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«Weil sie Kiiiiinder haben!»

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Der Prenzlauer Berg ist für seine Kinder berühmt - und für Eltern, die den Nachwuchs sehr wichtig nehmen. Ein Buch über "Edel-Eltern" und ihre "Bestimmerkinder" trifft einen Nerv, nicht nur in Berlin.

Die Geschichte ist wohl nicht wahr, aber sie klingt zumindest schön nach Prenzlauer Berg. Es schneit, und ein Kind sagt auf der Straße zur Mutter: «Guck mal, Mama. Es regnet Milchschaum!» Das Klischee von der Latte-Macchiato-Mutter mit teurem Kinderwagen gehört zu Berlin wie früher Harald Juhnke.

Im kinderreichen «Pregnancy Hill» gehen die Kleinen schon mit vier Jahren zum Yoga, lernen Klavier spielen und haben ihre Eltern fest im Griff – wenn diese nicht gerade irgendwas mit Medien machen oder die Lehrerin tyrannisieren, dass beim Schulfest auch ja Ökowürste auf den Grill kommen. So viel zu den Stereotypen.

Gesellschaftskritik

Kinder sind im Prenzlauer Berg sehr wichtig. Autorin Anja Maier, die die Milchschaum-Anekdote kolportiert, hörte im Biomarkt folgende Fragen, gerichtet an eine Zweijährige: «Iphigenie, was meinst du, soll die Mama die Sojawaffeln nehmen oder doch lieber die mit Amaranth-Crunch? Sag mal, Iphigenie, was soll die Mama machen?»

Für ihr Buch «Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter» zog die «taz»-Journalistin für drei Monate aus dem Umland zurück in ihr altes Viertel. Das Ergebnis ihrer Feldforschung traf einen Nerv. Manche Kindermode-Verkäuferin im Kiez hat Passagen ausgedruckt unter dem Ladentisch parat.

Fortpflanzung was Neues?

Eine Café-Besitzerin bricht im Buch in eine Tirade über die Über-Mütter aus, was im Internet eine Flut an Kommentaren auslöste. Ihr stehe es «bis hier mit den Weibern hier im Prenzlauer Berg», so Tanja D. «Eins im Wagen, eins am Wagen, eins im Bauch, so schettern die hier die Straße runter. Schön is dit nich! Die Weiber hier denken doch, die sind was Besseres. Weil sie Kiiiiinder haben! Huch! Is ja ganz was Neues, dass man sich fortpflanzen kann.»

Was ist dran am Klischee? Wer es sucht, findet es auch. Vor dem Café «Kiezkind» am Helmholtzplatz stehen Armadas von Dreirädern und Kinderwagen. Es gibt einen Indoor-Sandkasten, Spucktücher und «Baby Latte» auf der Karte, geschäumte Milch für 50 Cent. Am schwarzen Brett wirbt ein Naturkindergarten mit Shuttle-Service ins Umland: «Um 14.15 Uhr sind die Kleinen zurück – und riechen lecker nach Lagerfeuer.»

Überangebot für Kids?

Draußen sitzt eine junge Frau mit zweien ihrer drei Kinder vor Obstsalat-Schüsseln. Eine typische Kiezmutti? Neulich hätten schon Touristen auf sie gezeigt, als sie mit voll besetzter Kinderkarre und Rad unterwegs war, sagt Svenja (33), die ihren echten Namen lieber nicht nennen mag. Die Infrastruktur, die vielen Angebote für den Nachwuchs, das sei sehr angenehm. «Eigentlich finde ich es schade, dass es nicht überall so ist.»

Ähnliches ist oft von Leuten zu hören, die im Prenzlauer Berg wohnen. Klar ist das einstige Ost-Viertel nach dem Mauerfall eine Wohlstandsinsel geworden, mit Bio-Tierfutter-Läden und Cafés, die «Kauf dich glücklich» heißen. Beim Joggen kann es zwischen all den Kinderwagen etwas eng werden. Aber zum Leben finden es viele schön. Und man kann ja nicht immer meckern, dass es zu viele Volvos oder Therapeuten gibt, wenn man selbst einen hat oder braucht.

Kein Einzelfall

Ein Berliner Phänomen sind Eltern, bei denen sich alles um die Kinder dreht, nicht. Der amerikanische Autor Ralph Martin («Papanoia») verweist auf Brooklyn, London, Frankfurt oder München. Seine Tochter Lulu wollte einmal im Prenzlauer Berg bei einer Geburtstagsparty fernsehen. Das ging natürlich nicht und löste bei den anwesenden Müttern einen mittleren Skandal aus. «Alle diskutierten den Fall Lulu – warum wollte sie so gerne TV schauen?», erinnert sich Martin.

Die Familie zog weg, wegen der zweisprachigen Schule. «Aber ich hatte auch die Schnauze voll von diesem Gefühl der Überwachung. Dass die Leute immer in unsere Einkaufswagen geschaut haben, um zu kontrollieren, dass wir nicht zu viele nicht-bio-Würstchen haben.» Vielleicht wird Martin das auch in Kreuzberg passieren. Auch dort gibt es Edel-Eltern. Und kürzlich hat ein «Sexy Mama» aufgemacht, ein Laden für Umstandsmode, wie ihn Kiezmuttis lieben.