein Zweiter. Dass nur die Guten jung sterben würden, ist eine Vorstellung, die sich ohne ihn eigentlich gar nicht denken lässt. Dabei sind die wenigen Bücher Büchners so ohne jeden Vergleich, dass man wie Lenz, der Held seiner gleichnamigen Novelle, auf dem Kopf gehen und dem armen Woyzeck im Himmel beim Donnern helfen möchte, um über die Maßlosigkeit seines viel zu frühen Todes seine Empörung zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht kann man sich mit Leonce aus Büchners Komödie Leonce und Lena darüber trösten, „dass selbst der Geringste unter den Menschen so groß ist, dass das Leben noch viel zu kurz ist, um ihn lieben zu können“. Aber es wäre nur ein Trost wie einer, der die Endlichkeit als Schicksal allen Lebens begreift.
Das Wort der Endlichkeit entfaltet im Fall Georg Büchners, der am 17. Oktober 1813 geboren wurde und dessen Todestag sich am 19. Februar zum einhundertfünfundsiebzigsten Mal jährt, noch einmal einen ganz eigentümlichen Sinn. Nicht als Symbol für eine jener Kränkungen, von denen die Menschheit angeblich betroffen sein soll, sondern durch die Unvertrautheit mit einem jungen Leben, das so wenig Schutz und Obdach bietet wie seine Bücher selbst. Sie sind immer noch unbewohnbar und hinterlassen Wunden, die offen wie ein Bergwerk sind.
Zu Demaart
Sie müssen angemeldet sein um kommentieren zu können