Dienstag3. Februar 2026

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Wem gehört Alexander der Große?

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(dpa)

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Wem gehört Alexander der Große? Griechenland und Mazedonien liegen darüber im Clinch. Dabei geht es um ganz praktische Dinge wie den EU- und NATO-Beitritt Mazedoniens und den nationalen Zusammenhalt der Griechen.

In der alten makedonischen Hauptstadt Aigai (heute: Vergina) in Nordgriechenland gehen auch im heißen August die Ausgrabungsarbeiten am einstigen Riesenpalast von König Philipp II. (382-336 v. Chr.) weiter. Im nahe gelegenen Pella ist vor zwei Jahren ein modernes Museum errichtet worden. Im Mittelpunkt steht hier der berühmte Sohn Philipps, der als Alexander der Große (356-323 v. Chr.) Weltgeschichte geschrieben hat. Wenig weiter nördlich wird Skopje als Hauptstadt des modernen Staates Mazedonien umgekrempelt: Museen, Statuen und Gebäude im historisierenden Stil satt, samt Triumphbogen und einem 22 Meter hohen Monument, das Alexander als antiken Krieger hoch zu Ross zeigt.

Griechenland und sein Nachbar Mazedonien beanspruchen den weltberühmten Vorfahr für sich und liegen deshalb seit Jahren im Streit. Die sündhaft teure Umgestaltung des Zentrums von Skopje besitzt nur eine Botschaft in Richtung Griechenland: Seht her, wir sind die wahren Nachkommen Alexanders, der kein Grieche, sondern eben ein Mazedone war! Seitdem der kleine Balkanstaat 1991 beim Zerfall Jugoslawiens entstanden ist, versuchen Politik und Geschichtsschreibung diese These zu belegen. Griechenland blockiert «zur Strafe» jede Annäherung des Nachbarn an die EU und die Nato und verlangt eine Namensänderung dieses Staates. Skopje tritt deshalb international noch immer unter der spröden Bezeichnung «Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien» auf.

Unlösbarer Konflikt

Aus dem Geschichtsunterricht weiß jeder aufmerksame Schüler, dass Alexander der Große zu Griechenland gehört wie die Akropolis in Athen. Und dennoch: «Dieser Konflikt wird nie gelöst werden, da wette ich mein Geld drauf», sagt der griechische Geschichtsprofessor Basil Gounaris in Thessaloniki. «Was man in Skopje macht, ist Nationalismus des 19. Jahrhunderts», empört er sich. Und in Griechenland werde keine Partei das Risiko eingehen, die Sache zu klären. Denn die Geschichte sei das Einzige, «was die Griechen zusammenhält», sagt der Professor. «Für uns besitzt die antike Geschichte einen so hohen Wert, dass wir keine Kompromisse eingehen können».

Die Archäologin Anastasia Chrysostomou erklärt im Pella-Museum die Absurdität der Behauptungen aus Skopje. Alle Inschriften auf Säulen und Monumenten seien in antiker griechischer Sprache abgefasst. Angeliki Kottaridou, ihres Zeichens Direktorin aller Ausgrabungen im griechischen Teil Makedoniens, argumentiert ähnlich. Alexanders Vorfahren stammten demnach aus dem «griechischen Hauptstamm» der Dorer. Sie hätten einen griechischen Dialekt gesprochen und dieselben griechischen Götter verehrt wie die Griechen in den Stadtstaaten Athen, Korinth, Theben oder Sparta. Die Ansprüche des Nachbarn auf Alexander seien «eine plumpe populistische Fälschung». Lächelnd fügt die Archäologin mit einem Doktortitel der Uni Köln hinzu: «Wenn man es nicht hat, dann erfindet man es eben!»

Skopje schweigt

In Skopje hüllen sich die Verantwortlichen für die «neue Hauptstadt» in Schweigen, ausländische Journalisten werden abgewiesen. Die Verwaltung in der «Gemeinde Altstadt» verweist auf die Regierung. Diese verweigert auf alle Fragen eine Antwort. Offensichtlich auf Weisung von ganz oben lässt der zuständige Architekt Oliver Petroski ein Treffen platzen. Möglicherweise traut sich niemand zu, die Thesen Skopjes zur historischen Vergangenheit zu rechtfertigen. Die slawischen Mazedonier waren erst knapp 1000 Jahre nach Alexander in diese Region eingewandert, können also nicht dessen Abkommen sein. Hilfskonstruktionen behaupten, die Mazedonier im Einzugsgebiet Skopjes seien die Ureinwohner, die jedoch ihre Sprache mit der slawischen Zuwanderung verloren hätten.

Historische Wahrheit oder nicht, das riesige Bauprojekt «Skopje 2014» soll handgreifliche Tatsachen schaffen und so die Position des Staates Makedonien untermauern. Im Moment wird das Herzstück des «neuen historischen Zentrums» der Hauptstadt fertiggestellt – eine riesige Bronzestatue des antiken Herrschers Alexander. Sie zeigt ihn als antiken Krieger auf einem sich aufbäumenden Pferd. 22 Meter hoch reckt sich der Held in den Himmel, darunter wird gerade ein Wasserfall im Großformat installiert. Antike Kriegsszenen werden am Fuße des Monuments dargestellt, Bronzelöwen brüllen in Richtung Statue und furchterregend auch in Richtung Betrachter. Vier weitere stilisierte überdimensionierte Bronzelöwen bewachen auch die moderne Goce-Delcev-Brücke im Zentrum.

