«Container-Flüchtling entwischt. Möglicherweise ist er bewaffnet und hält Verbindungen zu Al-Kaida», titelt die Zeitung, die dem Schuhputzer Marcel Marx (André Wilms) von seinem Kunden direkt vor die Nase gehalten wird. Kurze Zeit später taucht ein schwarzer Junge aus dem Wasser am Hafen von Le Havre auf und fragt: «Ist hier London?»
Schon in den ersten Szenen des Films wird klar, dass der finnische Regisseur Aki Kaurismäki mit seinem neuen Spielfilm «Le Havre» wieder eine behutsame und liebenswürdige Geschichte erzählt. Der Meister des Autorenkinos verpackt seinen politischen Zorn über die Behandlung von Flüchtlingen in der heutigen EU in die Ästhetik des französischen Kinos der Dreißigerjahre. «Le Havre» ist eine aus der Zeit gefallene soziale Utopie, ein Plädoyer für Hilfsbereitschaft und Solidarität, erzählt in satten Farben und leisen Tönen.
Ohne moralischen Unterton
Idrissa (Blondin Miguel) hat Hunger. Marcel Marx kauft ihm ein Käsesandwich und stellt die Tüte, angereichert mit einem Zehn-Euro-Schein, auf die Treppen in der Nähe des Ortes, an dem der Kopf des Jungen aus dem Wasser aufgetaucht war. Wenige Zeit später findet Marcel den Jungen – an seinen Hund Laïka gekuschelt – schlafend in seinem Gartenhäuschen.
Mit einer Selbstverständlichkeit, die nicht nur berührt, sondern der Geschichte auch jeglichen moralischen Unterton nimmt, entwickelt sich eine Hilfsaktion, an der sich die gesamte Nachbarschaft beteiligt. Ohne viele Worte, dafür mit Blicken und Taten. Eine Konserve hier, ein Unterschlupf da.
Um das Ziel zu erreichen, den Jungen per Schiff nach London zu seiner Mutter zu schmuggeln, macht Marcel sich auf die Suche nach dem Onkel des Jungen, organisiert ein Benefiz-Konzert und trickst die Polizei aus. Doch auch wenn die Hilfsaktion sicherlich im Mittelpunkt des Films steht, sind es auch die verschiedenen Leben aller Beteiligten, die weitergehen und erzählt werden.
Spiel mit Licht und Schatten
Da ist Chang, der sich ebenso als Schuhputzer mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt, von seinen Einkünften aber immer einen Teil für das Fahrrad seiner zweiwöchigen Tochter zurücklegt, bei der Geldsammelaktion für Idrissa aber keine Sekunde zögert, um seine mühsam gesparten Reserven beizusteuern. Und da ist Arletty, Marcels Ehefrau, die sein Leben organisiert – bis bei ihr Krebs diagnostiziert und sie in ein Krankenhaus eingeliefert wird. Kaurismäki erklärt nicht, er zeigt.
Nahaufnahmen einer Ananas oder des Kopfsteinpflasters, das Spiel mit Licht und Schatten und vor allem das Einfangen vielsagender Blicke erzeugen eine wärmende Atmosphäre, die sich wohl am besten als poetische Realität beschreiben lässt. Berührt durch ein persönliches Schicksal, rücken Menschen zusammen und können viel bewegen. Und – denn sonst wäre es ja kein richtiges Märchen – werden dafür auch belohnt: Nachdem der Junge auf dem Schiff in Richtung London ist, holt Marcel seine Frau aus dem Krankenhaus ab, die – wie durch ein Wunder – von ihrer Krankheit geheilt ist. Oder gibt es Wunder?
Zu Demaart
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