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A wie Anfang

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Aller Anfang ist schwer. Wenn dies aber der Fall wäre, warum stand ausgerechnet im Anfang das Wort? Und war dieser Anfang so schwer wie jeder andere auch?

Mit Blick auf die Geschichte der Menschheit könnte einen der Eindruck beschleichen, dass sich selbst der liebe Gott bei seinem damaligen Projekt ein wenig verhoben hätte. Zumindest sah er sich zu einer Korrektur genötigt, als ihm seine beiden menschlichen Geschöpfe zu erkennen gaben, dass sie seine Wohltaten nicht gebührend zu schätzen wussten. Ob die Geschichte unbedingt mit einer Vertreibung enden musste, bleibe einmal dahingestellt. Nach heutigen Maßstäben wäre es ohne weiteres möglich, nach der Verhältnismäßigkeit seines Handelns zu fragen. Aber der Oberste Richter darf sich über solche Erwägungen erhaben wähnen. Und schließlich: Hätten wir es anders gewollt?

Logo" class="infobox_img" />Dieter Heimböckel ist Professor für Literatur und Interkulturalität an der Uni Luxemburg. Seine Beiträge erscheinen im Tageblatt (samstags) und an dieser Stelle im Zwei-Wochen-Takt.

Die Kolumne trägt den Namen Flöz und lädt zu einer Suchbewegung durch das ABC gedanklicher Rohstoffe ein. Was dabei genau herauskommt, liegt wie im Flöz allerdings noch im Verborgenen.

Faust zieht bekanntlich aus dem Dilemma des Anfangs seine eigenen Schlüsse. Er entscheidet sich nicht für das Wort, sondern für die Tat. Warum es für die Tat den Teufel braucht, bleibt freilich sein Geheimnis. Sein literarischer Ziehvater wusste es vermutlich besser. Zeit seines Lebens durchaus nicht tatenlos, darf man ihm eine gewisse Befreundung für das Wort unterstellen. „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen“ müssen wir – aus der Feder des Geistesfürsten aus Weimar – daher eher für einen Scherz als für die Lebensmaxime eines Weltweisen halten.

Der Geschichte des Rangstreits zwischen Wort und Tat fehlt indes die Neigung zum Komischen. Sie nahm für bare Münze, was ein Lebensmüder ihr mit auf den Weg gab, und empfahl das Wort dem Sonntag und die Tat der restlichen Woche. Das eine sei zwar schön und erbaulich, aber letzten Endes ohne Belang; die andere dagegen packe das Leben beim Schopf und sei von Nutzen für Wohlergehen und Prosperität. Hier bekommt die urtümliche Anempfehlung, den Sonn- als Ruhetag zu begehen, ihre spezifische Bedeutung: auf dass das Wort zur Beruhigung und Besinnlichkeit beitragen möge.

Das Eigentümliche des Wortes besteht allerdings darin, dass mit seiner Artikulation und Niederschrift nicht nur etwas gesagt, sondern auch etwas verschwiegen wird. Wer redet und schreibt, spricht und führt zur gleichen Zeit unendlich viele Dinge nicht aus. Das muss nicht einmal in Absicht geschehen oder der individuellen Redeweise entsprungen sein. Eine Quelle der Beunruhigung wäre dies aber allemal. Man hat gegenwärtig das Gefühl, dass die Beunruhigung in dieser Hinsicht förmlich ihren Siedepunkt erreicht hat. Denn nicht umsonst scheinen sich die Menschen, ob nun in der Öffentlichkeit oder privat, um Kopf und Kragen zu reden. Die Unfähigkeit, alles auf einmal sagen zu können, verleitet offensichtlich dazu, die Rede in eine unaufhörliche Länge, in die Endlosschleife kakophonischer Geschwätzigkeit zu ziehen. Die tagtäglichen Talkshows sind ein Resultat dieser Entwicklung – und Twitter und Facebook begünstigen sie erst recht.

Diese Beunruhigung ist aber dem Wort selbst durchaus äußerlich. Denn was kann das Wort dafür, dass es nur ein Platzhalter für ein anderes ist? Mit dem Wort im Anfang hatte es noch eine andere Bewandtnis: Es sollte das Ein und Alles zum Ausdruck bringen und hat damit die Dichter- und Philosophenträume in der Jagd nach dem, was unaussprechlich in dem einen Wort verborgen liegt, auf Jahrhunderte beflügelt.

Heute sind diejenigen, die nach Worten schürfen, sich wohl der paradoxen Tatsache bewusst, dass sie im Schweiße ihres Angesichts in der Regel die Untätigkeit ihrer Leserinnen und Leser begünstigen. Aber sie schürfen immer noch. Und was sie finden, ist in den meisten Fällen nichts Neues, sie haben ja eine Vorstellung von dem, was sie suchen. Aber an die Oberfläche geholt, erhält das Gewohnte mitunter doch ein ungewohntes Antlitz. Und würde der Zufall dabei nicht Regie führen, könnte man fast meinen, dass das Vorgehen von einem Plan diktiert würde. Über das A und O hat schon manch einer etwas zum Besten gegeben. Ich glaube aber, dass man solchen Geschichten nicht trauen sollte. Eine Portion Misstrauen hätte jedenfalls auch Adam und Eva gutgetan.