Umbau im großen Stil

Aber das ist noch längst nicht alles. Das Nationaltheater, das Archäologische Museum, das Außenministerium, das Verfassungsgericht, das Gebäude der Finanzpolizei werden im nachgemachten Stil der klassischen Antike gebaut. Ein dichtes Netz großformatiger Statuen überzieht das Zentrum, mal aus Marmor, mal aus Bronze. Da stehen die orthodoxen byzantinischen Heiligen Cyrill und Methodius und ihre Schüler Hl. Clement und Hl. Naum. Führer der Aufstände gegen die Osmanen sind ebenso in Stein gemeißelt und in Bronze gegossen wie nationale Berühmtheiten aus dem 19. Jahrhundert. Schließlich erregt noch der Triumphbogen mit «ruhmreichen Szenen aus der Geschichte» Aufmerksamkeit. Dieser architektonische Kraftakt geschieht auf und um den zentralen Platz «Makedonija».

«Ich war geschockt, als ich aus Deutschland nach einem Studienaufenthalt zurückkam», bewertet Anastas Vangeli die Bautätigkeit in seiner Heimatstadt. Die Mehrheit der Bürger Skopjes habe sich bei Umfragen gegen das Projekt ausgesprochen. Lieber sollten diese Riesensummern in die marode Infrastruktur, in den schwachbrüstigen Gesundheitsbereich oder in die abgewrackten Wohnsilos investiert werden, lauteten die Argumente der Gegner. Während die Regierung die Kosten mit 80 Millionen Euro angibt, spricht Vangeli, Analyst in einem politischen Institut, von «deutlich mehr als 200 Millionen». Die Opposition beziffert die Kosten gar mit 500 Millionen Euro.

Hohe Kosten

Das sind riesige Summen angesichts eines Durchschnittseinkommens von bis zu 300 Euro im Monat und einer Arbeitslosenquote von mehr als 30 Prozent. Der scharfe Kontrast zwischen den gloriosen Bauten und der tristen Wirklichkeit im Land wird direkt gegenüber dem prächtig beflaggten Regierungsgebäude sichtbar, wo Wohnungen und Geschäfte vor sich hinrotten und teilweise wegen Baufälligkeit geschlossen sind. Auch der Hauptbahnhof befindet sich in einem beklagenswerten Zustand.

Der Regierung diene das nationale Bauprogramm auch dazu, von den wirklichen Schwierigkeiten abzulenken, meint Vangeli. In einem Land mit weit verbreiteter Korruption sei es auch bei den Ausschreibungen zur Erneuerung des Zentrums von Skopje zu vielen «Unregelmäßigkeiten» gekommen. Ausschreibungsunterlagen seien verloren gegangen und bis dahin ganz und gar unbekannte Künstler hätten Großaufträge mit Millionenhonoraren erhalten, die teilweise an Politiker weitergereicht worden seien. Unbestätigt sind Gerüchte, dass ein Dutzend Arbeiter wegen schlampiger Bauausführung ums Leben kamen.

EU-Gelder

Unklar bleibt, wie der kleine Staat mit nur zwei Millionen Einwohnern die Unterhaltung der Prunkbauten und Statuen finanzieren will. Je mehr die slawischen Mazedonier ihr Mazedonentum herausstreichen, desto schwieriger wird das ohnehin belastete Verhältnis zur albanischen Minderheit im Land. Mit Spannung wird die Volkszählung in diesem Oktober erwartet, um die Zahl der Albaner festzustellen. Sie stellten inzwischen zwischen 30 und 40 Prozent der Bevölkerung, behaupten sie. Bei der letzten Erhebung waren es 25 Prozent.

Die griechische Ausgrabungsleiterin Kottaridou ficht das alles nicht an. Sie freut sich über EU-Gelder, mit denen der Palast von Philipp II. in Aigai zur Zeit weiter ausgegraben wird. Zum Vorschein kommen prachtvolle Riesenmosaike, die von den antiken Plünderern übersehen wurden. Der 12 500 Quadratmeter große Palast sei der Archetyp für viele spätere Königspaläste gewesen. Philipp nehme als Vater von Alexander dem Großen eine Sonderstellung ein, sagt die Archäologin. Er habe erstmals seit mythischen Zeiten die zerstrittenen griechischen Stämme in einer «Heldentat» vereint.

In diesen Tagen beginnen Kottaridou und ihre Mitarbeiter mit dem Aufbau eines «virtuellen Alexandermuseums», in dem das ganze Wirken des großen Sohnes zusammengetragen wird. Schließlich hatte der Kriegsherr in einem bis dahin einzigartigen Feldzug das kleine regionale Königreich seines Vaters bis nach Indien und Ägypten ausgedehnt. Bei Kottaridou liegt das Projekt in besten Händen. Sie hatte 1977 in Aigai – gemeinsam mit ihrem Lehrer und Mentor – die mit einer unübersehbaren Zahl von Preziosen ausgestatteten antiken makedonischen Königsgräber entdeckt, die als «Jahrhundertfund» bezeichnet wurden. Mit dem daran immer wieder auftauchenden Sternsymbol schmückt sich auch Skopje: Als «Stern von Vergina» ziert es die Fahne des Staates Mazedonien.