Die verschiedenen Einheiten der Rettungskräfte würden sich in Kürze treffen, um weitere Schritte zu beraten. Die Retter haben mit zunehmenden Wellengang zu kämpfen. Für den Tagesverlauf wird eine weitere Verschlechterung des Wetters erwartet.
Das 114.500 Tonnen schwere Schiff mit mehr als 4.200 Menschen an Bord war am vergangenen Freitagabend vor der Insel Giglio auf einen Felsen gelaufen und gekentert. Bei dem Unglück waren mindestens elf Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 20 Personen werden noch vermisst. Als Schuldigen haben die italienischen Behörden den Kapitän des Schiffs identifiziert, gegen den wegen fahrlässiger Tötung Haftbefehl erlassen wurde. Der Mann wurde inzwischen allerdings aus der Untersuchungshaft in den Hausarrest entlassen.
Die Schuldfrage
Die Reederei Costa Crociere suspendierte den beschuldigten Kapitän, Francesco Schettino, mit sofortiger Wirkung vom Dienst. Das Genueser Unternehmen werde ihn auch nicht verteidigen, sagte Costa-Anwalt Marco De Luca nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa. Costa Crociere sehe sich selbst als geschädigt an.
Schettino wird mehrfache fahrlässige Körperverletzung, Havarie und Verlassen des Schiffes während der Evakuierung vorgeworfen. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft.
Unter Drogeneinfluss?
In etwa zehn Tagen sollen toxikologische Untersuchungen abgeschlossen sein, die Aufschluss über einen möglichen Drogenkonsum des Kapitäns geben. Dies wurde laut Ansa aus Justizkreisen in Grosseto bekannt. Ausgeschlossen scheine es, dass Schettino während der Havarie betrunken war, hieß es.
Der 52-Jährige steht in seiner Heimat unter Hausarrest. Freunde verteidigten ihn. Sie fordern, Schettino nicht länger an den Pranger zu stellen. «Nicht aufgeben, Kapitän», stand auf einem Plakat zur Begrüßung, wie Aufnahmen aus Meta di Sorrento bei Neapel zeigten.
Erschwerte Bergungsbedingungen
«Das Schiff liegt weiterhin in unsicherer Lage in einer Untiefe», erklärte Luca Cari von den Rettungsmannschaften. Die Taucher müssten deshalb vorsichtig vorgehen. «Jede Verlagerung würde Gefahr bedeuten, und wir müssten die Operationen erneut einstellen.» Rettungsteams und Taucher von Feuerwehr, Küstenwache und Marine konzentrierten sich vor allem auf die vierte Brücke des Schiffes unter Wasser. Wie in den vergangenen Tagen setzten sie Sprengstoff ein, um sich durch die Schiffshaut Zugang ins Innere zu verschaffen.
Das 290 Meter lange Schiff mit mehr als 4200 Menschen an Bord rammte vor einer Woche – in der Nacht zum Samstag – nach einer Kursänderung des Kapitäns einen Felsen, schlug leck und kenterte. Das Schiff liegt in starker Schräglage vor der Insel Giglio.
Tanks auspumpen
Das Abpumpen von Öl aus den Tanks des Schiffs wird voraussichtlich mehrere Wochen dauern. Die Arbeiten sollen am Samstag beginnen, vielleicht auch schon früher, wie das italienische Umweltministerium mitteilte. Man warte darauf, dass die Rettungsarbeiten auf dem Schiff beendet seien. Die deutsche Niederlassung von Costa Crociere, Costa Kreuzfahrten, teilte mit, das niederländische Bergungsunternehmen Smit Salvage habe einen Plan zum Abpumpen ausgearbeitet.
Nach Angaben der Reederei sollen etwa 2.300 Tonnen Treibstoff an Bord sein, offensichtlich überwiegend Schweröl. «Schweröl ist wie dicker, zähflüssiger Honig. Um es abzupumpen, muss es erst auf 45 bis 50 Grad erwärmt werden», heißt es. Die Tanks der «Costa Concordia» fassen 2400 Tonnen.
Nicht das erste Mal
Die «Costa Concordia» soll der Insel Giglio schon vor dem Unfall deutlich näher gekommen sein als der Betreiber behauptet. Bei einer genehmigten Kursänderung im August 2011 sei das Schiff in rund 230 Metern Entfernung von der Insel vorbeigefahren, sagte ein Sprecher des Schiffsinformationsdienstes Lloyd’s List Intelligence in London. Anwalt De Luca sagte, er wisse nichts von Annäherungen dieser Art.
Besatzungsmitglieder sollen mehreren Passagieren nach Angaben von Augenzeugen den Zutritt auf eine Rettungsinsel verwehrt haben. «Not for passengers, for crew only» (Nicht für Passagiere, nur für die Crew) habe ein Schiffsmitarbeiter gesagt, berichtete der Überlebende Matthias Hanke im deutschen Fernsehen.
Blonde Unbekannte
In italienischen Medien wie der Zeitung «La Stampa» sorgten Spekulationen über eine angeblich geheimnisvolle Frau auf der Kommandobrücke der «Costa Concordia» für Verwirrung. Von blinden Passagieren war die Rede. Zumindest eine 25-jährige verdächtigte Moldawierin entpuppte sich jedoch als normaler Gast. Domnica Cemortan (25) erklärte dem moldauischen Fernsehen, sie sei als Gast des Kreuzfahrtunternehmens auf dem Schiff gewesen, für das sie kurz zuvor als Hostess gearbeitet habe. Während des Abendessens mit ihren früheren Kollegen habe sich dann das Unglück ereignet.
Für das Personal von Kreuzfahrten sei es kein Geheimnis, dass Kapitän und Offiziere inoffiziell Freunde oder Verwandte einladen könnten, schrieb «La Stampa». Diese im Fall der «Costa Concordia» zu ermitteln, könnte wichtig werden, weil es auch die Verwirrung bei der Zahl der Vermissten erklären könnte.
Die Kreuzfahrtbranche forderte eine umfassende Untersuchung des Unglücks. Die Kreuzfahrtindustrie müsse «eine der weltweit sichersten Freizeitindustrien» bleiben, sagte in London Christine Duffy, Chefin des Kreuzfahrtschiffverbandes Cruise Lines International Association.
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