Dienstag20. Januar 2026

Demaart Zu Demaart

Headlines

Kritik an Pussy-Riot-Urteil hält an

Kritik an Pussy-Riot-Urteil hält an
(dpa)

Jetzt weiterlesen !

Für 0,99 € können Sie diesen Artikel erwerben.

Oder schließen Sie ein Abo ab.

ZU DEN ABOS

Sie sind bereits Kunde?

Die Empörung über die harte Strafe gegen drei Aktivistinnen von Pussy Riot reißt nicht ab. Nun droht Ex-Schachweltmeister Kasparow ein Verfahren - soll einen Polizisten gebissen haben. Derweil legt die Punkband nach.

Begleitet von anhaltender Kritik am Urteil gegen drei Mitglieder der russischen Punkband Pussy Riot hat die Gruppe ein neues Lied gegen Kremlchef Wladimir Putin veröffentlicht. «Putin entzündet das Feuer der Revolution», singen mehrere Frauen und fordern das Volk auf, auf die Straße zu gehen und die Regierung zu vertreiben. Zahlreiche Oppositionsgruppen und Bürgerrechtler riefen für diesen Sonntag zu einem «Tag des Gedenkens und der Hoffnung» unweit des Regierungssitzes auf.

«Das Land geht auf die Straße mit Mut/ Das Land sagt dem Regime Auf Wiedersehen», heißt es in dem Song «Putin entzündet das Feuer der Revolution». Den Text der «Single zum Urteil» sowie ein Video veröffentlichte die Gruppe im Internet. «Wir werden weiterkämpfen», heißt es in einem Kommentar. Die Zeitung «Kommersant» schrieb, zur Veröffentlichung habe eine maskierte Aktivistin am Freitag vor dem Gerichtsgebäude das Lied abgespielt und CDs in die Menge der Anhänger von Pussy Riot geworfen.

Kasparow droht Haftstrafe

Dem Putin-Kritiker und Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow, der vor dem Gerichtsgebäude festgenommen wurde, drohen nach einem Bericht der Agentur Interfax bis zu fünf Jahre Haft, weil er einen Polizisten gebissen haben soll. Kasparow wies die Anschuldigung am Samstag entrüstet zurück. «Vielleicht hat sein Hund ihn gebissen», sagte er.

Insgesamt nahm die Polizei am Vortag rund um das Gericht knapp 100 Menschen vorübergehend in Gewahrsam, darunter auch Gegner der Künstlerinnen. Dutzenden drohen Strafen wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz.

Protest gegen Putin

Am Freitag sprach ein Moskauer Gericht die drei Frauen schuldig und verhängte Haftstrafen. Das Urteil für drei Mitglieder der kremlkritischen Punkband Pussy Riot ist weltweit auf Empörung und Kritik gestoßen. Rund um den Globus protestierten Anhänger der jungen Frauen in zahlreichen Großstädten gegen den Schuldspruch wegen Rowdytums aus religiösem Hass. In Russland verurteilten die Opposition, Bürgerrechtler und regierungskritische Medien die Strafen – jeweils zwei Jahre Lagerhaft – scharf.

Nadeschda Tolokonnikowa (22), Maria Aljochina (24) und Jekaterina Samuzewitsch (30) hatten am 21. Februar mit einem Punkgebet in der wichtigsten russisch-orthodoxen Kirche gegen die Rückkehr Wladimir Putins in den Kreml protestiert. Sie sitzen seit fast einem halben Jahr in Untersuchungshaft.

Kein politischer Hintergrund

Die Künstlerinnen hätten die Gefühle der Gläubigen absichtlich beleidigen wollen, sagte Richterin Marina Syrowa in ihrer fast dreistündigen Urteilsverkündung. Einen politischen Hintergrund, wie ihn die Frauen betont hatten, wies sie zurück.

Das Urteil zeige, dass Staat und Kirche in Russland endgültig miteinander verflochten seien, kommentierte die Zeitung «Nowaja Gaseta» im Internet. Das Onlineportal newsru.com schrieb in Anlehnung an die mittelalterlichen Hexenprozesse: «Moskau, 21. Jahrhundert: Zwei Jahre für einen ’satanischen Veitstanz‘.»

Hartes Urteil

Der Schuldspruch sei «unverhältnismäßig hart», ließ die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mitteilen. Das Weiße Haus in Washington zeigte sich über das Urteil «enttäuscht». Auch die EU und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa sowie Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch kritisierten das Urteil scharf.

In Warschau forderten etwa 150 Menschen am Rande eines historischen Besuches des russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill «Freiheit für Pussy Riot».

Milde für Pussy Riot

Die russische-orthodoxe Kirche bat unterdessen um Milde für die Verurteilten. Zuvor hatten sich hohe Kirchenvertreter wiederholt für scharfe Strafen ausgesprochen. Der Sprecher von Putin wollte das Urteil zunächst nicht kommentieren. Putin hatte sich zuletzt für eine «nicht zu harte» Strafe ausgesprochen.

Die Mehrheit der Russen verurteilt einer aktuellen Umfrage zufolge die skurrile Performance der jungen Frauen, von denen zwei kleine Kinder haben. Den Grund sehen Experten darin, dass vor allem für Einwohner jenseits der Metropolen Moskau und St. Petersburg das Staatsfernsehen einzige Informationsquelle ist.

Kritik an Verfahren

Bürgerrechtler kritisieren, dass Richterin Syrowa das Verfahren mit 3000 Seiten Ermittlungsakten in nur acht Verhandlungstagen in Marathonsitzungen durchgezogen habe. Die Pussy-Riot-Mitglieder beschwerten sich über geringe Ruhepausen. Syrowa wies mehrere Befangenheitsanträge gegen sich ab.

Bei Protesten vor dem Gerichtsgebäude wurden mindestens 60 Anhänger der Künstlerinnen festgenommen, darunter der Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow und Sergej Udalzow, einer der Oppositionsführer. Zuhörer im Saal reagierten mit «Schande»-Rufen auf das Urteil. Einem Gnadengesuch an Putin hatten die Künstlerinnen bereits im Vorfeld eine Absage erteilt. Ihre Anwälte wollen notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen.